Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Frauenraub im Neolithikum #1 (197 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 31.12.2024 um 00:07 Uhr (
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[...] Frauen werden geraubt – das ist kein Schicksal, das ist eine wenige Jahrtausende alte kulturelle Innovation, die sich der Zivilisation einschreiben wird.
Erinnern wir uns: In zwei von den vier vorgestellten Massengräbern (1) fehlten die jungen Frauen. Sie waren nicht umgebracht worden, sie wurden entführt. Frauen werden zu Beute. Der Grund? Im Neolithikum ist von einem real existierenden Frauendefizit auszugehen – und das ist ein Kriegstreiber sondergleichen. Die stabilere, stärkereiche Ernährung, gekoppelt mit einer geringeren Mobilität[,] lässt die Geburtenraten der Frauen steigen. Wurden Jäger und Sammler-Frauen im Schnitt nur etwa alle vier Jahre schwanger und die Kinder ähnlich lang gestillt (was die Empfängnisbereitschaft massiv reduziert), bekamen ihre sesshaften Geschlechtsgenossinnen alle ein bis zwei Jahre ein Kind. Brei und Milch von Haustieren machten es möglich, früh abzustillen. Eine höhere Kinderzahl war dringend nötig, da die Landwirtschaft jede Menge Arbeit mit sich brachte und es deshalb viele helfende Hände brauchte, auch die von Kindern. Das ist der Motor, der hinter dem nun beginnenden rasanten Bevölkerungswachstum stand, das zu acht Milliarden Menschen von heute führen wird – und den Planeten in größte Not stürzte. Auch das ein Erbe der Neolithisierung.
Für die Spezies Mensch war die neue Lebensweise ein Erfolg, zumindest quantitativ betrachtet. Qualitativ für die Individuen dagegen nicht, im Gegenteil. Die Kosten waren immens. Die neue Ernährung war einseitiger, die Landwirtschaft eine einzige Plackerei und dann das stundenlange Mahlen des Getreides. Die Skelette sprechen eine deutliche Sprache: Die frühen Bauern sind kleiner, weniger gesund, litten häufiger unter Karies und lebten kürzer als ihre mobilen Vorfahren. Da Frauen besonders in diese Aktivitäten eingebunden waren, laugte das ihre Körper noch weiter aus. Mangelkrankheiten waren die Folge, viele überlebten Schwangerschaft und Kindbett nicht.
Die patrilokalen Heiratsregeln erhöhten die Belastung: Frauen hatten in andere Familien zu wechseln, verloren damit ihre Unterstützung durch Eltern, Verwandte und Freunde. Als tendenziell Fremde in den neuen Familien mussten sie hart arbeiten (die „böse Schwiegermutter“, die das genau überwacht, hat hier ihre Wurzeln). All das führte dazu, dass die Sterblichkeit von Frauen weiter in die Höhe schoss. Gerade für Pioniergesellschaften (2) war das bedrohlich, hing von ihnen doch das Überleben ab. Das Paradebeispiel dafür ist der „Raub der Sabinerinnen“, von dem der Historiker Titus Livius erzählt (3) und der am Anfang Roms stand. Der mythischer Stadtgründer Romulus und seine männliche Anhängerschaft wollten dem Schicksal des Aussterbens entgehen und versuchten, bei benachbarten Stämmen Frauen zu gewinnen. Als das erfolglos blieb, raubten sie bei einem Fest die Sabinerinnen. Was sich die Sabiner wiederum nicht gefallen ließen und gegen Rom zogen.
(Harald Meller / Kai Michel / Carel van Schaik: Die Evolution der Gewalt. Warum wir Frieden wollen, aber Kriege führen. Eine Menschheitsgeschichte. München 2024, S. 210-212)
(1) Talheim bei Heilbronn, Asparn-Schletz in Niederösterreich, Schöneck-Kilianstädten im Main-Kinzig-Kreis und Halberstadt-Sonntagsfeld (vgl.
a.a.O., S. 197-200)
(2) im Zusammenhang mit der Ausbreitung sesshafter agrarischer Stämme
(3) Ab Urbe condita I 33, 1 f.
Re: Frauenraub im Neolithikum #1
βροχή schrieb am 31.12.2024 um 10:27 Uhr (
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Im Neolithikum ist von einem real existierenden Frauendefizit auszugehen –
Wieso gab es plötzlich dieses Defizit?
Wodurch kamen die Frauen/Mädchen vorzeitig um?
Re: Frauenraub im Neolithikum #1
Γραικύλος schrieb am 31.12.2024 um 10:56 Uhr (
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Das wird ja dann im folgenden erklärt: die Lebensbedingungen für Frauen haben sich verschlechtert; und es kommt noch eine Ursache hinzu: #2.