α β γ δ ε ζ η θ ι κ λ μ ν ξ ο π ρ ς σ τ υ φ χ ψ ω Α Β Γ Δ Ε Ζ Η Θ Ι Κ Λ Μ Ν Ξ Ο Π Ρ C Σ Τ Υ Φ Χ Ψ Ω Ἷ Schließen Bewegen ?
Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Omalos (658 Aufrufe)
βροχή schrieb am 09.12.2024 um 11:17 Uhr (Zitieren)
Omalos, einst fuhr ich bis zu jenem Dorf. Sein Name bedeutet Ebene. Und siehe da, dort angekommen, fand ich mich auf einer vollkommen ebenen Fläche, welche von Bergen eingerahmt ist. Nomen est Omen. Ein Grieche aus Athen, der den Namen doch gar nicht übersetzen musste, war völlig verblüfft von der Übereinstimmung mit der Landschaft.
Re: Omalos
Γραικύλος schrieb am 09.12.2024 um 14:20 Uhr (Zitieren)
Diese Ortschaft kenne ich nicht, aber ομαλός (neugriechisch) bzw. ὁμαλόs (altgriechisch) bedeutet tatsächlich "eben, glatt".
ὁ spricht sich ho aus. Entfällt im Neugriechischen der Hauchlaut?
Re: Omalos
βροχή schrieb am 09.12.2024 um 14:39 Uhr (Zitieren)
... es ist auf Kreta
Re: Omalos
βροχή schrieb am 09.12.2024 um 14:41 Uhr (Zitieren)
... ich sprach es wie geschrieben, ob das korrekt war, weiß ich nicht
Re: Omalos
Γραικύλος schrieb am 09.12.2024 um 17:40 Uhr (Zitieren)
Es muß dieses Anfangs-H wohl noch geben, denn Ελλάς wird ja Hellas ausgesprochen. Nur der Spiritus asper, das Hauchzeichen, ist verschwunden.
Re: Omalos
βροχή schrieb am 09.12.2024 um 17:48 Uhr (Zitieren)
... lt. Wörterbüchern wird direkt mit dem o angefangen, ohne unsichtbares h
Re: Omalos
Γραικύλος schrieb am 09.12.2024 um 18:40 Uhr (Zitieren)
Sehe ich jetzt auch. Aussprache: oma'los.
Re: Omalos
filix schrieb am 09.12.2024 um 18:59 Uhr (Zitieren)
… denn Ελλάς wird ja Hellas ausgesprochen


Von wem?
Re: Omalos
Γραικύλος schrieb am 09.12.2024 um 23:28 Uhr (Zitieren)
Ach, wahrhaftig: e'las.

Gibt es im Neugriechischen das H vor Anfangsvokal gar nicht mehr?
Re: Omalos
filix schrieb am 10.12.2024 um 01:14 Uhr (Zitieren)
Der Schwund des Hauchlautes vollzieht sich schon in der Antike: https://en.wikipedia.org/wiki/Psilosis

Das diakritischeZeichen ohne Lautwert im Neugriechischen wurde allerdings erst 1982 durch die Einführung der monotonischen Orthographie endgültig abgeschafft. Griechenland, insbesondere der heutige Staat heißt neugr. Ελλάδα [ɛˈlaða].
Re: Omalos
βροχή schrieb am 10.12.2024 um 05:53 Uhr (Zitieren)
Den H-Verlust gab es auch im Spätlatein. Ging er evtl. von dort aus, oder startete er im Griechischen?
Er grassiert in den romanischen Sprachen, ausser Spanisch, dort wird H-Verlust kompensiert indem j als ch gesprochen wird. Auch slavische Sprachen erlitten H-Verlust, zb. Russisch. Tschechisch und Polnisch hingegen nicht. Germanische Sprachen lieben h, in der Schweiz, Holland, Island besonders. Englisch beginnt mit H- verlust, allerdings bei denen in der Wortmitte.
.
Re: Omalos
βροχή schrieb am 10.12.2024 um 05:58 Uhr (Zitieren)
... viell. hängt der russische H-Verlust damit zusammen, dass sie griechische Buchstaben (bisschen abgewandelt) verwenden?
.
Re: Omalos
Γραικύλος schrieb am 10.12.2024 um 09:37 Uhr (Zitieren)
Wobei ich jetzt schlucken muß: daß man bereits in der Antike von Omer, Esiod und Erodot gesprochen hat.
Re: Omalos
βροχή schrieb am 10.12.2024 um 10:12 Uhr (Zitieren)
... und ich muss lachen,

