Außerdem gibt es aus dieser Phase starke Hinweise auf Kontinuität trotz des jähen, totalen Aussetzens der politischen und sozialen Systeme, die auf dem griechischen Festland während der Bronzezeit bestanden hatten. (4) Beispielsweise wird in der Linguistik die These vertreten, dass sich einige Charakteristika des dorischen Dialekts bereits in der Sprache der Linear-B-Texte ausmachen lassen, die die Mykener verwendeten, einer Frühform des Griechischen. Damit sind die Dialekte vielleicht einfach von verschiedenen griechischsprachigen Gruppen verwendet worden, die den großen Kollaps überlebten, und nicht von Invasoren aus ferneren Gegenden. (5)
Außerdem gibt es keinen großen Zustrom neuer Bevölkerungsgruppen. Vielmehr deuten archäologische Surveys genau auf das Gegenteil hin, denn unmittelbar nach dem Zusammen-bruch kam es auf dem griechischen Festland zu einem dramatischen Bevölkerungsrückgang. Die frühen Schätzungen, wonach die Bevölkerung zwischen 75 und 90 % abnahm, gelten heute als etwas zu hoch, aber aktuelle Einschätzungen bewegen sich immer noch zwischen 40 und 60 % - damit wäre eine geschätzte Bevölkerung von rund 600000 Menschen auf dem griechischen Festland gegen Ende der Bronzezeit auf rund 330000 in der Frühen Eisenzeit gesunken. (6)
Allerdings sind sie nicht alle gestorben. Manche Überlebende zogen einfach in andere Gebiete Griechenlands um, die vorher unbesiedelt gewesen waren, jetzt aber vielleicht sicherer erschienen als die alten Wohnorte. Wieder andere könnten noch weiter weggezogen sein, nach Osten in Gegenden wie Zypern oder Kanaan oder westwärts nach Italien, Sardinien oder Sizilien. (7)
Einfach ausgedrückt, ist bisher trotz über einem Jahrhundert Grabungstätigkeit noch kein eindeutiger Beweis für die Dorische Wanderung zum Vorschein gekommen. Sie ist ein Mythos oder eine literarische Tradition, die antike griechische Autoren schufen, um teilweise zu erklären, wie es kam, dass im 1. Jahrtausend v. Chr. verschiedene Dialekte des Griechischen gesprochen und geschrieben wurden, aber sie wird von keinerlei materiellen Zeugnissen gestützt.
(Eric H. Cline: Nach 1177 v. Chr. – Wie Zivilisationen überleben. Freiburg/Br. 2024, S. 24-26)
(4) Dieses „Aussetzen“ ist das Thema von Clines erstem, berühmten Buch:
1177 v. Chr. Der erste Untergang der Zivilisation . Darmstadt 2015
(5) Vgl. z.B. G. Nagy 2019,
a.a.O.
(6) Vgl. S. C. Murray: The Collapse of the Mycenaean Economy: Imports, Trade, and Institutions 1300-700 B.C. Cambridge 2017. Cline gibt noch weitere Autoren an.
(7) Vgl. z.B. J. M. Hall: Hellenicity: Between Ethnicity and Culture. Chicago (Ill.) 2002