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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Gefahr für die Zwillinge (443 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 21.11.2024 um 00:03 Uhr (Zitieren)
Fünf Talente bezahlt so mancher an manche für einmal;
Angstvoll genießt er und hat nicht mal ´ne Schönheit, weiß Gott.
Ich – ich zahle fünf Drachmen fürs Dutzend bei Lysianasse,
mein ist ein herrliches Weib, und ich genieße es frei.
Entweder bin ich verrückt, oder aber es kommt so, dem andern
hackt man mit einem Beil schließlich die Zwillinge ab
[ἢ τό γε λοιπὸν
τοὺς κείνου πελέκει δεῖ ἀφελεῖν].

(Philodemos; Anthologia Graeca V 126)
Re: Gefahr für die Zwillinge
filix schrieb am 21.11.2024 um 12:40 Uhr (Zitieren)
Wie man βινεῖ übersetzen sollte, hatten wir ja schon neulich. Den Schluss bzw. die brachiale Alternative zum selbst attestierten Irrsinn verstehe ich nicht als Prognose, also etwa: Entweder habe ich den Verstand verloren oder es bleibt nichts anderes übrig, als dem anderen die Zwillinge mit einem Beil abzuhacken.
Re: Gefahr für die Zwillinge
Andreas schrieb am 21.11.2024 um 13:08 Uhr (Zitieren)
Du hast ein Wort vergessen:
Πέντε δίδωσιν ἑνὸς τῇ δεῖνα ὁ δεῖνα τάλαντα, καὶ βινεῖ φρίσσων, καὶ μὰ τὸν οὐδὲ καλήν· πέντε δ᾿ ἐγὼ δραχμὰς τῶν δώδεκα Λυσιανάσσῃ, καὶ βινῶ πρὸς τῷ κρείσσονα καὶ φανερῶς. 5πάντως ἤτοι ἐγὼ φρένας οὐκ ἔχω, ἢ τό γε λοιπὸν τοὺς κείνου πελέκει δεῖ διδύμους ἀφελεῖν.

https://anthologiagraeca.org/passages/urn:cts:greekLit:tlg7000.tlg001.ag:5.126/

http://www.perseus.tufts.edu/hopper/text?doc=Perseus%3Atext%3A2008.01.0472%3Abook%3D5%3Achapter%3D126
Re: Gefahr für die Zwillinge
Γραικύλος schrieb am 21.11.2024 um 13:38 Uhr (Zitieren)
Gewiß fehlt das! Das ist ja das für den Titel entscheidende Wort. Danke für den Hinweis.
Re: Gefahr für die Zwillinge
Bukolos schrieb am 21.11.2024 um 15:05 Uhr (Zitieren)
Verfehlt erscheint auch die Übersetzung für ὁ δεῖνα bzw. τῇ δεῖνα: Mit ὁ δεῖνα wird ja (wie beim lat. quidam) nicht ein unbestimmter Personenkreis, sondern jemand Konkretes, dessen Name nicht ausgespochen werden soll ("Herr So-und-so"; "du weißt, von wem ich spreche"), bezeichnet. Sowohl Sprecher als auch Adressat wissen ja wohl ganz genau, wer der freigebige Liebhaber ist, zu dessen eigenem Besten Kastration angeraten wird.
Re: Gefahr für die Zwillinge
Patroklos schrieb am 21.11.2024 um 20:04 Uhr (Zitieren)
Das sehr unterschiedliche Entgelten fürs Schnackseln dient zum Vorwand, eine damals leicht erkennbare Person zu desavouieren. Indessen bleibt die Alternative von „verrückt“ und Kastration im Ungewissen. Letztere könnte freilich durchaus politische Entmachtung bedeuten.
Verstehe ich das Gedicht hiermit einigermaßen? Oder bin ich „verrückt“?
Re: Gefahr für die Zwillinge
filix schrieb am 21.11.2024 um 21:14 Uhr (Zitieren)
Es fällt wohl dem Leser zu, den disjunktiven Syllogismus zu vollenden:

Also: Entweder ich habe den Verstand verloren oder man muss ihm die Zwillinge abhacken. (A v B)
Suggeriert wird: ¬A ergo B (Da ich den Verstand gewiss nicht verloren habe, bleibt nichts anderes übrig, als …)

Der andere ist offensichtlich ein Ehebrecher, wie die angstvolle Ausführung und die Kastration als drohende Strafe andeuten.