Erakles nicht zu vergessen.
Man sagt heute Iraklio, geschrieben Heraklion.
Re: Omalos
βροχή schrieb am 10.12.2024 um 10:39 Uhr (Zitieren)
... Hepikur ist auch nicht begeistert vom H-Verlust
Re: Omalos
Bukolos schrieb am 10.12.2024 um 13:02 Uhr (Zitieren)
Zitat von Γραικύλος am 10.12.24, 9:37Wobei ich jetzt schlucken muß: daß man bereits in der Antike von Omer, Esiod und Erodot gesprochen hat.

Teilweise werden die Namen wohl sogar wie /(h)omiros/, /(h)isiodos/ und /(h)irodotos/ geklungen haben. Jedenfalls deutet u. a. eine im Gebiet der platonischen Akademie gefundene, aus dem 5. oder 4. Jh. (v. Chr.) stammende Schreibübung (SEG 19-37) darauf hin:
Ἀθινᾶ, Ἄρις, Ἄρτεμις.
Διμοσθένις

(im Original natürlich ohne Diakritika und Majuskel-Minuskel-Differenzierung)
Re: Omalos
Patroklos schrieb am 10.12.2024 um 14:28 Uhr (Zitieren)
Nebenbei folgendes: Das Anfangs-H ist entwicklungsgeschichtlich ambivalent. Im Dänischen heißt „weiß“ „hvid“, gesprochen „vi“. Ein verlorener, doch sichtbarer Aspirant? Aus dem Altenglischen „hwit“ wird verstummend, qua Metathese, „white“. Ebenfalls ein „Erinnerungs-H“? Im Schottischen bzw. schottischen Englisch wird das W zuweilen angehaucht, zB „in a chwee chwhile“, „in a little while“.
Re: Omalos
Patroklos schrieb am 10.12.2024 um 15:10 Uhr (Zitieren)
Nachtrag: „while“ war natürlich im Altenglischen „hwile“. (Unser „Wal“ ist sozuschreiben schmal, vgl. altenglisch „hwæl“.)
Re: Omalos
βροχή schrieb am 10.12.2024 um 15:42 Uhr (Zitieren)
Der Wal
Hval - norwegisch val gesprochen
Hvalur - isländisch kvalür gesprochen
Re: Omalos
Γραικύλος schrieb am 10.12.2024 um 23:22 Uhr (Zitieren)
Ἀθινᾶ, Ἄρις, Ἄρτεμις.
Διμοσθένις

Διμοσθένις klingt ja eher nach dem 4. Jhdt.

Wie auch immer, so früh schon!
Da haben, scheint's, das Schreiben lernende Kinder das getan, was sie so gern tun: Schreiben nach dem, was sie im Ohr haben.
Re: Omalos
Γραικύλος schrieb am 10.12.2024 um 23:59 Uhr (Zitieren)
Die von Patroklos und βροχή angeführten Beispiele beziehen sich ja, soweit ich sehe, auf Wörter mit Anfangs-H, das nicht gesprochen wird.

Im Altgriechischen gibt es ja kein Anfangs-H, sondern nur das sog. diakritische Zeichen: Ὁ statt Ο. Diese diakritischen Zeichen stammen nun aber erst aus relativ später Zeit, der des Hellenismus. Nun frage ich mich, warum man dann den Spiritus asper überhaupt eingeführt hat, wenn der doch schon nicht mehr gesprochen wurde.
Re: Omalos
βροχή schrieb am 11.12.2024 um 06:34 Uhr (Zitieren)
Das ist ein Missverständnis. Der Aspirant wurde gesprochen. Erst am Ende der Antike wurde er regional in einigen Gebieten (zb. Ionische) nicht mehr gesprochen.
Meine griech. Namensbsp. sind scherzhaft gemeint. Das Walbsp. stimmt aber.
Re: Omalos
Patroklos schrieb am 11.12.2024 um 09:25 Uhr (Zitieren)
Beim Import von Namen mit Anfangs-H zeigt das Russische Eigenart. G oder CH.
Homer wird, man staunt, Gomer, Гомер, dann Gesiod, Gerodot. Gegel ist Hegel. Hitler wird Gitler, Гитлер. Germann Gesse (Гессе). Handke aber ist Chandke (Хандке). Habermas Chabermas. Hollywood ist freilich Golliwud, Голливуд.
Kennt jemand eine Regel?
Re: Omalos
βροχή schrieb am 11.12.2024 um 10:18 Uhr (Zitieren)
.... so ist es,
Halle heisst wechselweise Galle oder Challe,
Hamburg heisst Gamburg,
Holland heisst Gollandia,
Heinrich Heine heisst Genrich Geine usw.
Re: Omalos
βροχή schrieb am 11.12.2024 um 10:42 Uhr (Zitieren)
... in russ. Version starten die meisten H-namen mit G.
Ch (kyrill. X) ist die Ausnahme, am ehesten vor a und o.

