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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Eine Geschichte von Religion und Krieg #7 (220 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 12.01.2025 um 00:07 Uhr (Zitieren)
Für irdischen Absolutismus existierten damit jedoch keine göttlichen Äquivalente. Die Herkunft aus der Welt lokaler Stammesfürsten und Warlords prägte weiterhin die göttliche Sphäre. Auch dort dominierten Cliquen, Rivalitäten und Intrigen: Das spiegelt sich in den ebenso opulenten wie streitsüchtigen Götterwelten Mesopotamiens, Ägyptens, Griechenlands oder auch Roms. Daher lassen sich die hier vorgestellten Strategien als Versuche der Herrscher verstehen, den Götterkosmos ihren absolutistischen Bedürfnissen gemäß zu modernisieren. Wie das Beispiel Echnatons illustriert, scheiterten solche Versuche zumeist an der Beharrungskraft der himmlischen Verhältnisse und ihrer irdischen Repräsentanten.

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Deshalb vollzog sich die entscheidende Innovation des Monotheismus an einem überraschenden Ort und unter gänzlich anderen Bedingungen. Die Rede ist von jener Schnittstelle der Interessensphären der damaligen Großreiche, die als das „Heilige Land“ in die Geschichte eingehen wird. Dass das israelische Großreich der Könige David und Salomons nur eine sagenhafte Fiktion war, hat die Archäologie in den vergangenen Jahrzehnten überzeugend herausgearbeitet. Tatsächlich formierten sich im 9. Jahrhundert v. Chr. in der Levante zwei kleine Königreiche: Israel im Norden, Juda im Süden.
In beiden Fällen war entscheidend, dass es sich eben um keine primären Staatsbildungen handelte, sondern um sekundäre, die sich unter dem Einfluss bereits bestehender Staaten vollzogen. Das hatte gerade im Bereich der offiziellen Religion, des Staatskultes, Konsequenzen: Im Fall sekundärer Staatsbildungen, die mit der Formierung neuer Institutionen einhergehen, besteht eine einmalige Modernisierungschance, da man bewährte herrschaftsideologische Elemente aus bereits etablierten Reichen übernehmen und sie den eigenen Bedürfnissen anpassen konnte.

In Israel und Juda entfaltete sich in den jeweiligen Hauptstädten Samaria und Jerusalem ein Staatskult um Jahwe, der als Wettergott begonnen hatte und nun weitere Funktionen erhielt, nicht zuletzt, weil er im Prozess der Monotheisierung seine ehemalige göttliche Begleiterin Aschera aufgeben musste. Theologen nennen das die „Kompetenzausweitung“ Jahwes. Vor allem bedeutete das: „Der Staatsgott ist Kriegsgott“, wie es der Theologe Bernhard Lang (11) formuliert. Seine Aufgabe war es, „dem Herrscher im Kampf den Sieg zu gewähren“. Diese für Mesopotamien wie Ägypten charakteristische Jobbeschreibung gilt ebenso für den Staatsgott von Kleinkönigtümern.

Das Besondere war nun, dass man den eigenen Staatsgott mit absolutistischen Qualitäten ausstattete, wie sie typisch für die Herrscher der umliegenden Imperien waren. Welch ein ebenso gewaltiges wie gewalttätiges Vorbild man sich in Samaria und Jerusalem ausgesucht hatte, ist in den vergangenen Jahren überzeugend herausgearbeitet worden: Es sind die größten Herrscher ihrer Zeit, die assyrischen Könige.

(Harald Meller / Kai Michel / Carel van Schaik: Die Evolution der Gewalt. Warum wir Frieden wollen, aber Kriege führen. Eine Menschheitsgeschichte. München 2024, S. 296-311)

(11) Lang, B.: JAHWE, der biblische Gott. Ein Porträt. München 2002
Re: Eine Geschichte von Religion und Krieg #7
Aurora schrieb am 12.01.2025 um 09:53 Uhr (Zitieren)
weil er im Prozess der Monotheisierung seine ehemalige göttliche Begleiterin Aschera aufgeben musste.


Die Verdrängung weiblicher Gottheiten (besonders Aschera) hatte verschiedene Gründe:
Politische Machtkonsolidierung und Zentralisierung des Kultes
Abgrenzung von umliegenden polytheistischen Religionen
Theologische Entwicklung zum Monotheismus
Weibliche Aspekte verschwanden nicht vollständig:
In den biblischen Texten finden sich weibliche Gottesbilder für Jahwe
Beispiel: Gott wird als fürsorgliche Mutter beschrieben (Jesaja 66,13)
Die "Schechina" (göttliche Präsenz) wird weiblich gedacht
Weisheitstraditionen (Chokmah) haben starke weibliche Komponenten
Eigenschaften wie Liebe und Gewaltlosigkeit:
Diese wurden nicht eliminiert, sondern in das Gottesbild Jahwes integriert
Jahwe wird als barmherzig und liebend beschrieben
Die prophetische Tradition betont soziale Gerechtigkeit und Mitgefühl
Gewalt und Macht sind nicht spezifisch "männliche" Eigenschaften
Soziokultureller Kontext:
Die patriarchale Gesellschaftsstruktur hatte sicher Einfluss
Aber der Prozess war primär durch religiös-politische Faktoren bestimmt
Die Entwicklung zum Monotheismus war komplex und nicht primär geschlechtsbezogen
Die Verdrängung weiblicher Gottheiten war also weniger eine bewusste Eliminierung "weiblicher" Eigenschaften, sondern Teil eines größeren religiösen und politischen Transformationsprozesses.
Re: Eine Geschichte von Religion und Krieg #7
Γραικύλος schrieb am 12.01.2025 um 15:39 Uhr (Zitieren)
Für mich neu, obwohl inzwischen anscheinend weitgehend akzeptiert, ist die Erkenntnis an Schluß: daß die jüdische Vorstellung von Monotheismus in Analogie zu den Vasallenverträgen entstanden ist, die Israel und Judäa mit den assyrischen Großkönigen unterzeichnen mußte.
Dieser Jahwe ist also ein Abbild des assyrischen Großkönigs, der es ebenfalls nicht schätzte, wenn man anderen neben ihm diente.

Dazu kommt noch mehr.
Re: Eine Geschichte von Religion und Krieg #7
Γραικύλος schrieb am 12.01.2025 um 16:07 Uhr (Zitieren)
an Schluß --> am Schluß
Re: Eine Geschichte von Religion und Krieg #7
Andreas schrieb am 12.01.2025 um 16:54 Uhr (Zitieren)
Jahwe ist mW ein Konglomerat/Verschmelzung aus ehemaligen Stammesgottheiten.
So hörte ich es mal vor vielen Jahren in einer Vorlesung über das AT.
Re: Eine Geschichte von Religion und Krieg #7
Γραικύλος schrieb am 12.01.2025 um 16:59 Uhr (Zitieren)
Es geht Weller & Co. weniger um die Herkunft als um die Ausgestaltung der Jahwe-Vorstellung. Was hat man daraus gemacht? Ein himmlisches Analogon zu dem, was man vom Großkönig kannte.
 
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