Γραικύλος schrieb am 01.12.2024 um 22:41 Uhr (Zitieren)
Wenn man einmal fragt, woher das eigentlich kommt, dann wird man nicht im Pentateuch fündig, sondern in Luthers - eines notorischen Antijudaisten - Übersetzung von Exodus 21, 24 f.:
Dies ist eine judenfeindliche Übersetzung; Buber und Rosenzweig, also zwei jüdische Autoren, übersetzen so:
Gemeint ist also, daß man Entschädigung im Werte eines Auges oder eines Zahnes leisten muß, d.h. Wiedergutmachung leisten, und das unterscheidet das jüdische Rechtsdenken vom Prinzip des Codex Hammurabi, bei dem tatsächlich im Falle, daß ein Haus einstürzt und dessen Eigentümer seinen Sohn verliert, der Sohn des Architekten getötet werden mußte.
Man könnte den jüdischen Grundsatz daher so übersetzen: „Auge um Augeersatz, Zahn um Zahnersatz.“
Re: Auge um Auge, Zahn um Zahn
Γραικύλος schrieb am 01.12.2024 um 22:45 Uhr (Zitieren)
des Augen --> das Auge
Re: Auge um Auge, Zahn um Zahn
Γραικύλος schrieb am 01.12.2024 um 23:01 Uhr (Zitieren)
Direkt vorher heißt es bei Buber/Rosenzweig:
Re: Auge um Auge, Zahn um Zahn
Γραικύλος schrieb am 02.12.2024 um 00:38 Uhr (Zitieren)
(Pinchas Lapide: Ist die Bibel richtig übersetzt? Gütersloh 1986, S. 68)
Re: Auge um Auge, Zahn um Zahn
Bukolos schrieb am 02.12.2024 um 16:28 Uhr (Zitieren)
Bei dieser Stelle (26 f.) ist auch in der Lutherübersetzung deutlich, dass vmb die Beudeutung als Ausgleich für hat (Freiheit als Ausgleich für ausgeschlagenes Auge bzw. Zahn).
Was 23-25 betrifft, so ist die Präposition tachat offenbar ambivalent. Das wird deutlich aus Lev 24, 17 f. In der Lutherübersetzung von 1545 wird daraus:
Leib vmb leib bezieht sich einerseits auf Talion für die Tötung eines Menschen, andererseits auf Entschädigungszahlung für Tötung eines Stücks Vieh. Weder kann man also sagen, dass tachat immer im Sinn einer Entschädigung ausgelegt werden kann, noch dass Luther mit vmb tatsächlich Talion intendiert.
Auch wären Übersetzungen vor Luther (Septuaginta, Vulgata) in den Blick zu nehmen, bevor man Luther zum Urheber der Fehldeutung erklärt.
Re: Auge um Auge, Zahn um Zahn
filix schrieb am 02.12.2024 um 16:38 Uhr (Zitieren)
Augersatz für Auge; Zahnersatz für Zahn hat zudem etwas vom Leistungskatalog der Krankenversicherung, die Interpretation der einschlägigen Stellen (es sind deren im AT ja mindestens drei) und die Zurückweisung der Auffassung, darin eine rachsüchtige Forderung nach physischer Spiegelstrafe erkennen zu wollen, in die Übersetzung durch diese Determinativkomposita zu verschieben, scheint mir daher nicht besonders überzeugend.
Re: Auge um Auge, Zahn um Zahn
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 02.12.2024 um 16:47 Uhr (Zitieren)
Luther hat den hier dokumentierten Sprachgebrauch also nicht nur (passiv) gekannt, sondern ihn genutzt, und das mehrfach.
Re: Auge um Auge, Zahn um Zahn
filix schrieb am 02.12.2024 um 17:24 Uhr (Zitieren)
Ein Auge anstatt eines Auges ist immer noch ein Auge, daran ändert auch die an Ersatz und Austausch orientierte Auslegung der Semantik der Präposition nichts, die Formulierung kann m.E. nicht ohne Weiteres beanspruchen, offen zu sein, was das Tauschobjekt angeht, sodass man darunter Beliebiges verstehen kann (wie in [den Preis von einem] Auge für ein [wirklich verlorenes] Auge). Der Trick beim Determinativkompositum Augersatz besteht darin, dieses Tauschobjekt in die Rolle des Determinans zu drängen, wodurch es das Determinatum, den nicht näher spezifizierten Ersatz, nur noch in seinem Wofür bestimmt. Selbst wenn man diese Tauschbeziehung immer nur symbolisch verstehen kann, was mit der sprachlichen Formulierung ihres Prinzips weniger zu tun hat als mit der irreversiblen Schädigung der Körper (Transplantation war kein Thema), verschwindet aus dem ursprünglichen Ausdruck die Charakterisierung des Tauschobjekts nicht einfach.
Re: Auge um Auge, Zahn um Zahn
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 02.12.2024 um 18:59 Uhr (Zitieren)
Wo steht denn, bitte, "ein Auge (um)/statt eines Auges"?
Der Wortlaut des Ex 21,24 steht im ersten Post: die Freilassung ist die Ersatzleistung für ein verlorenes Auge - das sollte doch wohl ohne große Exegese klar sein, daß es eben nicht darum geht, simpel gleiches gegeneinander zu fordern (d. h., daß der Schädiger seinerseits realiter ein Auge herzugeben habe), sondern einen bedeutenden Schadensersatz zu fordern/festzusetzen.
Wenn man so will, wird hier der Verlust eines Auges mit der Freiheit aufgewogen. Die Bezeichnung Tausch dünkt mir da recht inadäquat.
Re: Auge um Auge, Zahn um Zahn
filix schrieb am 02.12.2024 um 19:13 Uhr (Zitieren)
Das bezieht sich nicht auf Luthers Übersetzung, sondern den Versuch, den ursprünglichen Wortlaut der Stelle aus der Semantik der Präposition zu deuten (wie u.a. Lapide oben).