Chorkchaimer
Charich
Challerforden


G in früherer Zeit, sie möchten es bequem sprechen,
Ch neuere Version, sie möchten es ähnlich sprechen
Re: Omalos
Patroklos schrieb am 11.12.2024 um 12:17 Uhr (Zitieren)
Ob es nicht komplizierter ist?
Ukrainisch Gomer
Serbisch Chomer
Hiat хиа́тус, гиа́тус, also chiatus und giatus
Horst chorst
Henry genri
Immerhin finde ich für Hans chans, mit dem Hinweis: alte Form Gans (Ганс).
Gab es eine Reform? Durch wen und wann?
Der Gomer war mir ein echter Fund!
Re: Omalos
Patroklos schrieb am 11.12.2024 um 12:40 Uhr (Zitieren)
Die deutsch-russische Transkriptionsgesellschaft erhofft einen entsprechenden Link von filix (Филикс).
Re: Omalos
βροχή schrieb am 11.12.2024 um 12:42 Uhr (Zitieren)
Ob es nicht komplizierter ist?


ja natürlich, man kann das weiter aufdröseln, dann wird es vertrackt...
... oder man kann es runterbrechen, dann fallen ein paar Ecken unter den Tisch :)

Gippokratu
Chelsinki
Elena - upps, ganz ohne H-Ersatz, da es hatten die Griechen wohl zuvor schon gekappt?

Das Mittel H ist auch betroffen
Begemot (Nilpferd)
nach Behemoth (bibl. Monster)

______________________________

nicht russisches:

... der Anfangsschwund kann sogar über das H hinaus gehen
Hispania - Espagne - Spanien
Re: Omalos
βροχή schrieb am 11.12.2024 um 13:10 Uhr (Zitieren)
@Patroklos

Zum russischen, ich fand einen guten Artikel.
Die aktuelle Norm der Umwandlg. ist ch (x geschrieben), g hat historische Gründe. Möglicherweise wurde das g früher sogar insgesamt anders ausgesprochen.

https://www.russlandjournal.de/russisch-lernen/warum-h-zu-g-wird-im-russischen/#:~:text=wird%20im%20Russischen-,Warum%20H%20zu%20G%20wird%20im%20Russischen,mit%20%D0%A5%20%5Bcha%5D%20wiedergegeben.&text=Es%20gibt%20also%20in%20der,H%20ziemlich%20gut%20wiedergeben%20k%C3%B6nnte.
Re: Omalos
Patroklos schrieb am 11.12.2024 um 14:07 Uhr (Zitieren)
Danke! Vielseitig. Bleibt zu fragen, durch wen, warum und wann die Normänderung im 20. Jh. erfolgte.
Auf der Zweiten Orthographischen Konferenz von 1901 verlor die Thür ihr h. Per Staatsakt, Reichsamt des Inneren!
Robert Habeck ist à jour: chabek (Хабек)
Re: Omalos
Bukolos schrieb am 11.12.2024 um 14:30 Uhr (Zitieren)
Zitat von βροχή am 11.12.24, 6:34Das ist ein Missverständnis. Der Aspirant wurde gesprochen. Erst am Ende der Antike wurde er regional in einigen Gebieten (zb. Ionische) nicht mehr gesprochen.

Der Schwund des Hauchlauts im Wortanlaut setzt wohl auch im Attischen deutlich früher ein.

