Mütterchen, Amme des Mädchens, was schimpfst du so, wenn ich mich nahe?
Warum machst du mir denn doppelt so bitter die Qual?
Wunderbar hübsch ist das Mädchen, das neben dir hergeht, und folge
ich ihren Spuren, ich geh bloß meinen eigenen Weg;
nur ihr süßes Figürchen betrachte ich. Kann man denn, Törin,
Augen beneiden? Man sieht doch auch Unsterbliche an!
(Diotimos von Milet; Anthologia Graeca V 106)
Vgl. Matthäus 5, 27-29:
Ihr habt gehört, daß [zu den Alten] gesagt worden ist: Du sollst nicht ehebrechen. Ich aber sage euch: Jeder, der eine Frau lüstern ansieht, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen. Wenn also dein rechtes Auge dir zum Ärgernis wird, so reiß es aus und wirf es von dir. Denn es ist besser für dich, eines deiner Glieder geht verloren, als daß dein ganzer Leib in die Hölle geworfen wird.
Re: Das Auge sündigt nicht
Γραικύλος schrieb am 16.11.2024 um 00:04 Uhr (Zitieren)
Re: Das Auge sündigt nicht
Aurora schrieb am 16.11.2024 um 11:13 Uhr (Zitieren)
Die Stelle lässt sich so nicht auf den historischen Jesus zurückführen.
Aus dem Netz:
1. Historische Authentizität:
Viele moderne Bibelwissenschaftler zweifeln daran, dass diese spezifischen Worte in Matthäus 5, 27-29 direkt vom historischen Jesus stammen. Die historisch-kritische Forschung legt nahe, dass die Bergpredigt im Matthäusevangelium redaktionell bearbeitet wurde, um die Lehren Jesu für die frühe christliche Gemeinschaft verständlicher und zugänglicher zu machen. Hierbei wird oft darauf hingewiesen, dass Jesus als ein jüdischer Lehrer in seiner Zeit bestimmte ethische Forderungen aufgestellt hat, die jedoch durch die matthäische Tradition theologisch zugespitzt wurden.
Géza Vermes etwa argumentiert, dass die Ethik der Bergpredigt im Kern von Jesus stammt, aber die Formulierungen stark durch die frühe Kirche geprägt wurden. Ähnlich sieht es John Dominic Crossan, der darauf hinweist, dass die Bergpredigt eine moralische Verdichtung der Lehren Jesu darstellt, die jedoch möglicherweise im Rahmen der Evangelienredaktion formuliert wurde.
2. Symbolische und metaphorische Interpretation:
Heutige Theologen neigen dazu, die drastischen Bilder in diesen Versen – wie das „Auge ausreißen“ – metaphorisch zu interpretieren. Diese Aussagen sollen die Ernsthaftigkeit der moralischen Forderungen Jesu unterstreichen, jedoch wird nicht angenommen, dass sie wörtlich gemeint sind. Die Bilder stehen symbolisch für den radikalen Umgang mit moralischem Fehlverhalten, insbesondere im Bereich der sexuellen Versuchung.
Ulrich Luz und andere moderne Exegeten betonen, dass solche Passagen weniger historische Aussagen sind, sondern Teil einer rhetorischen Strategie, um die Bedeutung des Gehorsams gegenüber Gott zu verstärken.
3. Exegetische Perspektiven:
Die Exegese des Matthäustextes hebt hervor, dass Jesus in der Bergpredigt eine sehr radikale und ethisch anspruchsvolle Lehre vertrat. Diese Aussage („Ihr habt gehört... Ich aber sage euch...“) zeigt, wie Jesus die geltende jüdische Gesetzesauslegung verschärft und auf innere Reinheit sowie die Kontrolle der Gedanken und Begierden hinweist. Das Ziel der Passage ist nicht die physische Verstümmelung, sondern die Ermahnung zu einem moralisch untadeligen Leben
In der katholischen Exegese etwa wird heute oft betont, dass diese Verse nicht wörtlich zu verstehen sind. Sie werden als Ausdruck einer vertieften inneren Umkehr und moralischen Disziplin interpretiert. Der Appell Jesu richtet sich also an die ethische Selbstkontrolle und das Vermeiden von sündhaften Gedanken.
