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Eine Geschichte von Religion und Krieg #8 (252 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 12.01.2025 um 23:39 Uhr (
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722 v. Chr. eroberten die Assyrer das Nordreich Israel, viele entzogen sich der Deportation durch Flucht nach Juda. Das Südreich sicherte sich das Überleben, indem es als Vasall Tribute an den assyrischen König zahlte: „Für die Entstehung eines gelebten Monotheismus ist vor allem von Bedeutung, dass Juda und Jerusalem unter der assyrischen Besatzung mit der Institution der Vasallitätsverpflichtung bekannt wurden“, schreibt der katholische Theologe und Religionswissenschaftler Othmar Keel (12). In Verträgen mussten Judas Herrscher dem assyrischen König absolute Treue schwören und sich unter „schwersten Drohungen“ dazu verpflichten, „keinen anderen Herrn als den assyrischen Großkönig ins Auge zu fassen, ihm allein loyal zu sein, ‚ihn zu lieben‘, jeden Versuch, sie von diesem exklusiven Verhältnis abzubringen und etwa zu einer Hinwendung zum Pharao zu motivieren, erbarmungslos zu denunzieren und zu bestrafen“.
Diese Vorstellung wird nun auf den eigenen Gott übertragen: „Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr ist einer. Und du sollst den Herrn, deinen Gott, liebhaben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft“, heißt es in 5. Mose 6. Das Motiv der Liebe, eines der Kern-elemente der Bibel, stammt also, laut Keel, aus dem „altorientalischen Vertragsrecht zur Bezeichnung politischer Loyalität“, und auch das „von ganzem Herzen“ gehört in diesen Kontext. Das Volk Israel – und später alle Gläubigen – bindet sich an Jahwe wie Vasallen an den assyrischen Großkönig. Das monotheistische Gottesbild ist in entscheidenden Zügen kein religiöses, sondern ein politisch geprägtes. „Der Machtanspruch ist von Haus aus der des assyrischen Großkönigs“, konstatiert Keel, dieser sei „kritiklos“ auf Jahwe übertragen worden, der so „mit Zügen eines altorientalischen Despoten ausgestattet“ worden sei.
Der Assyriologe Eckart Frahm (13) untermauert diese Sicht: Das „Bild des allmächtig erscheinenden assyrischen Regenten, dieses Beherrschers der Welt“, hat „unmittelbar das biblische Gottesbild beeinflusst“. Das Ergebnis sei „die ins Religiöse gewendete Idee einer absoluten Herrschaft, wie sie sich im assyrischen Königtum manifestierte“. Der „monokratische Charakter des assyrischen Königtums“ gehört damit zu den „Wurzeln des biblischen Monotheismus“. In der „gleichermaßen absoluten wie imperialen Herrschaftsauffassung“ der Assyrer sahen die Bibelautoren eine „wichtige Inspirationsquelle“. Das wirkt sich bis in die biblischen Gewaltschilderungen hinein aus, die unverkennbar durch die geschilderten (14) assyrischen Exzesse in Sachen Grausamkeit inspiriert wurden.
(Harald Meller / Kai Michel / Carel van Schaik: Die Evolution der Gewalt. Warum wir Frieden wollen, aber Kriege führen. Eine Menschheitsgeschichte. München 2024, S. 296-311)
(12) Keel, O.: Jerusalem und der eine Gott. Eine Religionsgeschichte. Göttingen 2011
(13) Frahm, E.: Geschichte des alten Mesopotamien. Stuttgart 2013
(14)
a.a.O., S. 274-276