Das phönizische Hauchlaut-Zeichen Ḥēt 𐤇 wurde im attischen Alphabet zum Heta, das bis ins 5. Jh. v. die Aspiration am Wortanfang repräsentierte, wie die Inschrift einer von Hermaios angefertigten Kylix aus dem 6. Jh. veranschaulichen mag:

ΗΕΡΜΑΙΟS ΕΠΟΙΕSΕΝ

https://www.britishmuseum.org/collection/object/G_1892-0718-5[/quote]

Im ionischen Alphabet Kleinasiens dagegen wurde dasselbe Zeichen als Vokalzeichen Eta verwendet: Ein eigenes Zeichen für einen Hauchlaut am Wortanfang gab es nicht, was dafür spricht, dass im kleinasiatisch-ionischen Dialekt die Aspiration schon früh geschwunden ist.

Wenn in Athen das ionische Alphabet 403 v. offiziell übernommen wurde, mag das auch die phonemische Realität der Zeit abbilden, in der für einen Großteil der Sprecher die Aspiration am Wortanfang keine Rolle mehr spielte.

Dass man sich schon vorher über die Unterscheidung zwischen Wörtern, die mit, und solchen, die ohne Aspiration zu schreiben sind, nicht mehr sicher war, kann man an Inschriften der zweiten Hälfte des 5. Jhs. sehen, die noch das attische Alphabet verwenden, etwa IG I³ 61 (entstanden 430-423). Hier finden sich unaspiriert

Z. 12 ΟΣΠΕΡ (= ὥσπερ),
Z. 23 ΟΜΟΛ[Ο]ΓΟΣΙΝ (= ὁμολογῶσιν),
Z. 36 ΕΚΑΣΤΟ (= ἑκάστου),
Z. 39 f. ΕΛΛΕΣΠ[ΟΝ|ΤΟ]ΦΥΛΑΚΑΣ (= Ἑλλησποντοφύλακας),
Z. 56 ΟΙ (= οἱ)

neben den aspirierten Schreibungen:

Z. 7 ΗΟΣΟΝ (= ὅσον)
Z. 8 ΗΟΝ (= ὃν)
Z. 15 ΠΡΟΣΗΕΚΕΤΟ (= προσ-ἡκέτω)
Z. 17 ΗΥΠΕΡ (= ὑπὲρ)
Z. 25 ΗΟΙ (= οἱ)

http://telota.bbaw.de/ig/digitale-edition/inschrift/IG%20I%C2%B3%2061
Re: Omalos
Bukolos schrieb am 11.12.2024 um 14:31 Uhr (Zitieren)
Das war falsch formatiert worden. Noch einmal:
Zitat von βροχή am 11.12.24, 6:34Das ist ein Missverständnis. Der Aspirant wurde gesprochen. Erst am Ende der Antike wurde er regional in einigen Gebieten (zb. Ionische) nicht mehr gesprochen.

Der Schwund des Hauchlauts im Wortanlaut setzt wohl auch im Attischen deutlich früher ein.

Das phönizische Hauchlaut-Zeichen Ḥēt 𐤇 wurde im attischen Alphabet zum Heta, das bis ins 5. Jh. v. die Aspiration am Wortanfang repräsentierte, wie die Inschrift einer von Hermaios angefertigten Kylix aus dem 6. Jh. veranschaulichen mag:

ΗΕΡΜΑΙΟS ΕΠΟΙΕSΕΝ

https://www.britishmuseum.org/collection/object/G_1892-0718-5[/quote]

Im ionischen Alphabet Kleinasiens dagegen wurde dasselbe Zeichen als Vokalzeichen Eta verwendet: Ein eigenes Zeichen für einen Hauchlaut am Wortanfang gab es nicht, was dafür spricht, dass im kleinasiatisch-ionischen Dialekt die Aspiration schon früh geschwunden ist.

Wenn in Athen das ionische Alphabet 403 v. offiziell übernommen wurde, mag das auch die phonemische Realität der Zeit abbilden, in der für einen Großteil der Sprecher die Aspiration am Wortanfang keine Rolle mehr spielte.

