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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Zur Gegenwart des Geschichtsunterrichts (403 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 03.12.2024 um 00:44 Uhr (Zitieren)
Unter dem Titel "Unwissen über Judentum" steht in der FAZ vom 2.12.2024 ein Artikel über den Geschichtsunterricht im gegenwärtigen deutschen Schulwesen. Und auch wenn dieses länderspezifisch ist, läßt sich folgendes allgemein sagen:

1. In den Schulformen unterhalb des Gymnasiums kommt Geschichte als spezielles Schulfach nicht mehr vor, sondern nur noch in Kombination mit anderen Fächern ("Gesellschaftswissenschaften" o.ä.). Die einzige Ausnahme: Baden-Württemberg.

2. Im Rahmen des gymnasialen Unterrichts gibt es eine starke Tendenz, sich auf neue Geschichte zu beschränken, d.h. Antike und Mittelalter bleiben weitestgehend außen vor. Dies gilt insbesondere für den besonders wichtigen Abiturstoff.

3. Dadurch bleiben den Schülern die Wurzeln, die historischen Grundlagen der drei monotheistischen Religionen verschlossen, sofern sich nicht der (abwählbare) Religionsunterricht darum kümmert.
Re: Zur Gegenwart des Geschichtsunterrichts
Auroraὧ schrieb am 03.12.2024 um 08:23 Uhr (Zitieren)
Dadurch bleiben den Schülern die Wurzeln, die historischen Grundlagen der drei monotheistischen Religionen verschlossen, sofern sich nicht der (abwählbare) Religionsunterricht darum kümmert.

Das kann der Ethikunterricht übernehmen, der meines Wissens verpflichtend ist, wenn keine Religionszugehörigkeit vorliegt.

https://www.gym8-lehrplan.bayern.de/contentserv/3.1.neu/g8.de/id_26356.html

Über die Qualität des früheren Religionsunterrichtes kann man trefflich streiten.
Ich fand ihn mäßig bis katastrophal.
Im kath. Bereich brauchen Lehrer dafür die Missio Canonica,
die Konsequenzen hat etwa im Falle der Scheidung und Wiederverheiratung.
Die Kirche mischt da gehörig mit als Tendenzbetrieb.
Ich erlebe gerade so einen Fall im Freundeskreis.
Re: Zur Gegenwart des Geschichtsunterrichts
Γραικύλος schrieb am 03.12.2024 um 09:43 Uhr (Zitieren)
In Berlin nicht. Die Autorin des Artikels stammt aus Berlin. Sonst schon.
Aber auf keinen Fall kann das Fach Ethik das Fach Geschichte ersetzen.
Re: Zur Gegenwart des Geschichtsunterrichts
Aurora schrieb am 03.12.2024 um 10:40 Uhr (Zitieren)
Laut den letzten vorliegenden Zahlen des Statistischen Bundesamtes lernen gegenwärtig in Deutschland etwa zehn- bis elftausend junge Menschen Altgriechisch - und das ausschließlich als dritte Fremdsprache. 700 Lehrer unterrichten das Fach an etwa 200 Schulen. Regionale Schwerpunkte sind Bayern, Baden-Württemberg und Berlin, Schlusslicht im Westen ist das Saarland. In der ehemaligen DDR war das Altgriechische mit seinen vielen Texten zur Freiheit des Menschen und zur Demokratie den Mächtigen suspekt. Unterrichtsfach war es nur an 12 Gymnasien. Auch heute hat es in den neuen Bundesländern außer an einigen privaten Schulen einen schweren Stand.
Die Schüler, die das Fach wählen, kommen aus allen Schichten. Gendermäßig gibt es keine Unterschiede. Kinder aus Familien mit griechischem Migrationshintergrund sind nicht überproportional vertreten - und sogar junge Türken zeigen Interesse.

