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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Çatalhöyük #1 (275 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 02.01.2025 um 00:16 Uhr (Zitieren)
Die Herausforderungen der neuen Existenzweise zeigen sich wie in einem Brennglas an einem der wundersamsten Orte des Neolithikums: in Çatalhöyük, einer in der zentralanatolischen Konya-Hochebene gelegenen Megasiedlung. In der Zeit von 7500 bis 6200 v. Chr. beherbergte sie zwischen 4000 und 8000 Menschen. Straßen gab es keine, die Häuser standen Mauer an Mauer; der Zugang erfolgte über die flachen Dächer. Es dominierte noch der egalitäre Jäger und Sammler-Geist: Architektonisch erhob sich keiner über den anderen.

Legendär ist Çatalhöyük wegen der mysteriös ausgestalteten Innenräume. An den Wänden prangten mit Ton oder Gips übermodellierte Geierschnäbel, Fuchsschädel und Bukranien, also mit Hörnern bewehrte Stierschädel. Malereien zeigen Geier, die sich über kopflose Leichen hermachen, Leoparden und Jagdszenen. Der Fund der „thronenden Göttin“, deren Hände auf den Köpfen zweier Raubkatzen ruhen, befeuerte im 20. Jahrhundert Matriarchatstheorien. Heute gilt das als widerlegt.

Die Bewohner von Çatalhöyük bewirtschafteten Felder, hüteten Ziegen und Schafe und führten Rinder auf die Weide. Sie gingen auch der Jagd und dem Fischen nach. Je mehr die Protostadt prosperierte, desto größer wurden die Probleme. Übernutzung des umliegenden Landes, Überjagung und Hygieneprobleme waren die Konsequenzen. Sicher kam es zu sozialen Spannungen. Man hatte aus praktischen Gründen die Gemeinschaftsspeicher aufgegeben. Nun hatte jeder Haushalt einen eigenen. Passenderweise finden sich in Çatalhöyük auch Hinweise auf patrilokale Verhältnisse: Die Zahnanalysen zeigen, dass Männer am Ort ihrer Geburt blieben, während Frauen von außerhalb kamen. Aus der Ethnografie wissen wir, dass Patrilokalität mit der Relevanz immobilen Eigentums korrespondiert, das verteidigt werden muss.

Rund ein Viertel von 93 in Çatalhöyük gefundenen analysierten Schädeln weist verheilte Kopfverletzungen auf. Sie könnten von mit Schleudern verschossenen Tonkugeln stammen, die zu den Frakturen passten. Soweit sicher zu identifizieren, waren Frauen davon sogar etwas häufiger betroffen. Die Opfer waren vor allem von hinten attackiert worden. Das spricht für Überfälle.

Lange wurde gerätselt, was zum Kollaps Çatalhöyüks führte. Große Menschenansammlungen sind vulnerabel, trotzdem ist dieses menschheitsgeschichtlich neue Experiment – Tausende von Menschen dicht gedrängt an einem Ort – erstaunlich lange gut gelaufen, nämlich über ein Jahrtausend. Heute wissen wir genauer, warum die Megasiedlung vor 8000 Jahren aufgegeben wurde. Es handelt sich um Probleme, die typisch für die Anfänge von Agrargesellschaften sind. Den Menschen fehlte es an tauglichen Rezepten, ihrer Herr zu werden. Vier Faktoren sind zu nennen. Sie werden durch die Geschichte hinweg für Schwierigkeiten und Gewalt sorgen.

(Harald Meller / Kai Michel / Carel van Schaik: Die Evolution der Gewalt. Warum wir Frieden wollen, aber Kriege führen. Eine Menschheitsgeschichte. München 2024, S. 194-196)
 
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