Dass man sich schon vorher über die Unterscheidung zwischen Wörtern, die mit, und solchen, die ohne Aspiration zu schreiben sind, nicht mehr sicher war, kann man an Inschriften der zweiten Hälfte des 5. Jhs. sehen, die noch das attische Alphabet verwenden, etwa IG I³ 61 (entstanden 430-423). Hier finden sich unaspiriert

Z. 12 ΟΣΠΕΡ (= ὥσπερ),
Z. 23 ΟΜΟΛ[Ο]ΓΟΣΙΝ (= ὁμολογῶσιν),
Z. 36 ΕΚΑΣΤΟ (= ἑκάστου),
Z. 39 f. ΕΛΛΕΣΠ[ΟΝ|ΤΟ]ΦΥΛΑΚΑΣ (= Ἑλλησποντοφύλακας),
Z. 56 ΟΙ (= οἱ)

neben den aspirierten Schreibungen:

Z. 7 ΗΟΣΟΝ (= ὅσον)
Z. 8 ΗΟΝ (= ὃν)
Z. 15 ΠΡΟΣΗΕΚΕΤΟ (= προσ-ἡκέτω)
Z. 17 ΗΥΠΕΡ (= ὑπὲρ)
Z. 25 ΗΟΙ (= οἱ)

http://telota.bbaw.de/ig/digitale-edition/inschrift/IG%20I%C2%B3%2061
Re: Omalos
Bukolos schrieb am 11.12.2024 um 14:32 Uhr (Zitieren)
Wieder falsch. Jetzt aber:
Zitat von βροχή am 11.12.24, 6:34Das ist ein Missverständnis. Der Aspirant wurde gesprochen. Erst am Ende der Antike wurde er regional in einigen Gebieten (zb. Ionische) nicht mehr gesprochen.

Der Schwund des Hauchlauts im Wortanlaut setzt wohl auch im Attischen deutlich früher ein.

Das phönizische Hauchlaut-Zeichen Ḥēt 𐤇 wurde im attischen Alphabet zum Heta, das bis ins 5. Jh. v. die Aspiration am Wortanfang repräsentierte, wie die Inschrift einer von Hermaios angefertigten Kylix aus dem 6. Jh. veranschaulichen mag:

ΗΕΡΜΑΙΟS ΕΠΟΙΕSΕΝ

https://www.britishmuseum.org/collection/object/G_1892-0718-5


Im ionischen Alphabet Kleinasiens dagegen wurde dasselbe Zeichen als Vokalzeichen Eta verwendet: Ein eigenes Zeichen für einen Hauchlaut am Wortanfang gab es nicht, was dafür spricht, dass im kleinasiatisch-ionischen Dialekt die Aspiration schon früh geschwunden ist.

Wenn in Athen das ionische Alphabet 403 v. offiziell übernommen wurde, mag das auch die phonemische Realität der Zeit abbilden, in der für einen Großteil der Sprecher die Aspiration am Wortanfang keine Rolle mehr spielte.

Dass man sich schon vorher über die Unterscheidung zwischen Wörtern, die mit, und solchen, die ohne Aspiration zu schreiben sind, nicht mehr sicher war, kann man an Inschriften der zweiten Hälfte des 5. Jhs. sehen, die noch das attische Alphabet verwenden, etwa IG I³ 61 (entstanden 430-423). Hier finden sich unaspiriert

Z. 12 ΟΣΠΕΡ (= ὥσπερ),
Z. 23 ΟΜΟΛ[Ο]ΓΟΣΙΝ (= ὁμολογῶσιν),
Z. 36 ΕΚΑΣΤΟ (= ἑκάστου),
Z. 39 f. ΕΛΛΕΣΠ[ΟΝ|ΤΟ]ΦΥΛΑΚΑΣ (= Ἑλλησποντοφύλακας),
Z. 56 ΟΙ (= οἱ)

neben den aspirierten Schreibungen:

Z. 7 ΗΟΣΟΝ (= ὅσον)
Z. 8 ΗΟΝ (= ὃν)
Z. 15 ΠΡΟΣΗΕΚΕΤΟ (= προσ-ἡκέτω)
Z. 17 ΗΥΠΕΡ (= ὑπὲρ)
Z. 25 ΗΟΙ (= οἱ)

http://telota.bbaw.de/ig/digitale-edition/inschrift/IG%20I%C2%B3%2061
Re: Omalos
βροχή schrieb am 11.12.2024 um 15:01 Uhr (Zitieren)
Dann ist aber Γραικύλος Frage akut

Nun frage ich mich, warum man dann den Spiritus asper überhaupt eingeführt hat, wenn der doch schon nicht mehr gesprochen wurde.


Welchen Sinn hätte es gehabt, ein Zeichen neu einzuführen, dessen Laut schon vorher tot war?


