Γραικύλος schrieb am 13.11.2024 um 15:57 Uhr (Zitieren)
Das Zuwerfen eines Apfels galt in Griechenland – vielleicht im Anklang an das Urteil des Paris – als Liebeserklärung. Darauf nehmen die beiden folgenden Gedichte Platons Bezug:
Re: Das Zuwerfen des Apfels
Bukolos schrieb am 14.11.2024 um 11:53 Uhr (Zitieren)
Auffällig an diesen beiden Epigrammen, dass das μηλοβολεῖν als ritualisierte Kontaktaufnahme zwischen den Geschlechtern (im Bereich homosexueller Liebe war es anscheinend nicht üblich) hier vom Mann ausgeht: Sonst lag, soweit ich die Belege überblicke (Aristoph. Nub. 997; Theokr. 5, 88; 6, 6; 11, 10; Anth. Gr. 5, 290; 5, 291; Verg. ecl. 3, 64), die Initiative beim weiblichen Part.
Re: Das Zuwerfen des Apfels
filix schrieb am 14.11.2024 um 12:41 Uhr (Zitieren)
Bei Aristophanes und Vergil wird die Werferin allerdings als πορνίδιον bzw. lasciva puella charakterisiert - ist das womöglich der soziale Preis für die "angemaßte" Initiative, Stichwort Slutshaming?
Re: Das Zuwerfen des Apfels
Γραικύλος schrieb am 14.11.2024 um 15:52 Uhr (Zitieren)
Kann man denn sagen, daß dieser symbolische Akt auf das Urteil des Paris zurückgeht?
Dann wäre der erste derartige Akteur ja ein Mann.
Re: Das Zuwerfen des Apfels
filix schrieb am 14.11.2024 um 20:28 Uhr (Zitieren)
Das Paris-Urteil ist bestenfalls indirekt ein Akt der Werbung, Paris hat die Sache an sich nicht initiiert, er wird als Streitschlichter berufen, der von seiner Rolle profitieren will, die Frage des ersten Schrittes, und welches Geschlecht ihn tut, stellt sich dabei in meinen Augen nicht in vergleichbarer Weise - die aber kann bei der Anbahnung als fundamental für das Geschlechterverhältnis gelten und beschäftigt noch heute - Artikel wie Ich finde einen Mann toll – aber soll ich überhaupt den ersten Schritt machen? finden sich en masse.
Re: Das Zuwerfen des Apfels
Γραικύλος schrieb am 14.11.2024 um 22:00 Uhr (Zitieren)
Es ist der Akt, der Auserwählten als Zeichen/Symbol einen Apfel zukommen zu lassen, der mich daran denken läßt. Wie käme man sonst auf einen Apfel?
Im Ursprungs-Mythos selbst erscheint mir der Apfel als zweitrangig im Vergleich zu dem Material, aus dem er besteht. Aber dadurch ist die Gestaltung der Geste für die Folgezeit festgelegt.
Re: Das Zuwerfen des Apfels
Bukolos schrieb am 15.11.2024 um 10:58 Uhr (Zitieren)
Nun, dass der Apfel mit Aphrodite in Verbindung gebracht wurde, wissen wir etwa aus Sappho fr. 2 Voigt, wo die Apfelbäume in deren Hain erwähnt werden. Ob wir hingegen vor Apuleius Belege dafür haben, dass Paris sein Urteil durch Überreichen des Apfels kundtat, müsste man noch einmal überprüfen. Auf Vasenbildern des 6. bis 4. Jhs. jedenfalls scheint der in der modernen Rezeption so bestimmend gewordene Apfel nicht aufzutauchen.
filix schrieb am 15.11.2024 um 11:07 Uhr (Zitieren)
Sind goldene Äpfel nicht auch das Hochzeitsgeschenk für Hera und Zeus? Auch hier wird man nicht von einer Anbahnung und der damit verknüpften Frage der Initiative reden können, aber das (nicht bloß die Frucht von Malus domestica bezeichnende) μῆλον findet sich ja auch sonst in im weiteren Sinne amourösen Kontexten wieder:
(Patricia Cox Miller mit Verweis auf Littlewood, A. R. “The Symbolism of the Apple in Greek and Roman Literature.” Harvard Studies in Classical Philology 72 (1968): 147–81. https://doi.org/10.2307/311078.)