Re: Das Auge sündigt nicht
filix schrieb am 16.11.2024 um 11:26 Uhr (Zitieren)
Welchem Netz?
Re: Das Auge sündigt nicht
Γραικύλος schrieb am 16.11.2024 um 16:13 Uhr (Zitieren)
Auf diese hochspekulative Frage, was Jesus wirklich gesagt hat, wollte ich gar nicht hinaus. Ich nehme die Bibel so, wie sie das abendländische Denken und die Leibfeindlichkeit der frühen Christen, d.h. unsere Kultur geprägt hat, und denke mir: Welch ein Unterschied in der Bewertung des erotischen Blicks!
Re: Das Auge sündigt nicht
Γραικύλος schrieb am 16.11.2024 um 16:16 Uhr (Zitieren)
"Das Netz" ist sicherlich wieder eine KI. Ich persönlich ziehe es vor, mich mit Menschen zu unterhalten statt mit KI.
Re: Das Auge sündigt nicht
Andreas schrieb am 16.11.2024 um 17:52 Uhr (Zitieren)
Jesus war sicher nicht leibfeindlich.
vgl:
Franz Alt
Die außergewöhnlichste Liebe aller Zeiten
Die wahre Geschichte von Jesus, Maria Magdalena und Judas, 2021
Und der Junias war eine Junia.
Re: Das Auge sündigt nicht
Γραικύλος schrieb am 16.11.2024 um 18:01 Uhr (Zitieren)
Christen heute wollen nicht, daß er leibfeindlich war. Wissen wir's?
Der "wirkliche" Jesus ist für mich der, der gewirkt hat ... und wie er gewirkt hat.
Re: Das Auge sündigt nicht
Γραικύλος schrieb am 16.11.2024 um 18:06 Uhr (Zitieren)
Nehmen wir die Essener:
(Wikipedia)
Also, möglich ist es, falls Jesus etwas mit den Essenern zu tun hatte. Aber es ist alles Mutmaßung.
Re: Das Auge sündigt nicht
Aurora schrieb am 17.11.2024 um 09:14 Uhr (Zitieren)
Wissen wir vom Gegenteil? ("Fresser und Säufer", Umgang mit Prostituierten)
Was ist dabei für dich das Entscheidende? Wie hat er deiner Meinung nach (auf Menschen) gewirkt?
Re: Das Auge sündigt nicht
Γραικύλος schrieb am 17.11.2024 um 10:29 Uhr (Zitieren)
Er hat gewirkt durch die Bibel und die Kirche(n).
(Ähnlich wie der Buddha, von dem man historisch ebenfalls kaum etwas weiß, der aber Folgen hinterlassen hat.)
Re: Das Auge sündigt nicht
Γραικύλος schrieb am 17.11.2024 um 10:34 Uhr (Zitieren)
Daß diejenigen, die mit der Kirche unzufrieden sind, auf den Original-Jesus zurückgreifen möchten, hat ja schon eine lange Tradition in der Geschichte des Christentums. Nur gibt es, so mein Eindruck, dafür keine sicheren Informationen.
Re: Das Auge sündigt nicht
Γραικύλος schrieb am 17.11.2024 um 10:46 Uhr (Zitieren)
Was es gibt, sind halt die Texte. Und in denen findet man, was man sucht: die einen Anhaltspunkte dafür, daß er die Nähe zu Frauen liebte, die anderen für den Zölibat.
Irgendjemand hat mal geschrieben (ich glaube, es war Burkhard Müller), es sei eine Schwachstelle des Christentums, sich auf ein historisches Faktum zu berufen, wodurch es als Religion allen Problemen der historischen Forschung ausgeliefert sei.