Re: Omalos
Γραικύλος schrieb am 11.12.2024 um 15:48 Uhr (Zitieren)
Das habe auch ich mich gefragt. Möglicherweise eine Verbeugung vor alten Zeiten, ein Archaismus.
Re: Omalos
Bukolos schrieb am 11.12.2024 um 16:23 Uhr (Zitieren)
Aus obigem Befund schließen, dass der Hauchlaut am Wortanfang mit dem Ende des 4. Jhs. tot war, kann nur, wer sich die Athener (oder gar die hellenische Oikumene) als eine homogene Sprechergemeinschaft vorstellt.

Was aber die im Hellenismus normierten Literatursprachen (attizistische Prosa, ionische Wissenschaftsprosa, äolisch-lesbischer Dialekt des Sololieds etc.) eigentlich abbilden und wie die aus den Texten gewonnenen Normen auf die Textüberlieferung zurückgewirkt haben, inwieweit Geschriebenes und (einst) Gesprochenes einander entsprachen, dürfte gar nicht so leicht zu sagen sein.

Zur Zeit des Dionysios von Halikarnassos jedenfalls (1. Jh. v.) lernten die Schüler anscheinend nicht nur, wie man die Wörter zu schreiben, sondern auch, wie man sie auszusprechen habe:
τὰ γράμματα ὅταν παιδευώμεθα, πρῶτον μὲν τὰ ὀνόματα αὐτῶν ἐκμανθάνομεν, ἔπειτα τοὺς τύπους καὶ τὰς δυνάμεις, εἶθ' οὕτω τὰς συλλαβὰς καὶ τὰ ἐν ταύταις πάθη, καὶ μετὰ τοῦτο ἤδη τὰς λέξεις καὶ τὰ συμβεβηκότα αὐταῖς, ἐκτάσεις τε λέγω καὶ συστολὰς καὶ προσῳδίας καὶ τὰ παραπλήσια τούτοις· ὅταν δὲ τὴν τούτων ἐπιστήμην λάβωμεν, τότε ἀρχόμεθα γράφειν τε καὶ ἀναγινώσκειν, κατὰ συλλαβὴν <μὲν> καὶ βραδέως τὸ πρῶτον· (Dion. Hall., Comp. 25, 249-257)

When we are taught to read, first we learn by heart the names of the letters, then their shapes and their values, then, in the same way, the syllables and their effects, and finally words and their properties, by which I mean the ways they are lengthened, shortened and scanned; and similar functions. And when we have acquired knowledge of these things, we begin to write and read, syllable by syllable and slowly at first. (transl.: Usher)
Re: Omalos
βροχή schrieb am 11.12.2024 um 16:39 Uhr (Zitieren)
... es ging ja nicht darum, ob der spiritus asper von allen gesprochen wurde, die Frage war, ob er überhaupt von jmd. gespochen wurde.
Re: Omalos
Bukolos schrieb am 11.12.2024 um 16:58 Uhr (Zitieren)
So ist es. Aber es ging am Ende ja um diese Aussage:
Zitat von βροχή am 11.12.24, 6:34Der Aspirant wurde gesprochen. Erst am Ende der Antike wurde er regional in einigen Gebieten (zb. Ionische) nicht mehr gesprochen

Re: Omalos
filix schrieb am 11.12.2024 um 17:00 Uhr (Zitieren)
Soll man also annehmen, dass das zentrale Motiv der den alexandrinischen Grammatikern zugeschriebenen Einführung der Diakritika philologischer Natur ist und in der Beschäftigung mit und der Herstellung von klassischen Texten (und den darin enthaltenen Vorstellungen über deren ideale Aussprache) gründet, nicht der Versuch war, den tatsächlichen Sprachgebrauch ihrer Gegenwart abzubilden?
Re: Omalos
Γραικύλος schrieb am 11.12.2024 um 17:07 Uhr (Zitieren)
Das ist meine Frage, filix.
Aber Bukolos hat sie ja jetzt beantwortet.
Re: Omalos
Bukolos schrieb am 11.12.2024 um 17:55 Uhr (Zitieren)
Zitat von filix am 11.12.24, 17:00Soll man also annehmen, dass das zentrale Motiv der den alexandrinischen Grammatikern zugeschriebenen Einführung der Diakritika philologischer Natur ist und in der Beschäftigung mit und der Herstellung von klassischen Texten (und den darin enthaltenen Vorstellungen über deren ideale Aussprache) gründet, nicht der Versuch war, den tatsächlichen Sprachgebrauch ihrer Gegenwart abzubilden?

