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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Gewalt bei Jägern und Sammlern #1 (217 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 28.12.2024 um 00:18 Uhr (Zitieren)
Im folgenden Abschnitt geht es um dyadische Konflikte, d.h. solche zwischen Individuen.
Es ist offensichtlich, dass Konflikte zwischen zwei Individuen eskalieren können. Man würde erwarten, dass sich das insbesondere in der Tötung von Frauen durch Männer wegen sexueller Untreue zeigt oder von Männern wegen Streitigkeiten um Frauen, schließlich sind das in späteren Gesellschaftsformen die häufigsten Ursachen.

Die Datenlage dazu ist schwierig. Manche Quellen scheinen diese Vermutung zu bestätigen. Doch dem Ethnologen Jürg Helbling (1) zufolge ist das nicht der Fall. Seine Analyse von fünf nomadischen Jäger und Sammler-Gesellschaften, die nicht durch den Kontakt mit Akteuren wie Händlern, Missionaren oder Siedlern beeinflusst waren, zeigt: Rund die Hälfte der Tötungsdelikte geht auf Konflikte zwischen Männern und Frauen zurück, und die andere Hälfte verteilt sich zu etwa gleichen Teilen auf Männer, die Männer töten, und Frauen, die Frauen töten. Es mag überraschen, dass ein Großteil der Konflikte im häuslichen Bereich ausgetragen wird. Ehemänner und Ehefrauen beschuldigen sich gegenseitig der Faulheit oder Ehefrauen schimpfen über ihre Ehemänner, weil diese ihnen zu wenig Fleisch mitbringen (das in der Regel gleichmäßig an alle im Lager verteilt wird). Sexuelle Belange besitzen in der Hauptsache allenfalls dann Brisanz, wenn sie die Existenz einer Kleinfamilie gefährden. Mit anderen Worten: Bei Streit geht es eher um wirtschaftliche als erotische Belange.

Auch wenn diese Folgerung vielleicht nicht universell zutrifft, demonstriert die Tatsache, dass Konflikte zwischen Männern wegen sexueller Eifersucht nicht sehr häufig auftreten, wie entscheidend die kulturellen Rahmenbedingungen sind. Noch ist Untreue nicht der Skandal, der er unter patriarchalen Verhältnissen sein wird. Nicht zuletzt wird die Eifersucht im Zaum gehalten durch das Wissen der Männer, dass sie vom wirtschaftlichen Beitrag ihrer Frauen abhängig sind.

Noch schwieriger ist es, verlässliche Daten über Mordraten zu erhalten. Weil die Gesellschaften so klein sind, reichen die Stichproben kaum für zuverlässige Schätzungen. Es gibt keine offiziellen Statistiken. Die Basis ist in erster Linie das anekdotische Gedächtnis von Informanten – und das ist, wenn es um länger zurückliegende Zeiträume geht, eine sehr heikle Quelle. Man ist weder vor Übertreibungen geschützt noch davor, dass ein Mord vielleicht doch nur eine Krankheit oder ein Unfall war. Diese werden in indigenen Gesellschaften auch Personen unterstellt, die bezichtigt werden, Menschen durch Zauber getötet zu haben. Hinzu kommt, dass nomadische Jäger und Sammler-Kulturen der letzten Jahrhunderte rund um den Globus sehr differieren, je nachdem ob Einflüsse von außen sich positiv oder negativ auf Gewalt auswirken. Alkohol, zum Beispiel, verursachte riesige Steigerungen der Gewalttaten, während die Präsenz von Polizei oft eine Abnahme bewirkte.

(Harald Meller / Kai Michel / Carel van Schaik: Die Evolution der Gewalt. Warum wir Frieden wollen, aber Kriege führen. Eine Menschheitsgeschichte. München 2024, S. 74-76)

(1) Jürg Helbling: Tribale Kriege. Konflikte in Gesellschaften ohne Zentralgewalt. Frankfurt/Main 2006
Re: Gewalt bei Jägern und Sammlern #1
Γραικύλος schrieb am 28.12.2024 um 02:06 Uhr (Zitieren)
Bei den Autoren handelt es sich um einen Archäologen (Meller), einen Historiker und Literaturwissenschaftler (Michel) sowie einen Evolutionsbiologen und Verhaltensforscher (van Schaik).
Re: Gewalt bei Jägern und Sammlern #1
βροχή schrieb am 28.12.2024 um 08:17 Uhr (Zitieren)
Eine Gesamtbetrachtung bzw. Zusammenfassung vieler kleiner Gruppen scheint sehr schwierig.

Wie wäre in einzelnen Gruppen verschiedene Gewaltarten genauer zu beschreiben und/oder einzelne Gewaltarten (Eifersucht, Raub usw.) über mehrere Gruppen hinweg zu vergleichen?
Re: Gewalt bei Jägern und Sammlern #1
Γραικύλος schrieb am 28.12.2024 um 10:48 Uhr (Zitieren)
Genaueres kommt noch; dies ist nur der erste Teil. Längere Texte zerlege ich in Häppchen, weil ich annehme, daß sie auf dem PC nicht gut zu lesen sind (was jedenfalls meinen eigenen Lesegewohnheiten entspricht).
Re: Gewalt bei Jägern und Sammlern #1
βροχή schrieb am 28.12.2024 um 14:16 Uhr (Zitieren)
das ist eine gute Idee, bin gespannt auf die weiteren Beiträge
Re: Gewalt bei Jägern und Sammlern #1
Γραικύλος schrieb am 28.12.2024 um 14:35 Uhr (Zitieren)
Es wird noch einiges kommen von diesen Autoren, und das Buch kann ich sehr empfehlen.
Re: Gewalt bei Jägern und Sammlern #1
Udo schrieb am 28.12.2024 um 16:26 Uhr (Zitieren)
Ich habe mal KI gefragt, wie man zu solchen Erkenntnissen kommt.