Neuere Zahlen fand ich nicht.

https://davnrw.de/index.php?option=com_content&view=article&id=149:2020-06-18-07-24-21&catid=10:presse&Itemid=14

KI-Auskunft:
Aktuelle Zahlen über den Griechischunterricht an deutschen Schulen zeigen, dass die Schülerzahlen im Vergleich zu früher erheblich gesunken sind. In Bayern, einem traditionellen Zentrum des altsprachlichen Unterrichts, haben sich die Schülerzahlen von 1962 bis 2009/10 stark reduziert. Während 1962 noch rund 14.000 Schüler Griechisch lernten, waren es 2009/10 nur noch etwa 3.600. Ähnlich sieht es in anderen Bundesländern aus, auch in Berlin und Hamburg, obwohl diese Städte weiterhin einen relativ hohen Anteil an Griechischschülern haben (z.B. Berlin mit 2,2 %).
In Bremen beispielsweise gibt es nur ein Gymnasium, das regulär Altgriechisch unterrichtet, und die Zahl der Griechischschüler liegt dort deutlich unter 100.
Re: Zur Gegenwart des Geschichtsunterrichts
Γραικύλος schrieb am 03.12.2024 um 11:31 Uhr (Zitieren)
Ach, der Griechischunterricht!
Latein, so mein letzter Eindruck, wird durch Spanisch verdrängt.

Vor allem aber: Wo ein historisches Grundwissen sein sollte, ist bei vielen nur noch ein großes Loch.
Re: Zur Gegenwart des Geschichtsunterrichts
filix schrieb am 03.12.2024 um 12:45 Uhr (Zitieren)
Du hast letztens einen fünfstündigen Walkthrough durch eine offene Computerspielwelt gepostet, die das antike Alexandria um 50 v. Chr zu zeigen, nein, regelrecht zu erleben beansprucht, voller Merkwürdigkeiten, die über unsere Gegenwart eine Menge verraten, von denen ich nur ein paar herausgegriffen habe - aber gerade das wäre dem Potential nach doch eine Art immersiven Geschichtsunterrichts, der begleitet durch allerlei seriöse Didaktik, weit mehr Köpfe erreichen könnte als bekannte Formen des Unterrichts. Und ja, das ist richtig teuer.
Re: Zur Gegenwart des Geschichtsunterrichts
Udo schrieb am 03.12.2024 um 12:54 Uhr (Zitieren)
aber gerade das wäre dem Potential nach doch eine Art immersiven Geschichtsunterrichts

Wie könnte der konkret aussehen?
Wie man Geschichte hochspannend und sehr anschaulich vermittelt,
zeigen die DOKU-Sender
wie ZDFinfo, Arte, Phoenix und 3Sat.

Und vergiss nicht das Zeitproblem in der Schule und andere systemimmanente Schwächen!
Re: Zur Gegenwart des Geschichtsunterrichts
filix schrieb am 03.12.2024 um 13:30 Uhr (Zitieren)
Zeit- und Strukturprobleme wird keine Didaktik der Welt als solche lösen können - nun, eben eine immersive Welt, in der man sich bewegen, kommunizieren, mit der man interagieren kann, die Wissen im Erleben als Ausgangspunkt für Reflexion über geschichtliche Zusammenhänge vermittelt, die auch nicht auf die Kompetenz des Lehrers alleine mehr angewiesen ist, der als Guide fungiert, auch ständig dazulernen muss. Erweiterungen und Updates inklusive.
Woher kommen diese Warenströme, wer produziert sie, was ist das für ein Bauwerk, wer hat es errichtet, mit welchem Zweck, welche Sprachen spricht hier wer und in welchen sozialen Zusammenhängen, wie funktioniert eine Bibliothek, wer nutzt sie, wie wird Wissen produziert, distribuiert … wer sorgt für Ordnung in dieser Stadt und wie, hören wir uns einen Vortrag eines Philosophen an oder gehen wir ins Theater, wer opfert hier welchen Göttern, im Hafen gibt es Drama … und wieso dürfen hier keine Genitalien in der Öffentlichkeit gezeigt werden?
Re: Zur Gegenwart des Geschichtsunterrichts
filix schrieb am 03.12.2024 um 13:35 Uhr (Zitieren)
Genitalien (an Kunstwerken) …
Re: Zur Gegenwart des Geschichtsunterrichts
Udo schrieb am 03.12.2024 um 14:06 Uhr (Zitieren)
Zeit- und Strukturprobleme wird keine Didaktik der Welt als solche lösen können

Wie stellst du dir die Schule dr Zukunft vor?
Was wird an in 20, 30 Jahren über das heutige System sagen?
Es ist nicht ein Auslaufmodell, das nicht zukunftsfähig ist?
Muss nicht Lernen ganz andere Formen annehmen
um zu motivieren und Sinn zu vermitteln?

