Cicero, De finibus bonorum et malorum III 7-10:
Darauf erwiderte ich: „Ich habe gestern nach Abschluß der Ludi Romani die Stadt verlassen und bin am Abend in meiner Villa angelangt. Der Anlaß, hierher zu kommen, war der, daß ich mir hier einige Bücher holen wollte. Ich meine allerdings, Cato, daß diese ganze Masse auch unserem Lucullus wird vertraut werden müssen; denn mir liegt daran, daß er sich mehr an diesen Büchern erfreut als an der übrigen Ausstattung der Villa. Es ist mir eine große Sorge – obschon dies streng genommen deine Aufgabe ist -, daß er so erzogen wird, daß er seinem Vater und unserem Caepio (2), und dir, der du ihm so nahe stehst, gleichkommt. Dies beunruhigt mich nicht ohne Grund; denn die Erinnerung an seinen Großvater bewegt mich – du weißt ja, wie hoch ich Caepio geschätzt habe, der meiner Meinung nach jetzt schon zu den führenden Männern gehören würde, wenn er noch lebte -, und auch Lucullus steht mir vor Augen, ein Mann, ausgezeichnet in allen Tugenden und mit mir durch Freundschaft und in allen seinen Neigungen und Überzeugungen verbunden.“
„Du hast recht“, sagte er, „die Erinnerung an jene beiden zu pflegen, von denen jeder in seinem Testament dir seine Kinder ans Herz gelegt hat, und den jungen Mann zu lieben. Was du meine Aufgabe nennst, weise ich keineswegs zurück, möchte dich aber an ihr beteiligen. Ich füge noch bei, daß der Junge schon viele Anzeichen eines bescheidenen Charakters und guter Begabung aufweist, aber wie du siehst, ist er noch sehr jung.“
„Ich sehe es in der Tat“, sagte ich. „Aber man wird ihm doch schon jene Bildung beibringen müssen, ohne die er, wenn er sie nicht jetzt im zarten Alter in sich aufgenommen hat, für die größten Aufgaben später nicht genügend vorbereitet sein wird.“
„Ich bin einverstanden, und über diesen Punkt werden wir noch ausführlicher und öfters unter uns reden und dann gemeinsam handeln müssen. Aber jetzt wollen wir uns setzen, wenn es dir recht ist.“ So taten wir.
Darauf begann jener: „Aber welche Bücher suchst du denn hier, wo du doch selber so viele besitzest [Tu autem cum ipse tantum librorum habeas, quos hic tandem requiris]?“
„Ich suche einige Studien des Aristoteles“, erwiderte ich, „von denen ich wußte, daß sie hier sind. So kam ich, sie zu holen, um sie zu lesen, solange ich Ruhe habe, was bei mir nicht oft der Fall ist.“
„Wie sehr wünschte ich“, sagte er, daß du deine Sympathie den Stoikern zuwendetest. Denn wenn überhaupt jemand, so wärest du zu der Überzeugung verpflichtet, daß es außer der Tugend [virtus] kein Gut gibt.“
[...]
(Cicero: Ziele menschlichen Handelns. Hrsg. v. Olof Gigon und Laila Straume-Zimmermann. Darmstadt 1988, S. 180-185)
(2) Q. Servilius Caepio (ca. 97–67
v.u.Z.), der seinen Neffen M. Iunius Brutus adoptiert hatte
M. Licinius Lucullus ist 42
v.u.Z. in der Schlacht bei Philippi, auf der Seite von Brutus und Cassius kämpfend, gefallen. Cicero war da bereits ermordet worden, während Cato Suizid begangen hatte.