Re: Das Zuwerfen des Apfels
filix schrieb am 15.11.2024 um 11:24 Uhr (Zitieren)
Das British Museum besitzt offenbar eine Hydria mit dem Urteil des Paris, auf der ein Apfel (der den der Sortenarmut im Supermarkt ausgelieferten Konsumenten vermutlich an eine moderne Tafelsorte wie Golden Delicious erinnert): https://www.britishmuseum.org/collection/image/480684001
Re: Das Zuwerfen des Apfels
filix schrieb am 15.11.2024 um 11:26 Uhr (Zitieren)
… zu sehen ist: …
Re: Das Zuwerfen des Apfels
Bukolos schrieb am 15.11.2024 um 13:26 Uhr (Zitieren)
Auf der Vase ist es allerdings nicht Aphrodite, sondern Hera, die die Frucht in Händen hält, was aus bildnarrativer Sicht doch zumindest merkwürdig erscheint, sollte es sich dabei tatsächlich um den sog. Parisapfel handeln. Eine zweite Vase des British Museum, ebenfalls aus dem 5. Jh., ist in der Komposition ähnlich angelegt:
Auch hier ist es nicht Aphrodite, bei der sich die mehr oder weniger runde Frucht befindet. Dennoch ist der Urteilsspruch aus Paris' Mund bereits gefallen: ΚΑΛΕ (= καλή) lautet die von ihm ausgehende Inschrift.
Die beiden hintanstehenden Göttinen sind durch die Attribute, die sie in Händen halten, gut identifizierbar: Athene durch Helm und Lanze, Aphrodite durch den Erosknaben. An welchen Attributen wäre Hera erkennbar? Laut Pausanias soll die (etwa aus derselben Zeit stammende) Herastatue des Polyklet in der einen Hand einen Granatapfel, in der anderen ein Szepter gehalten haben (2, 17, 4: καὶ τῶν χειρῶν τῇ μὲν καρπὸν φέρει ῥοιᾶς, τῂ δὲ σκῆπτρον).
Ich halte es für denkbar, dass das Objekt auf beiden das Parisurteil darstellenden Vasen nicht der (vielleicht erst später in den Mythos integrierte) Apfel ist, sondern das Attribut der Hera. Andernfalls (wenn also dem Apfel auch damals die Rolle zugekommen wäre, die er seit der Kaiserzeit erhielt) würde es schwierig, die zahlreichen Vasendarstellungen des Parisurteils zu erklären, auf denen überhaupt keine Frucht abgebildet ist.
Re: Das Zuwerfen des Apfels
Γραικύλος schrieb am 15.11.2024 um 15:27 Uhr (Zitieren)
Solange das Urteil des Paris noch nicht gefallen ist, kann ich mir - eine Hypothese, versteht sich - den Apfel in Heras Hand so erklären: Eris hat ihn unter die drei Damen geworfen. Aber welcher von ihnen steht er zu? Sie begeben sich zu Paris, der die Entscheidung treffen soll; dabei nimmt Hera als die Rangälteste den Streitapfel sozusagen kommissarisch mit und händigt ihn dem Paris aus. Dieser hat dann die Aufgabe, ihn der von ihm gekürten Siegerin zu überreichen.
Daß auf manchen Darstellungen des Urteils kein Apfel zu sehen ist, überrascht mich nicht sehr, denn es stand dem Künstler frei, die Szene zu gestalten, sofern sie nur als Urteil des Paris erkennbar war.
Daß der (Granat-)Apfel ein Attribut der Hera war und deshalb in ihrer Hand zu sehen ist, ist ebenfalls möglich ... sofern dem Apfel keine von Eris veranlaßte Inschrift trägt (die ja in der Antike auch selten bezeugt ist).
Daß Aphrodite mit Äpfeln in Verbindung gebracht wird, kann sich auf das Paris-Urteil beziehen ... oder als ein Symbol ihrer Brüste zu verstehen sein.
Re: Das Zuwerfen des Apfels
filix schrieb am 15.11.2024 um 19:47 Uhr (Zitieren)
Wo kommt denn der Erisapfel das erste Mal vor in der Literatur?
