Patroklos schrieb am 28.12.2024 um 11:53 Uhr (Zitieren)
Diese Bitte im Vaterunser ist gemessen an den spirituellen Bitten merkwürdig. Offenbar ist zudem ἐπιούσιον für täglich ein hapax legomenon. Nirgendwo sonst in griechischen Texten zu finden. Sicher ein Fall für Andreas, wenn nicht für filix…
Als der norwegische Pastor Hans Egede im frühen 18. Jh. nach Grönland fuhr, um dort zu missionieren, wählte er eine Variante im Vaterunser. Da die Grönländer kein Brot kannten, hieß es „Unseren täglichen Seehund gib uns heute.“
Re: Unser tägliches Brot gib uns heute
Andreas schrieb am 28.12.2024 um 13:57 Uhr (Zitieren)
Gilt nicht auch hier: Erst kommt das (Fr)Essen, dann sie Spiritualität.
Der muss ansonsten zur KI greifen:
Das Wort ἐπιούσιον (epiousion) ist tatsächlich ein faszinierender Fall in der biblischen Philologie. Es kommt nur im Vaterunser vor (Matthäus 6,11 und Lukas 11,3) und sonst nirgends in der antiken griechischen Literatur.
Die Bedeutung ist bis heute umstritten. Einige Interpretationsmöglichkeiten sind:
"Für den kommenden Tag" (von ἐπιούσα, "der folgende Tag")
"Das notwendige Brot" (von ἐπί + οὐσία, "für das Sein/die Existenz")
"Das überwesentliche Brot" (eine spirituelle Deutung)
"Das Brot für heute" (wie es die Vulgata mit "quotidianum" übersetzt)
Interessant ist auch, dass Hieronymus in seiner Übersetzung des Matthäusevangeliums "supersubstantialem" (überwesentlich) verwendet, im Lukasevangelium aber "quotidianum" (täglich).
KI 2:
1. Wörtliche, materielle Deutung: Das tägliche Brot als Nahrung
Eine direkte Interpretation sieht diese Bitte als eine Aufforderung, dass Gott den Menschen das tägliche Essen und die Grundbedürfnisse zum Überleben gibt. In dieser Lesart steht das „Brot“ symbolisch für alles, was der Mensch an Nahrung und physischen Ressourcen benötigt. Diese Deutung betont:
Abhängigkeit vom täglichen Brot: In der Antike, insbesondere in der jüdischen Gesellschaft zur Zeit Jesu, lebten viele Menschen in wirtschaftlich prekären Verhältnissen und waren täglich auf Nahrung angewiesen. Die Bitte um das tägliche Brot könnte das Vertrauen in Gott ausdrücken, der die Grundbedürfnisse seiner Kinder versorgt.
Dankbarkeit und Demut: Die Bitte erinnert an die ständige Abhängigkeit von Gottes Fürsorge und lädt dazu ein, für jeden Tag dankbar zu sein und die Gegenwart nicht als selbstverständlich anzusehen.
2. Spirituelle Deutung: Das Brot als geistige Nahrung
Neben der physischen Nahrung könnte das „tägliche Brot“ auch als Symbol für die geistige Nahrung verstanden werden, die der Mensch zum spirituellen Leben benötigt. Hier geht es um das Bedürfnis nach Gottes Wort, seiner Weisheit und seiner Gnade:
Brot des Lebens: In Johannes 6:35 sagt Jesus: „Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern.“ In diesem Sinne könnte das Brot im Vaterunser auf Christus selbst verweisen, der die geistige Nahrung ist, die das ewige Leben schenkt.
Tägliche geistige Stärkung: Diese Interpretation betont, dass der Mensch nicht nur physische, sondern auch tägliche geistliche Nahrung benötigt, um im Glauben zu wachsen und stark zu bleiben. Das könnte das Gebet, das Lesen der Heiligen Schrift oder das Sakrament der Eucharistie (Abendmahl) umfassen.
3. Esoterische und mystische Deutung: Brot als Symbol des Überflusses und der göttlichen Fülle
In mystischen oder esoterischen Traditionen könnte das „Brot“ als eine Metapher für die göttliche Fülle und den Überfluss gedeutet werden, den Gott seinen Gläubigen schenkt. Hier geht es nicht nur um die minimalen Grundbedürfnisse, sondern um das Vertrauen, dass Gott alles zur Verfügung stellt, was für ein erfülltes Leben notwendig ist:
Himmlisches Brot: Diese Deutung verbindet das Brot mit Manna, das den Israeliten in der Wüste als göttliche Nahrung gegeben wurde (Exodus 16). Es ist ein Symbol für Gottes unerschöpfliche Versorgung und die Verheißung, dass er in jeder Notlage den Gläubigen beistehen wird.