1. Ethnographische Feldforschung:
Ein wesentlicher Teil der Arbeit von Ethnologen wie Helbling basiert auf intensiver Feldforschung. In solchen Studien leben die Forscher oft über längere Zeit in den untersuchten Gemeinschaften und beobachten deren tägliches Leben, Rituale, Konflikte und soziale Strukturen. Sie dokumentieren Konflikte und deren Ursachen, die Lösung von Streitigkeiten sowie den kulturellen Kontext, in dem diese Ereignisse stattfinden. Das Ziel ist, ein tiefes Verständnis für die sozialen Dynamiken zu gewinnen.

Beobachtungen und Interviews: Forscher führen detaillierte Gespräche mit Mitgliedern der Gemeinschaft und sammeln Geschichten über vergangene Ereignisse, Konflikte und Morde. Sie befragen mehrere Informanten, um unterschiedliche Perspektiven zu erhalten und um mögliche Verzerrungen durch individuelle Erinnerungen zu minimieren.

2. Anekdotische Belege und Informanten:
In kleinen, nicht dokumentierten Gesellschaften sind offizielle Statistiken oder Aufzeichnungen kaum vorhanden. Daher müssen sich Forscher oft auf mündliche Überlieferungen und anekdotische Berichte stützen. Hierbei wird darauf geachtet, wie konsistent die Aussagen über Generationen hinweg sind und ob es Abweichungen oder Widersprüche gibt.

Verifikation durch Vergleich: Um die Zuverlässigkeit dieser anekdotischen Berichte zu erhöhen, vergleichen Ethnologen ähnliche Geschichten innerhalb der gleichen Gesellschaft oder zwischen verschiedenen Gesellschaften. Wenn ähnliche Muster in verschiedenen Gemeinschaften oder geografischen Regionen auftreten, gewinnen diese Geschichten an Plausibilität.

3. Kultureller Kontext und Strukturen:
Der soziale und kulturelle Rahmen ist entscheidend, um die Art und Häufigkeit von Gewalt zu verstehen. In der Studie von Helbling zeigte sich, dass Gewalt oft im familiären oder wirtschaftlichen Kontext stand und weniger aus sexueller Eifersucht oder romantischen Konflikten resultierte. Forscher analysieren, wie soziale Normen, Gesetze und Rituale das Verhalten beeinflussen.

Soziale Normen: Ethnologen untersuchen, welche Normen und Regeln für den Umgang mit Konflikten gelten. In einigen Gesellschaften gibt es starke Tabus oder Rituale, die Konflikte mildern, während in anderen Gewalt als legitimes Mittel zur Konfliktlösung betrachtet wird.

4. Einfluss externer Faktoren:

Viele nomadische Jäger- und Sammler-Gemeinschaften hatten im Laufe der Zeit Kontakt mit Außenstehenden wie Missionaren, Händlern oder Kolonialherren. Diese Kontakte beeinflussen das soziale Gefüge und damit auch die Gewaltbereitschaft.

Externe Einflüsse: Der Einfluss von Alkohol, Religion, Handel oder sogar Kolonialpolitik spielt eine große Rolle bei der Eskalation oder Deeskalation von Gewalt. Ethnologen berücksichtigen diese Faktoren, wenn sie Gesellschaften untersuchen, die nicht vollständig isoliert waren. Sie vergleichen dabei Gesellschaften mit und ohne solche Einflüsse.

5. Vergleichende Studien:
Helblings Arbeit und ähnliche Studien basieren oft auf vergleichenden Analysen verschiedener Gesellschaften. Durch den Vergleich von fünf unterschiedlichen Jäger- und Sammlergesellschaften konnte Helbling aufzeigen, dass sich die Ursachen von Gewalt nicht nur um sexuelle Eifersucht oder Romantik drehen, sondern häufig um wirtschaftliche Aspekte. Solche Vergleiche helfen, allgemeine Muster zu erkennen und lokale Besonderheiten zu isolieren.
6. Berücksichtigung von Verzerrungen:

Wie Helbling erwähnt, gibt es viele Unsicherheiten in der Datenlage, insbesondere durch mündliche Überlieferungen, die ungenau sein können oder durch kulturelle Voreingenommenheiten beeinflusst werden. Um diesen Problemen entgegenzuwirken, nutzen Ethnologen:

Triangulation: Dies bedeutet, dass sie verschiedene Datenquellen (z. B. Interviews, Beobachtungen, historische Berichte) verwenden, um ein vollständigeres Bild zu erhalten.
Historische Analysen: Sie ziehen historische Berichte heran, um längerfristige Entwicklungen nachzuvollziehen und zu prüfen, inwieweit bestimmte Phänomene in der Vergangenheit anders waren als in der Gegenwart.
Statistische Modelle: In Fällen, in denen Daten verfügbar sind, werden auch statistische Methoden genutzt, um Mordraten oder Gewaltursachen zu schätzen.

Fazit:

Die Erkenntnisse stammen also aus einer Kombination von direkter Beobachtung, systematischen Befragungen und dem Vergleich von Gesellschaften. Der Einbezug kultureller, wirtschaftlicher und externer Faktoren ist unerlässlich, um zu verstehen, warum Gewalt in bestimmten Gesellschaften häufiger vorkommt und welche Auslöser eine Rolle spielen.
 
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