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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Auge um Auge, Zahn um Zahn (293 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 01.12.2024 um 22:41 Uhr (Zitieren)
Wenn man einmal fragt, woher das eigentlich kommt, dann wird man nicht im Pentateuch fündig, sondern in Luthers - eines notorischen Antijudaisten - Übersetzung von Exodus 21, 24 f.:
Wenn jemand seinen Knecht oder seine Magd in ein Auge schlegt vnd verderbts / der sol sie frey los lassen / vmb das Auge. Dessselbigen gleichen / wenn er seinem Knecht oder Magd ein Zan ausschlegt / sol er sie frey lassen vmb den zan.

Dies ist eine judenfeindliche Übersetzung; Buber und Rosenzweig, also zwei jüdische Autoren, übersetzen so:
Wenn jemand des Augen seines Knechts oder das Auge seiner Magd schlägt und verdirbt es, schicke er ihm Ledigung zum Ersatz seines Augs; bricht er den Zahn seines Knechts oder den Zahn seiner Magd ab, schicke er ihn in die Ledigung zum Ersatz seines Zahns.

Gemeint ist also, daß man Entschädigung im Werte eines Auges oder eines Zahnes leisten muß, d.h. Wiedergutmachung leisten, und das unterscheidet das jüdische Rechtsdenken vom Prinzip des Codex Hammurabi, bei dem tatsächlich im Falle, daß ein Haus einstürzt und dessen Eigentümer seinen Sohn verliert, der Sohn des Architekten getötet werden mußte.

Man könnte den jüdischen Grundsatz daher so übersetzen: „Auge um Augeersatz, Zahn um Zahnersatz.“
Re: Auge um Auge, Zahn um Zahn
Γραικύλος schrieb am 01.12.2024 um 22:45 Uhr (Zitieren)
des Augen --> das Auge
Re: Auge um Auge, Zahn um Zahn
Γραικύλος schrieb am 01.12.2024 um 23:01 Uhr (Zitieren)
Direkt vorher heißt es bei Buber/Rosenzweig:

Geschieht das Ärgste aber,
dann gib Lebenersatz für Leben -
Augersatz für Auge, Zahnersatz für Zahn, Handersatz für Hand, Fußersatz für Fuß, Brandmalersatz für Brandmal, Wundersatz für Wunde, Striemersatz für Strieme.
Re: Auge um Auge, Zahn um Zahn
Γραικύλος schrieb am 02.12.2024 um 00:38 Uhr (Zitieren)
Das Schlüsselwort in der hebräischen Bibelstelle "tachat" heißt gar nicht "um" oder "für'", sondern "anstelle von". Daher übersetzt Buber sowohl sinngetreu also auch textgemäß: "Geschieht das Ärgste aber, so gib Lebensersatz für Leben; Augersatz für Auge; Zahnersatz für Zahn."

(Pinchas Lapide: Ist die Bibel richtig übersetzt? Gütersloh 1986, S. 68)
Re: Auge um Auge, Zahn um Zahn
Bukolos schrieb am 02.12.2024 um 16:28 Uhr (Zitieren)
Zitat von Γραικύλος am 1.12.24, 22:41Wenn jemand seinen Knecht oder seine Magd in ein Auge schlegt vnd verderbts / der sol sie frey los lassen / vmb das Auge. Desselbigen gleichen / wenn er seinem Knecht oder Magd ein Zan ausschlegt / sol er sie frey lassen vmb den zan.

Bei dieser Stelle (26 f.) ist auch in der Lutherübersetzung deutlich, dass vmb die Beudeutung als Ausgleich für hat (Freiheit als Ausgleich für ausgeschlagenes Auge bzw. Zahn).

Was 23-25 betrifft, so ist die Präposition tachat offenbar ambivalent. Das wird deutlich aus Lev 24, 17 f. In der Lutherübersetzung von 1545 wird daraus:
WEr jrgent einen Menschen erschlegt / Der sol des todes sterben / 18 Wer aber ein Vieh erschlegt / Der sols bezalen / Leib vmb leib.

Leib vmb leib bezieht sich einerseits auf Talion für die Tötung eines Menschen, andererseits auf Entschädigungszahlung für Tötung eines Stücks Vieh. Weder kann man also sagen, dass tachat immer im Sinn einer Entschädigung ausgelegt werden kann, noch dass Luther mit vmb tatsächlich Talion intendiert.