Re: Das Zuwerfen des Apfels
Bukolos schrieb am 15.11.2024 um 20:58 Uhr (Zitieren)
Wie gesagt: Auf der letzten verlinkten Darstellung ist das Urteil bereits ausgesprochen.
Tatsächlich scheint das Verhältnis von Normalfall und Ausnahme ein umgekehrtes zu sein: Die Beazley Archive Pottery Database wirft exakt 2 (die erwähnten zwei) Darstellungen des Parisurteils mit Obst und Dutzende ohne aus.* D. h., dass offenbar nahezu alle bildlichen Darstellungen des 6.-4. Jhs. ikonographisch als Parisurteil lesbar waren, obwohl (oder weil) sie keinen Apfel zeigen. Im Gegensatz dazu kann wohl kein Parisurteil neuzeitlicher Provenienz von Botticelli über Rubens bis Cezanne auf den Apfel verzichten. Die Gefahr von Rückprojektionen neuzeitlicher Ikonographie auf antike Darstellungen liegt nahe.
Re: Das Zuwerfen des Apfels
Bukolos schrieb am 15.11.2024 um 20:58 Uhr (Zitieren)
* Unter den ersten 70 der 272 Treffer zum Bildinhalt "Judgement" seien 25 Beispiele angeführt, auf denen das Parisurteil dargestellt ist, aber nichts, was sich als Apfel deuten ließe: Beazley-Nr. 920, 1574, 2042, 3051, 5725, 5970, 6442, 6493, 7600, 7928, 10461, 10703, 10770, 10982, 13371, 13725, 14906, 15038, 23032, 24060. Die Liste dürfte sich beliebig erweitern lassen.
Re: Das Zuwerfen des Apfels
Γραικύλος schrieb am 15.11.2024 um 23:58 Uhr (Zitieren)
Die älteste Erwähnung, die ich finde, ist die bei Apollodors Darstellung Epitome 3, 1-3: μῆλον περὶ κάλλους Ἔρις ἐμβἁλλει.
Aber 1. muß das nicht auch die erste sein, die es gibt (falls mein Überblick unvollständig ist), und 2. kann ich zu den Vasendarstellungen nichts sagen.
Was das Urteil des Paris angeht, so steht wohl inzwischen fest, daß die bildlichen Darstellungen zumeist ohne Apfel auskommen.
In der Literatur finde ich die Übergabe eines Apfels durch Paris erstmals bei Lukian in den Göttergesprächen 20, also ganz spät.
Re: Das Zuwerfen des Apfels
filix schrieb am 16.11.2024 um 00:48 Uhr (Zitieren)
https://en.wikipedia.org/wiki/Judgement_of_Paris führt über 60 Erwähnungen auf von Homer bis zu den Mythographi Vaticani. Stimmt es, dass der Erisapfel erst bei Hyginus und der Bibliotheke des Apollodor auftaucht und bei Apuleius Paris ihn in die Hand bekommt, er bei über 30 Autoren davor aber unerwähnt bleibt, wirkt das Fehlen (bzw. die von Bukolos vorgeschlagene Missdeutung eines Attributs der Hera) auf Vasen, die Geschichte darstellen, nicht mehr verwunderlich.
Re: Das Zuwerfen des Apfels
filix schrieb am 16.11.2024 um 00:49 Uhr (Zitieren)
… die die Geschichte …
Re: Das Zuwerfen des Apfels
Γραικύλος schrieb am 16.11.2024 um 16:19 Uhr (Zitieren)
Das ist mir durch das Gespräch hier klar geworden.
Re: Das Zuwerfen des Apfels
Bukolos schrieb am 16.11.2024 um 17:52 Uhr (Zitieren)
Es gehört ja zu den Unstimmigkeiten im Mythenplot der Trojasage (zumindest wie sie seit Lukian und Hyginus mythographus erzählt wird), dass der Wurf des Erisapfels als Auslöser für den Krieg zeitlich mit der Zeugung Achills zusammenfällt. Was bedeutet, dass die Göttinnen sich bei ihrer Reise zum Ida (oder Paris bis zum Raub der Helena) sehr viel Zeit gelassen haben müssen, damit Achill zum Krieger heranwachsen konnte, bis der Achaier gen Troja zogen.
Re: Das Zuwerfen des Apfels
Bukolos schrieb am 16.11.2024 um 17:53 Uhr (Zitieren)