Wie gesagt, ich weiß es nicht. Das halbierte Eta Ͱ als zusätzlicher Buchstabe zum ionischen Alphabet wurde, soweit ich sehe, zuerst im Unteritalien des 4./3. Jhs. (Tarent, Metapont, Herakleia/Lukanien) zur Kennzeichnung des Hauchlauts des dortigen Dialekts verwendet. Dabei bildet es einen in Größe und Position neben den übrigen gleichwertigen Buchstaben, wie in der Legende eines Staters aus Herakleia: ͰHPAKΛEIΩN*

Mit seiner Funktion als Diakritikon verschiebt sich seine Position supra lineam auf die Ebene der Akzente, und man kann sich fragen, weshalb das so ist.

* https://www.britishmuseum.org/collection/object/C_1903-0201-3
Re: Omalos
Patroklos schrieb am 12.12.2024 um 14:30 Uhr (Zitieren)
Das Verschwinden des Anlaut-H zugunsten der diakritischen Erinnerungsposten könnte man mit etwas Phantasie als evolutionär begreifen. Die Spiritus wären demnach Rudimente, also funktionslose Überbleibsel. Die Verkürzung „unserer“ Schnauze, hübscher gesagt: „die Verlagerung der Zahnreihe ins Innere des Gesichtsraumes“ führte zum Wegfall einiger Zähne. Leider vergaß die Evolution, auch die Weisheitszähne aus dem Programm zu streichen. Die zudem noch spät sich entwickelnden Zähne sind, das bitte nur unter uns, quasi die Diakritika der vormaligen Schnauze. Was die Evolution hier vergaß, gab sie andernorts im Übermaß. Die Stoßzähne des Elefanten sind die nach außen verlagerten oberen Schneidezähne.
Re: Omalos
βροχή schrieb am 12.12.2024 um 15:30 Uhr (Zitieren)
Die Aspiranten waren Rudimente im Neugriechischen, deshalb wurden sie auch abgeschafft. Die Weisheitszähne wurden gezogen.

Im Altgriechisch wurden sie noch ausgesprochen, wenigstens von einigen.
Re: Omalos
filix schrieb am 12.12.2024 um 16:17 Uhr (Zitieren)
Elemente in der Differenzierung von Homophonen in phonographischen Schriftsystemen, die selbst keinen Lautwert mehr repräsentieren, würde ich nicht vorschnell als funktionslos bezeichnen. Vgl. z.B. frz. à und a.
Re: Omalos
Patroklos schrieb am 12.12.2024 um 18:47 Uhr (Zitieren)
Ich hatte meine Rudimente-Vermutung lediglich in Spiritus legen wollen.
Re: Omalos
Patroklos schrieb am 17.12.2024 um 12:32 Uhr (Zitieren)
Zur Aspiranten-Entwicklung importierter Wörter im Russischen erfahre ich von einem native speaker dies:
Yet, since there is no official law, the most traditional renderings survive: so Хайдельберг [Heidelberg] is just mentioned as an alternative name but the Wikipedia article about Heidelberg is still called "Гейдельберг", Гарри Поттер [ Harry Potter] (because the given name Гарри exists in Russian, compare the first name of Kasparov [Garri, Гарри] ex-world chess champion).
In Wikipedia heißt es zu Hans: Xans. [Ханс], traditionell Gans [Ганс]
Mein Korrespondent kennt keinen überzeugenden Grund für diese Entwicklung, vermutet Einflüsse des Internets, verweist auf historische Bespiele, etwa /b/ zu /w/ im Fall Griechisch/ Kyrillisch, Basileus, Sewastopol etc.
Re: Omalos
βροχή schrieb am 18.12.2024 um 07:06 Uhr (Zitieren)
Der Aspirant, gesprochen h, ist ein gehauchter Laut. Deutsch enthält im Gegensatz zu anderen Sprachen viele Hauchlaute, es wird sogar an Konsonanten zb. P aspiriert. Den ich-Laut gibt es sehr oft im deutschen, insgesamt aber nur in 10 Sprachen überhaupt. Ich vermute der ausserdeutschlich seltene ich-Laut macht Deutsch zu einer schweren Sprache.
 
Antwort
Titel:
Name:
E-Mail:
Eintrag:
Spamschutz - klicken Sie auf folgendes Bild: Gebirge

Aktivieren Sie JavaScript, falls Sie kein Bild auswählen können.