Patroklos schrieb am 22.12.2024 um 11:23 Uhr (Zitieren)
Folgende Bemerkungen sind naturgemäß Andreas gewidmet.
Vor längerer Zeit gab es hier zu Weihnachten einmal einen Hinweis auf das großartige Werk von Eduard Norden, Die Geburt des Kindes. Geschichte einer religiösen Idee.
Ich hab nochmals hineingeschaut. Verkürzt dies: Es verbinden sich Heliosmystik und Aionmystik. Ein Kind bringt der Welt das Heil. Vgl. Horus. Zusammengefasst: „Die Jungfrau hat geboren, zunimmt das Licht.“ Ἡ παρΘένος τέτοκεν, αὔξει φῶς.
Re: Die Geburt des Kindes
Andreas schrieb am 22.12.2024 um 13:28 Uhr (Zitieren)
Hier wäre sofort zu fragen: Welches Heil, worin besteht es schon hier auf Erden?
Wofür steht der Nazarener letztlich?
Was hat ihn für so große Furore sorgen lassen?
Die Weihnachtsgeschichte ist ja eine Kritik an den Mächtigen, konkret am mächtigen Augustus, dessen Reich nur "von dieser Welt ist" und der seine Macht nicht hätte, wenn sie ihm "nicht von oben gegeben wäre" i.d. wenn ihn Gott bzw. die Götter nicht an diese hätten kommen lassen.
Für Christen macht sich Gott klein und hilflos um mit der Macht der Liebe zu kämpfen und die
Welt zu erobern. Eine Utopie, die wohl weiter eine solche bleiben wird und im Diesseits
wohl nie zu verwirklichen sein wird.
Die Erklärung dafür hat wesentlich mit dem modernen Weltbild und den Gesetzen der Evolution zu tun als Basis für die genannte strukturelle Sünde, die im Egoismus und allem, was aus ihm folgt, ihre Wurzel hat, dessen umfassende Überwindung ebenso Utopie bleiben wird und der fürs Überleben immer notwendig war.
Ein Theologe sagte mir einmal:
Der Mensch ist ein unheilbarer Egoist.
Darin liegt der Großteil der menschl. Tragödie.
Der Egoismus ist bipolar: er ist genauso produktiv wie destruktiv.
Re: Die Geburt des Kindes
Γραικύλος schrieb am 22.12.2024 um 14:26 Uhr (Zitieren)
Ein bemerkenswerter Satz, der mit dem martialischen Verb am Ende einiges von dem wiedergibt, was das Christentum tatsächlich in die Welt gebracht hat.
Dem Zeugnis der Evangelien gemäß hat Jesus ein merkwürdig ambivalentes Gottesbild vertreten:
1. der Vater (die Liebe)
2. der Herr und Richter (wir in der metaphorischen Sprache seiner Gleichnisse: seine Sklaven)
Zusammen paßt beides eigentlich nur bei einem autoritären Vater oder einem humanen Sklavenhalter.
Der modernen Tendenz, 2 einfach unter den Tisch fallen zu lassen, möchte ich mich angesichts des Textbefundes nicht anschließen.
Re: Die Geburt des Kindes
Andreas schrieb am 22.12.2024 um 16:26 Uhr (Zitieren)
Jesus wollte das Reich Gottes/ der Liebe und es kam die Institution und das Geschäftsmodell Kirche mit primären Eigeninteressen und Machtansprüchen.
Dem solltest du dich aber anschließen, weil das nicht vom historischen Jesus stammt/stammen kann, genauso wenig wie der Primat der Papstes, vermutlich eine spätere Interpolation.
Das sind menschliche Gedankenkonstrukte wie so vieles, die es als solche aufzulösen gilt,
was so schwer nicht sein sollte.
Ich müsste mal wieder bei neueren Exegeten nachschauen.
Im Übrigen bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass Theologie vieles aufbauscht und aufbläht, was sich mit gesunden Menschenverstand und genügend Lebenserfahrung und Menschenbeobachtung sehr einfach, plausibel und für einfache Menschen gut nachvollziehbar sagen ließe.
Doch damit rütteltete man am Geschäfts-und
Berufsmodell Theologie und damit der Existenzgrundlage ihrer Vertreter, deren Finazierung auf Steuermitteln zurecht immer mehr infrage gestellt wird.
Was z.B. geht den Staat die Liturgiewissenschaft an, für die er Lehrstühle bezahlen muss?
Es tut sich ein weites Feld auf, auf den es sicher noch viele Überraschungen geben wird.
In Anspielung auf Rahners Mystiker der Zukunft sage ich:
Die Kirche von morgen muss eine ganz andere sein oder sie wird nicht mehr sein.
Und das wird dann wohl gut so sein und Gott
wird sicher nichts dagegen haben, im Gegenteil,
er wartet wie Godot darauf und hoffentlich nicht genauso vergeblich.
Seelenverwaltung ist mega-out und der abstruse Ritualismus und Sakramentalismus ebenso.
Mit denen kann kein denkender Mensch mehr etwas anfangen,
und wenn er weiterhin noch so unerschütterlich eingebläut wird.