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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Die Fabel von der Haubenlerche (277 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 01.12.2024 um 00:01 Uhr (Zitieren)
Quintus Ennius (gem. Aulus Gellius II 29):

Die Fabel geht wohl auf Äsop zurück und ist von Aulus Gellius in Prosaform überliefert. Das folgende ist der Versuch einer Nachdichtung im trochäischen Septenar (versus quadratus), in dem Ennius das Werk wohl verfaßt hat.
´s gibt ein kleines Vögelchen, das Haubenlerche heißt. Sie haust
drauß im Saatfeld, und zum Nisten wählt sie sich den Zeitpunkt so,
daß beim Nahn der Ernte ihre Jungen eben flügge sind.
Einer widerfuhrs, zu nisten im weit vorgereiften Feld:
Goldgelb stehn die Ähren, aber ungefiedert ist die Brut!
Eh sie drum den Jungen Nahrung suchen geht, ermahnt sie die,
gut drauf zu achten, was in Tat und Worten dort gescheh,
und ihr alles zu berichten, kehre sie vom Flug zurück.
Darnach kommt der Herr des Kornfelds, ruft den Sohn heran und spricht:
„Siehst du, wie dies alles reif ist und der Schnitter Hand verlangt?
Auf denn, morgen, sobald es dämmert, geh zu unsern Freunden hin,
bitte sie, zu kommen und bei der Ernte uns zu helfen – wir
helfen später auch!“ So sprach er und ging weiter. Als zurück
von dem Flug die Haubenlerche kam, umlärmte sie die Brut:
Zitternd zagend baten die die Mutter, sich zu eilen, um an-
dernorts sie schleunigst hinzubringen. „Denn es hat der Herr“,
sagen sie, „zu seinen Freunden hingeschickt, sie möchten beim
Sonnenaufgang kommen, um zu mähen.“ Doch die Alte heißt
sie ganz ohne Sorge sein: „Denn wenn der Herr die Erntelast
auf die Freunde abschiebt, dann wird morgen nicht gemäht, und ists
nicht vonnöten, daß ich euch am heutgen Tag schon schaffe fort.“
Also fliegt am nächsten wieder sie zum Futterholen aus.
Und der Herr erwartet, die er aufgeboten. Die Sonne brennt:
Nichts geschieht. Der Tag geht hin: und keine Freunde gehen her.
Wie er wiederkommt, sagt er zum Sohn: „Du siehst, wie Freunde sind,
großenteils nur Tagediebe! Besser ist’s, wir gehen hin,
die Verwandten und die Schwäger aufzubieten, daß sich die
morgen zeitig finden ein zum Mähen.“ Und auch dieses Wort
richten die Jungen ängstlich aus. Die Mutter mahnt sie abermals,
noch sei Grund zu Furcht und Sorge nicht gegeben. Seien doch
die Verwandten und die Schwäger selten so willfährig, daß
ohne Zaudern sie zur Arbeit kämen, die sie zugesagt,
und aufs Wort gehorchten. „Ihr nun“, sagt sie, „nehmet wohl in Acht,
was der Herr von neuem äußern wird.“ Der andre Tag bricht an,
und zur Futtersuche macht sich wiederum der Vogel auf.
Die Verwandten und die Schwäger bleiben aus: sie glaubten sich
jener Arbeit überhoben, die zu leisten sie bestellt.
Endlich sagt zum Sohn der Gutsherr: „Laß die Freunde fahren hin
samt der ganzen Sippschaft! Morgen bei dem ersten Tagesschein
bringst du uns zwei Sensen her, die eine nehm ich mir, und du
nimmst die zweite, und selbander mähn wir morgen unsre Frucht,
schaffens mit den eignen Händen!“ Als die Haubenlerche dies
als des Gutsherrn letztes Wort von ihrer Brut vernommen, da
spricht sie: „Nun ist’s Zeit, zu weichen und zu wandern. Denn geschehn
sonder Zweifel wird nun, was er angekündigt. Das Geschäft
liegt jetzt dem ob, den es angeht, nicht bei andern, die man holt!“
So verlegt die Haubenlerch ihr Nest, der Herr mäht ab das Feld.

Dies laß dir zur Lehre dienen, die dir stets vor Augen steh:
nie erwarte von den Freunden, was du selber machen kannst.
[hoc erit tibi argumentum semper in promptu situm:
ne quid expectes amicos, quod tute agere possies.]

(Römische Satiren. Hrsg. v. Otto Weinreich. Zürich/Stuttgart ²1962, S. 8-10)
 
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