Re: Gefahr für die Zwillinge
filix schrieb am 21.11.2024 um 21:25 Uhr (Zitieren)
Wobei diese Suggestion quasi aus dem Vergleich davor fließt: Wie kann einer, der günstig und angstfrei eine Schönheit vögelt, nicht bei Verstand sein im Unterschied zu einem, der Unsummen dafür zahlt, sich dabei fürchtet usw.?
Re: Gefahr für die Zwillinge
Patroklos schrieb am 21.11.2024 um 21:31 Uhr (Zitieren)
Uns unerklärlich, also nicht identifizierbar, scheint mir die Schmähung eines politischen Gegners mittels sexual bashing zu sein.
Zur Technik der Camouflage (unsexuell) darf man allzumal heute Abend hinzufügen: der Herr Pistorius lobt den Herrn Scholz, weil er nicht als zweiter Mann unter Herrn Merz ein wenig mitregieren möchte.
Re: Gefahr für die Zwillinge
Bukolos schrieb am 22.11.2024 um 13:42 Uhr (Zitieren)
Dass der Autor den Vorgang im Sinne einer Invektive einem politischen Gegner erst andichten wollte, ist unwahrscheinlich: Es müsste ja kenntlich werden, wer der Angegriffene ist. Also scheint das Epigramm doch eher auf ein bereits kursierendes Gerücht über die Großzügigkeit des Liebhabers zu reagieren.

Thematisch Näherliegendes als die im galanten Bereich eher unspektakuläre Sphäre von Merz und Co. bietet das Paris des 18. Jahrhunderts, etwa der Tratsch, den Tallemant des Réaux in seinen Histörchen über den späteren Erzbischof von Paris (und Onkel des Kardinal Retz) Jean-François de Gondi verbreitete:
On dit qu’un jour qu’il étoit convenu avec madame de Bassompierre de ce qu’il lui donneroit pour une nuit, il y fut bien ; mais il se trouva mal, et ne put rien faire. Il voulut y retourner le lendemain, sans financer de nouveau ; mais elle lui manda, comme on fait aux auberges, que son assiette avoit mangé pour lui. Le Plessis-Guénégaud s’amusoit à payer cette grosse tripière comme un tendron, parce qu’elle étoit de qualité.