Woher kommen diese Warenströme, wer produziert sie,

Und v.a. welchen Sinn machen sie und welche ökologischen,
irreparablen Folgen haben sie?
Re: Zur Gegenwart des Geschichtsunterrichts
Γραικύλος schrieb am 03.12.2024 um 15:18 Uhr (Zitieren)
Es läßt sich viel, auch und gerade Unkonventionelles, im Geschichtsunterricht machen ... wenn es ihn denn gibt und wenn, sofern es ihn gibt, Antike und Mittelalter im Lehrplan noch vorgesehen sind.
Das Problem besteht darin, daß beides gar nicht oder kaum noch der Fall ist.

Ich erinnere mich an die - inzwischen zurückgenommene - Einführung von G 8 (Abitur nach acht Gymnasialjahren) in NRW. Da fiel ein komplettes Schuljahr aus. Nun gab es Fächer, die für wichtig erachtet wurden und bei denen der Ausfall durch zusätzliche Stunden in den verbleibenden Jahren kompensiert wurde, und es gab Fächer, deren Reduzierung man einfach hingenommen hat, weil sie als nicht so wichtig galten.
Muß ich sagen, zu welcher der beiden Gruppen das Fach Geschichte gehörte?

In G 9 kommen Ur-, Frühgeschichte und Antike ein halbes Jahr vor, und zwar in der Jahrgangsstufe 6 (wo man nichtmal ein Verständnis davon voraussetzen kann, was 1000 oder 2000 Jahre bedeuten); danach ist die Antike nicht mehr vorgesehen.

Neu für mich an dem zitierten Artikel war, daß das Fach Geschichte unterhalb der Gymnasien gar nicht mehr als solches vorkommt, sondern irgendwie in Gesellschaftswissenschaften "integriert" wird, wobei der Lehrer ein solcher sein kann, der Geschichte gar nicht studiert hat, sondern beispielsweise Erdkunde.
Re: Zur Gegenwart des Geschichtsunterrichts
filix schrieb am 03.12.2024 um 19:26 Uhr (Zitieren)
Meine Glaskugel ist von innen beschlagen, aber ich bin einigermaßen davon überzeugt, dass der Trend zur Privatisierung guter Ausbildung, wie immer die didaktisch funktionieren mag und was immer sie für essentielle Gegenstände hält, mit entsprechenden sozialen Folgen sich auch in Europa rasant fortsetzen wird (was mit dem Anspruch moderner Gesellschaften an sich selbst, über Bildung Chancengleichheit herzustellen und soziale Mobilität zu fördern, kollidiert). Weltweit sind laut UNESCO 30 Prozent aller Schulen im sekundären Bildungsbereich privat, der Anteil steigt seit 30 Jahren stetig.

