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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Çatalhöyük #2 (215 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 02.01.2025 um 23:18 Uhr (Zitieren)
Dem ersten Faktor sind wir bereits begegnet: Mit der langen Existenz von Çatalhöyük ist ein Zuwachs an Gewalt verbunden. Vermutlich waren es nicht einmal primär die Bewohner, zwischen denen die Gewalt eskalierte. Vorräte und leicht zu entführendes Vieh wird Fremde zu Raubüberfällen animiert haben. Städte werden bis in die Neuzeit hinein für hochmobile Aggressoren wie Steppenvölker, Piraten oder Wikinger als Synonym für leichte Beute stehen.

Der zweite ist die Übernutzung lokaler Ressourcen. Noch fehlte es an Erfahrungen mit nachhaltiger Bodennutzung. Je länger der Ort besiedelt war, desto weitere Wege mussten die Menschen zu den Feldern zurücklegen, war der Boden doch um die Siedlung bald ausgelaugt. Ebenso führte die hohe Bevölkerungszahl zu einem Einbruch der Wildbestände in der Umge-bung. Dass man deshalb mit Nachbarn aneinandergeraten konnte, liegt auf der Hand.

Faktor drei lässt Städte bis ins 19. Jahrhundert hinein zu Todesfallen werden: miserable sanitäre Verhältnisse. Die Ausgräber fanden direkt neben, aber auch in den Häusern menschliche wie tierische Fäkalien sowie Abfallhaufen jeglicher Art. Die ersten Bauern mussten Hygiene erst lernen: Jäger und Sammler wechselten so oft das Lager, dass sie sich weder um ihre Notdurft noch um Abfälle Gedanken machen brauchten.

Der vierte Faktor hängt damit zusammen: Von den domestizierten Tieren, mit denen die Menschen dicht an dicht lebten, überwanden Erreger die Artgrenze und lösten als Zoonosen tödliche Seuchen aus. Es mangelte noch an Immunitäten und Resistenzen. In Megasiedlungen sind erstmals genügend Menschen vorhanden, dass Krankheitskeime sich lange halten konnten, da sie ein genügend großes Reservoir an potenziellen Kranken boten.

Diese vier Faktoren trugen dazu bei, das Schicksal von Çatalhöyük zu besiegeln. Zogen die Menschen Lehren aus dem Kollaps? Schließlich hatten sie noch keine Ahnung von den tatsächlichen Krankheitserregern. Es ist verlockend anzunehmen, dass Çatalhöyüks Schicksal der Ursprung für Mythen sein könnte, wie sie Jahrtausende später in Geschichten wie der vom Turmbau zu Babel oder Sodom und Gomorra niedergeschrieben werden: Götter mögen es nicht, wenn Menschen dicht ge-drängt zusammenleben[,] und schicken deshalb Strafen, um sie in alle Welt zu zerstreuen.

(Harald Meller / Kai Michel / Carel van Schaik: Die Evolution der Gewalt. Warum wir Frieden wollen, aber Kriege führen. Eine Menschheitsgeschichte. München 2024, S. 194-196)
Re: Çatalhöyük #2
βροχή schrieb am 03.01.2025 um 09:12 Uhr (Zitieren)
hochmobile Aggressoren wie Steppenvölker


Da denkt man sofort an Tschingis (es gab weitere)

Die Frage ist, hatten diese Steppenvölker nicht selber schon die Phase der Hierarchie erreicht, als sie aggressiv wurden? Sie waren noch nomadisch, aber nicht mehr egalitär?
Re: Çatalhöyük #2
Γραικύλος schrieb am 03.01.2025 um 18:19 Uhr (Zitieren)
Zur Zeit von Çatalhöyük? Das weiß ich nicht - es ließe sich an Rangdifferenzierungen in ihren Grablegen absehen.
Auffallend ist, daß gar nicht so selten Frauen mit Waffen bestattet wurden, was eine Grundlage für den Amazonen-Mythos sein dürfte.
Re: Çatalhöyük #2
Γραικύλος schrieb am 03.01.2025 um 18:23 Uhr (Zitieren)
Bei Hermann Müller-Karpe lese ich über das 10. Jhdt. v.u.Z. das "Gebiet westlich des Indus" betreffend: "Männer und Frauen lassen im Reichtum ihrer Beigaben keine Unterschiede erkennen." Allerdings in der Art ihrer Bestattung: Männer als Hocker auf der rechten, Frauen als Hocker aus der linken Körperseite.
(a.a.O., Bd. 3, S. 87)
Re: Çatalhöyük #2
βροχή schrieb am 03.01.2025 um 19:10 Uhr (Zitieren)
Nachdem er die Wohnung des Verstorbenen untersucht hatte, stellte Zangger fest, dass Mellaart die – lange nach Beendigung der Ausgrabungen vorgestellten – sogenannten «rekonstruierten» Wandmalereien von Çatalhöyük gefälscht und Übersetzungen angeblich keilschriftlicher Dokumente erfunden hatte.
(wiki)

Ist das bereits berücksichtigt?

Warum machte Mellaart das nur, er stiftete völlig unnötige Verwirrung :(


Re: Çatalhöyük #2
Γραικύλος schrieb am 03.01.2025 um 23:01 Uhr (Zitieren)
Der erste Artikel stammt von 2018, während das Buch 2024 erschienen ist, als die Fälschungen also bereits bekannt waren.
Auf die Wandgemälde nehmen Meller & Co. in meinem Textauszug #1 ganz kurz Bezug; Bedeutung für ihre Thesen haben sie m.E. nicht.

Aber ich danke für den Hinweis.
Re: Çatalhöyük #2
Γραικύλος schrieb am 03.01.2025 um 23:01 Uhr (Zitieren)
Eine kuriose Geschichte ist das: echter Entdecker und Fälscher zugleich.
Re: Çatalhöyük #2
βροχή schrieb am 03.01.2025 um 23:13 Uhr (Zitieren)
Die beiden anderen Artikel sind auch interessant.
(Sie haben nichts mit Malaart zu tun.)



Archäologische Fälschungen sind gar nicht so selten. Die Versuchung, die Vergangenheit zu formen statt zu enthüllen, scheint die Grabenden gerne zu überfallen.
 
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