4. Ethische und gemeinschaftliche Deutung: Brot als Bitte für alle Menschen
Die Bitte kann auch als ethischer Aufruf zur Solidarität und zum Teilen verstanden werden:
Gemeinschaftliches Brot: Die Verwendung des Personalpronomens „unser“ deutet auf eine kollektive Dimension hin. Es geht nicht nur um das individuelle Brot, sondern um das Brot für die ganze Gemeinschaft. Diese Deutung hebt die Bedeutung von sozialer Gerechtigkeit, Teilen und Fürsorge für die Bedürftigen hervor.
Gleichheit und Gerechtigkeit: In dieser Sichtweise ist die Bitte eine Erinnerung daran, dass alle Menschen gleichermaßen das Recht auf Nahrung und die nötigen Ressourcen zum Überleben haben. Sie fordert implizit dazu auf, Ungerechtigkeiten zu bekämpfen und Ressourcen gerechter zu verteilen.
5. Eschatologische Deutung: Brot als Verheißung des kommenden Reiches Gottes
In der eschatologischen (endzeitlichen) Deutung könnte das tägliche Brot auf das zukünftige Reich Gottes verweisen:
Das himmlische Gastmahl: Das „Brot“ kann auf das kommende Reich Gottes hinweisen, in dem Gott alle Bedürfnisse seiner Gläubigen vollkommen stillt. Es ist eine Verheißung der Fülle und des Überflusses im künftigen Reich.
Tägliches Vertrauen auf das Kommen des Reiches: Die Bitte ermutigt die Gläubigen, täglich auf Gott zu vertrauen, dass sein Reich kommen wird, und sich bis dahin auf seine Versorgung zu verlassen.
Fazit: Eine mehrdimensionale Deutung
Die Bitte „Unser tägliches Brot gib uns heute“ lässt sich also auf mehreren Ebenen deuten:
Materiell: Die Bitte um tägliche Versorgung mit dem Nötigsten.
Spirituell: Die Bitte um geistige Nahrung und göttliche Stärkung.
Gemeinschaftlich: Die Erinnerung an die Verantwortung, das tägliche Brot mit anderen zu teilen.
Eschatologisch: Der Ausblick auf das kommende Reich Gottes, in dem alle Bedürfnisse gestillt werden.
Diese Vielschichtigkeit macht die Bitte im Vaterunser so bemerkenswert, weil sie alltägliche, spirituelle und zukünftige Aspekte der menschlichen Existenz miteinander verbindet und den Gläubigen auf verschiedene Weisen anspricht.
PS:
Alles Übrige im Pater Noster müsste man von Leerformel reinigen und konkret sagen, was damit gemeint ist.
Über das "Verführe uns nicht in Versuchung" wurde zuletzt innerkirchlich heftig diskutiert.
Patroklos schrieb am 28.12.2024 um 14:12 Uhr (Zitieren)
Das ist alles schon sehr beachtlich und klug. Respekt. Womöglich steckt hinter KI oft MI, menschliche Intelligenz. Wenn KI nicht weiterweiß, ruft sie einen allwissenden Telephon-Joker an.
Filix, bitte, was ist mit dem hapax? Wann kommt die zweite usw. Stelle?
Re: Unser tägliches Brot gib uns heute
βροχή schrieb am 28.12.2024 um 16:28 Uhr (Zitieren)
wie praktisch :)
Brot ist eine Metapher für Speise oder profan für Nahrung.
Re: Unser tägliches Brot gib uns heute
βροχή schrieb am 28.12.2024 um 16:37 Uhr (Zitieren)
... der Mensch soll nicht verhungern,
er könnte außerdem um Futter für seine (Haus)Tiere beten. Diese zu "vergessen" ist typisch für Städter? Oder es war undenkbar, dass die kein Futter finden, weil es noch keine Überweidung gab?
Re: Unser tägliches Brot gib uns heute
βροχή schrieb am 28.12.2024 um 16:42 Uhr (Zitieren)
Führe
könnte im Klartext heißen
"gib uns nicht so viele Gelegenheiten, gegen die Gebote zu handeln"
Re: Unser tägliches Brot gib uns heute
Patroklos schrieb am 28.12.2024 um 17:38 Uhr (Zitieren)
Jenseits der Flapsigkeit und Andreas zuliebe noch dies: das (spirituelle) Brot hat seine Entsprechung im Fisch, dem frühen Christussymbol als Akrostichon. Zugleich ist an die Speisung der 5000 zurückzudenken. Fünf Brote und zwei Fische. Im Johannesevangelium heißt es, diese hätte der Jünger Andreas bereitstellen können.
Re: Unser tägliches Brot gib uns heute
βροχή schrieb am 28.12.2024 um 17:48 Uhr (Zitieren)
... die zuvor genannten Robben sind als Fischfresser bekannt.
(das ist nicht flapsig gemeint, sondern assoziativ)
Fisch -> Robbe -> Speise der Eskimos
Fisch -> Jesus -> Speisung der 5000
Eine Übereinstimmung im Ausgangspunkt.
Insofern, eine passende Abwandlung der Formel,
obwohl der Fisch nicht explizit genannt ist.