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Zur Tendenz antiker Historiker (247 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 06.12.2024 um 15:21 Uhr (
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Daß römische Historiker die Kaiser bewertet haben gemäß deren Verhältnis zu ihrer eigenen Klasse, gewöhnlich dem Senat, ist bekannt.
Mary Beard gibt in ihrem neuen Buch (Die Kaiser von Rom. Frankfurt/Main 2024, S. 98-102) ein zweites Kriterium an: das Verhältnis des amtierenden Kaisers, unter dem sie schrieben, zu seinem Vorgänger.
Zwar kann man nicht davon ausgehen, daß der Kaiser den Historikern seinen Standpunkt in die Feder bzw. den Schreibgriffel diktiert hat, aber er konnte schon einen offiziellen Trend vorgeben.
Wenn er nun von seinem Vorgänger gezeugt, adoptiert oder designiert worden war, dann diente es seiner eigenen Legitimation, diesen Vorgänger positiv darzustellen. War er hingegen durch Ermordung seines Vorgängers an die Macht gekommen, dann lag es für ihn nahe, diesen Vorgänger in schlechtem Licht erscheinen zu lassen.
Ein Beispiel dafür ist die Art, wie Plinius und Sueton Domitian schildern. Sie schrieben zur Zeit Trajans. Domitian war ermordet worden; auf ihn folgte – in einer kurzen Regierung – Nerva, und dieser hatte Trajan durch Adoption zur Macht verholfen.
Ein Gegenbeispiel, das mir einfällt, ist allerdings Claudius. Der war zumindest offiziell nicht ermordet worden, hatte vielmehr Nero adoptiert. Dennoch hat Seneca, zunächst eng mit Nero verbunden, den Claudius „verkürbist“ (Apocolocyntosis).