Es heißt, eines Tages sei er mit Madame de Bassompierre darüber einig geworden, was er ihr für eine Nacht geben würde, und es ging ihm gut. Aber auf einmal fühlte er sich schlecht und konnte nichts zustandebringen. Er wollte am nächsten Tag wiederkommen, ohne erneut zu bezahlen, aber sie teilte ihm nach Sitte von Gasthäusern mit, dass sein Teller für ihn gespeist habe. Plessis-Guénégaud machte sich darüber lustig, dass man für diesen fetten Fleischberg den Preis von Kalbsbrust bezahle, weil er Qualität habe.
Re: Gefahr für die Zwillinge
Bukolos schrieb am 22.11.2024 um 13:44 Uhr (Zitieren)
18. Jahrhunderts -> 17. Jahrhunderts
Re: Gefahr für die Zwillinge
Bukolos schrieb am 22.11.2024 um 13:48 Uhr (Zitieren)
und konnte -> und er konnte
Re: Gefahr für die Zwillinge
filix schrieb am 23.11.2024 um 15:29 Uhr (Zitieren)
Ich vermute in cette grosse tripière eher eine Berufsbezeichnung, also diese fette Flecksiederin oder Kuttlerin, welcher schlecht angesehene Berufsstand mit Reinigung und Verarbeitung von tierischen Gedärmen befasst war.
Re: Gefahr für die Zwillinge
filix schrieb am 23.11.2024 um 15:33 Uhr (Zitieren)
Das wäre dann auch passend als Gegenstück zu tendron, das nicht nur das edle Bruststück des Tiers bezeichnet, sondern auch übertragen ein junges Ding.
Re: Gefahr für die Zwillinge
Patroklos schrieb am 23.11.2024 um 16:16 Uhr (Zitieren)
Womöglich doch Innereien bzw Kutteln=tripes. Vgl. in der Auvergne tripou.
Re: Gefahr für die Zwillinge
filix schrieb am 23.11.2024 um 20:17 Uhr (Zitieren)
Die tripes sind zweifellos die Ableitungsbasis, das Suffix -ier/-ière bringt aber gewöhnlich Berufsbezeichnungen hervor (neben der Bezeichnungen von Trägern oder Behältnissen von Objekten). Folgerichtig übersetzt schon François Pomeys Dictionaire royal aus dem 17. Jhdt.: Tripiere - iliaria propola - eine Kuttlerin.
Re: Gefahr für die Zwillinge
filix schrieb am 23.11.2024 um 20:21 Uhr (Zitieren)
der
Re: Gefahr für die Zwillinge
filix schrieb am 23.11.2024 um 20:22 Uhr (Zitieren)
der
Re: Gefahr für die Zwillinge
Patroklos schrieb am 23.11.2024 um 20:44 Uhr (Zitieren)
Die Entgegensetzung von Kutteln/Kalbsbrust überzeugt mich mehr als diejenige von Kuttlerin/junges Ding.
Die weiblichen Sichtweisen von Aurora und Marcella wären hier hilfreich. Letztere ist seit längerem recht schweigsam. Möge sie wohlauf sein, möchte ich hinzufügen.
Re: Gefahr für die Zwillinge
Bukolos schrieb am 23.11.2024 um 22:49 Uhr (Zitieren)
Zitat von Patroklos am 23.11.24, 20:44Die Entgegensetzung von Kutteln/Kalbsbrust überzeugt mich mehr als diejenige von Kuttlerin/junges Ding.

Dieser Punkt und der Hinweis in Delvaus Dictionnaire érotique moderne*, dass es sich bei einer Tripière um eine Frau mit unschönem Hals oder großer Oberweite handeln soll, hat mich die freiere Übersetzung wählen lassen.

* https://fr.m.wikisource.org/wiki/Dictionnaire_%C3%A9rotique_moderne/T
Re: Gefahr für die Zwillinge
filix schrieb am 24.11.2024 um 00:27 Uhr (Zitieren)
https://www.europeana.eu/de/item/9200518/ark__12148_btv1b84021780 - der Stich zeigt das Klischee der tripière: eine unattraktive, ältlich bzw. verhärmt wirkende Frau, zu der also das junge Ding durchaus ein Gegenbild darstellt, dem es allerdings an Qualität mangelt, was hier wohl bedeutet, dass es nicht von Stand ist. Dass dieser Gegensatz über den Vergleich von Kutteln (die nebenbei an sich wenig Fett enthalten) und Kalbsbrust gestärkt wird, die über die Ableitungsbasis tripes bzw. die Hauptbedeutung von tendron hineinspielen, sei unbestritten.
Re: Gefahr für die Zwillinge
Bukolos schrieb am 24.11.2024 um 08:52 Uhr (Zitieren)
Zitat von filix am 24.11.24, 0:27Kutteln (die nebenbei an sich wenig Fett enthalten)

Der Vergleich in der Wendung grosse tripière scheint dennoch vorwiegend auf die Fleischmengen zu zielen, die die tripière im eigentlichen Sinn feilbietet, wenn etwa das Dictionnaire de l'Académie française von 1694 angibt:
On appelle par ironie, Grosse tripiere, Une femme qui a un gros sein, & un gros ventre.

https://www.dictionnaire-academie.fr/article/A1T0225-05
Re: Gefahr für die Zwillinge
Patroklos schrieb am 24.11.2024 um 11:46 Uhr (Zitieren)
Dieser Faden begann ua mit Zwillingen.
Sonntäglich sei darauf hingewiesen, dass der Apostel Thomas den Beinamen Didymos, also Zwilling, hat. „Thomas“ bedeutet im Aramäischen „Zwilling“. So trägt er sozusagen einen Zwillingsnamen. Womöglich euphemistisch. Eleganter als „der Zweifler“ bzw der (zunächst) ungläubige.
 
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