Auch wären Übersetzungen vor Luther (Septuaginta, Vulgata) in den Blick zu nehmen, bevor man Luther zum Urheber der Fehldeutung erklärt.
Re: Auge um Auge, Zahn um Zahn
filix schrieb am 02.12.2024 um 16:38 Uhr (Zitieren)
Augersatz für Auge; Zahnersatz für Zahn hat zudem etwas vom Leistungskatalog der Krankenversicherung, die Interpretation der einschlägigen Stellen (es sind deren im AT ja mindestens drei) und die Zurückweisung der Auffassung, darin eine rachsüchtige Forderung nach physischer Spiegelstrafe erkennen zu wollen, in die Übersetzung durch diese Determinativkomposita zu verschieben, scheint mir daher nicht besonders überzeugend.
Re: Auge um Auge, Zahn um Zahn
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 02.12.2024 um 16:47 Uhr (Zitieren)
um, umb
G. neben ausdrücken des überlassens, hingebens, tauschens, wechselns bildete sich aus der finalen (weniger causalen) bedeutung von um seine verwendung zur angabe des kaufpreises und werthes. vgl. auch die oben unter F eingangs aufgeführten belege. die nachfolgenden belege zeigen den übergang:
lâzen dirre welt muot
umbe daz iemer wernde guot
Rud. v. Ems Barlaam 10, 36 Pfeiffer;
umb ditz ding lest der man den vatter und sein mtter, und zhaft seim weip erste deutsche bibel 2, 170 lit. ver.; (er) hatte den hof von Constantinopel um den mönchsstand verlassen Zimmermann einsamk. 2, 144; do wir eine briefsweike (postpferd) goben umme eine ander und goben das geld z Marienburger treszlerbuch 75 Joachim; meritorium gälthr, die sich laszt umb gält Frisius dict. (1556) 1189a.

1) häufig neben geben, das in älterer sprache durchaus in dem prägnanteren sinne von verkaufen gebraucht wird, s. th. 4, 1, 1, 1681; mhd. wb. 3, 179b:
sô was in sanfte unde alsô wol,
daz si enhæten niht ir leben
umb kein ander künicrîche gegeben
Gottfried Tristan 1370;
in der mesz zu Franckfurt
gibt man zw nadel umb ain ai
Hätzlerin liederb. 202;
er hats umb ein spott und nütt hingäben, umb ein stückle brot verkauft Frisius dict. (1556) 29b; und fragt, was er umb ihn geben solt; da liesz in der kaufmann umb viertzig sestercios E. Alberus fabeln 11 ndr.; geb 15 batzen vor ein gulden, äpfel umb birnen Lehman flor. pol. 1, 86; um weniger soll ich den bock doch nich hergeben /Bd. 23, Sp. 784/ G. Hauptmann biberp. 21.
bei antithetischem verhältnis bildet sich die bedeutung 'anstatt', 'an stelle von': sie gaben mir ubel umbe guot Notker 2, 118 Piper, in dieser oder ähnlicher form häufig Terenz deutsch (1499) 20b; erste deutsche bibel 3, 197; Melissus psalmen 129 ndr.; (der bapst) gibt dir blei umbs golt, fell umbs fleisch, schnur umb den beutel, wachs umbs honig, wort umbs gut, buchstaben umb den geist Luther 6, 450 Weim.
[Hervorhebungen meine]
https://woerterbuchnetz.de/?sigle=DWB&lemid=U03334
Luther hat den hier dokumentierten Sprachgebrauch also nicht nur (passiv) gekannt, sondern ihn genutzt, und das mehrfach.
Re: Auge um Auge, Zahn um Zahn
filix schrieb am 02.12.2024 um 17:24 Uhr (Zitieren)
Ein Auge anstatt eines Auges ist immer noch ein Auge, daran ändert auch die an Ersatz und Austausch orientierte Auslegung der Semantik der Präposition nichts, die Formulierung kann m.E. nicht ohne Weiteres beanspruchen, offen zu sein, was das Tauschobjekt angeht, sodass man darunter Beliebiges verstehen kann (wie in [den Preis von einem] Auge für ein [wirklich verlorenes] Auge). Der Trick beim Determinativkompositum Augersatz besteht darin, dieses Tauschobjekt in die Rolle des Determinans zu drängen, wodurch es das Determinatum, den nicht näher spezifizierten Ersatz, nur noch in seinem Wofür bestimmt. Selbst wenn man diese Tauschbeziehung immer nur symbolisch verstehen kann, was mit der sprachlichen Formulierung ihres Prinzips weniger zu tun hat als mit der irreversiblen Schädigung der Körper (Transplantation war kein Thema), verschwindet aus dem ursprünglichen Ausdruck die Charakterisierung des Tauschobjekts nicht einfach.
Re: Auge um Auge, Zahn um Zahn
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 02.12.2024 um 18:59 Uhr (Zitieren)
Wo steht denn, bitte, "ein Auge (um)/statt eines Auges"?
Der Wortlaut des Ex 21,24 steht im ersten Post: die Freilassung ist die Ersatzleistung für ein verlorenes Auge - das sollte doch wohl ohne große Exegese klar sein, daß es eben nicht darum geht, simpel gleiches gegeneinander zu fordern (d. h., daß der Schädiger seinerseits realiter ein Auge herzugeben habe), sondern einen bedeutenden Schadensersatz zu fordern/festzusetzen.
Wenn man so will, wird hier der Verlust eines Auges mit der Freiheit aufgewogen. Die Bezeichnung Tausch dünkt mir da recht inadäquat.
Re: Auge um Auge, Zahn um Zahn
filix schrieb am 02.12.2024 um 19:13 Uhr (Zitieren)
Das bezieht sich nicht auf Luthers Übersetzung, sondern den Versuch, den ursprünglichen Wortlaut der Stelle aus der Semantik der Präposition zu deuten (wie u.a. Lapide oben).

https://biblehub.com/interlinear/exodus/21-24.htm
 
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