Die Versuche, der Schule vermehrt Aufgaben abzuverlangen, die man vielleicht als Herstellung gesellschaftlicher Kohäsion bezeichnen könnte, werden immer mehr Ressourcen binden und den Druck auf ein sicher diskutables Bildungs- und Ausbildungsideal weiter erhöhen, von dem insbesondere in deutschsprachigen Landen eine wesentliche Auswirkung auch auf die politischen Präferenzen des künftigen Elektorats erwartet wird. Was wir hier mit wechselndem Vergnügen treiben, anderen als intellektueller Flohzirkus erscheint, ist in seiner spezifischen Mischung unzweifelhaft auch ein Echo einer strukturell und - sagen wir mal - in ihrem Eros überlebten Idee von Bildung.
Re: Zur Gegenwart des Geschichtsunterrichts
Γραικύλος schrieb am 03.12.2024 um 20:41 Uhr (Zitieren)
Den Trend zu Privatschulen mag es auch in Deutschland geben (aktuelle Zahlen kenne ich nicht); die meisten von ihnen werden wohl in kirchlicher Trägerschaft sein.
Aber eines weiß ich: Wenn deren Abitur anerkannt werden soll als allg. Hochschulreife, dann müssen auch sie sich an den Lehrplänen des jeweiligen Bundeslandes orientieren.
Mit den entsprechenden Folgen für das Fach Geschichte. Was man dort wohl nicht darf: Religion abwählen. Möglicherweise gibt es dort auch mehr Schüler, die sich für Latein entscheiden.
Re: Zur Gegenwart des Geschichtsunterrichts
filix schrieb am 03.12.2024 um 21:43 Uhr (Zitieren)
Ich wollte damit nicht ausdrücken, dass Privatschulen hinsichtlich des Lehrplans gänzlich beliebig verfahren könnten, sondern die Folgen dieser Privatisierung von Bildung, für die Eltern viel Geld investieren, unabhängig von der weiteren Entwicklung der Fächer und Didaktik ansprechen. Es gibt nebenbei an bestimmten Privatschulen schon länger etwas wie das International Baccalaureate, das prinzipiell den Zugang zu 4500 Universitäten in 110 Ländern (auch in D mit Einschränkungen) öffnet, darunter nicht einige ganz unbekannt wie Oxford - nicht jeder träumt von einer deutschen Uni.
Re: Zur Gegenwart des Geschichtsunterrichts
filix schrieb am 03.12.2024 um 21:45 Uhr (Zitieren)
*einige nicht ganz unbekannte wie Oxford
Re: Zur Gegenwart des Geschichtsunterrichts
Aurora schrieb am 04.12.2024 um 08:39 Uhr (Zitieren)
für die Eltern viel Geld investieren,

Hier ein Luxus.Gymnasium mit Internat:

https://www.schule-schloss-salem.de/de/aufnahme-und-stipendien/aufnahme/

Salem ist auch durch seinen Affenberg bekannt:
https://www.affenberg-salem.de/
Dort kann man Affen auch beim Onanieren beobachten (selbst erlebt).

Re: Zur Gegenwart des Geschichtsunterrichts
Patroklos schrieb am 04.12.2024 um 10:48 Uhr (Zitieren)
Schicklich liegt der Affenberg nicht in Sichtweite der Internatsschule mit dem friedfertigen Namen.
Zum Bodensee hin findet sich die schöne Wallfahrtskirche Birnau, in der kein Honigdieb, wohl aber die Figur des Honigschleckers zu sehen ist, ein Hinweis auf Bernhard von Clairvaux,dem Doctor mellifluus [honigfließend]. Dieser Beiname bezog sich auf seinen Predigtstil.
Der Putto ist wunderbar kitschig (Mitte 18. Jh.).
Re: Zur Gegenwart des Geschichtsunterrichts
Udo schrieb am 04.12.2024 um 11:17 Uhr (Zitieren)
Hinweis auf Bernhard von Clairvaux,dem Doctor mellifluus [honigfließend]. Dieser Beiname bezog sich auf seinen Predigtstil.

Der mit süßen Worten zum Kreuzzug aufrief.

Mit seinen Predigten entfachte er in ganz Europa einen Sturm der Begeisterung für die Kreuzzüge. Er warb für sie im nördlichen Frankreich, in Flandern, am Rhein und am Main. Die Kreuzzugsidee bezog sich zu Bernhards Zeiten nicht mehr nur auf die Verteidigung Jerusalems und der Kreuzfahrerstaaten, sie wurde nun auf Ziele in Europa erweitert. Bernhards Brief 457 aus dem Jahr 1147, in dem er einen Kreuzzug gegen die Wenden forderte, ist vielleicht der berüchtigste Aufruf zum religiösen Krieg; Dieter Hehl zufolge gab hier Bernhard „vermutlich als erster dem Gedanken der Gewaltmission einen Platz in der Kreuzzugsgeschichte“. Im Brief betont Bernhard den Aspekt der Sündenvergebung als Belohnung für die Teilnahme an einem religiösen Krieg, auch wenn er nicht als Kreuzzug gilt. Der Text kann als Wendepunkt zur Theologie des gerechten Verteidigungskrieges gelten. Zu Bernhards Zeiten gelangte das kirchliche Lehramt zur Einsicht, dass Krieg nicht einfach wegen der Nichtchristlichkeit des Gegners eröffnet werden durfte.
 
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