filix schrieb am 09.11.2024 um 01:21 Uhr (Zitieren)
Was elect nicht ausschließlich war, als der Ausdruck, möglicherweise vom Französischen beeinflusst, aufgekommen ist, für den man erste Belege im 17. Jahrhundert findet - Saturday, April 16th, [1687] Mr. Hough, President Elect [des berühmten Magdalen College in Oxford], was presented to the Visitour by Mr. Maynard. Zu der Zeit ist es nämlich neben dem Partizipialadjektiv elected, das es heute verdrängt hat, als prenominal adjective gebräuchlich wie in the elect people of God.
Re: President elect
Patroklos schrieb am 09.11.2024 um 10:53 Uhr (Zitieren)
Bei der Frage, welche Sprachen präpositive oder postpositive Adjektivstellungen (bzw. Mischungen) bevorzugen oder erlauben, ist ein „Warum?“ angebracht. Sprachlogisch wäre zunächst das Nomen, dann die Qualifizierung zu erwarten. Gibt es hierzu Überlegungen, gar Theorien?
(Heir apparent [apparere/appear] ist ein schöner Ausdruck, der auch in der Politik verwendet wird. Heir apparent to Olaf Scholz?).
Re: President elect
filix schrieb am 09.11.2024 um 12:04 Uhr (Zitieren)
Das würden Erklärungsversuche zunächst problematisieren, denn die Vorstellung, das Nomen transportiere stets die wesentliche Information und das Adjektiv nur eine sekundär qualifizierende, könnte sich als an gewisse historisch gewachsene Voraussetzungen und Überzeugung gebunden erweisen, die nicht unbedingt die unterschiedlichen Informationsverarbeitungsweisen in der wirklichen Welt gut abbilden, sondern ein hierarchisches epistemisches Logizitätsmodell (wie das von Substanz und Akzidenzien) auf sie projizieren.
Re: President elect
Patroklos schrieb am 09.11.2024 um 12:32 Uhr (Zitieren)
Indessen spricht die Definition der Grammatiker eine eher deutliche Sprache, adicere, accidere. Hinzufügung.
Eine ratlose Ampel. Erst denke ich diffus: ratlos? Ja, wer? Eine Ampel, ratlos. Da sehe ich die Ampel, aha, es ist eine ratlose.
Doch wir lesen und hören schnell. Es gibt keine Pause nach „rosenfingrig“, sondern Eos erscheint unmittelbar.
Re: President elect
filix schrieb am 09.11.2024 um 13:34 Uhr (Zitieren)
Man kann viele Beispiele ersinnen, in dem Versuch hinter diese Strukturen zu kommen. In einem Kontext, wo sich z.B. hunderte durch das Nomen gleichermaßen erfasste Objekte (Stiefel z.B.) finden, die noch dazu vertraut sind (im Schuhschrank etwa), erweist sich das Akzidentelle bei dem lebensweltlichen Identifizierungsvorgang einem Adressaten gegenüber als die wesentliche Information, also "Gib mir mal die ochsenblutfarbenen [Stiefel] in Größe 42" - "Welche genau? Die kniehohen oder die halbhohen?" Usf. Erklärt das eine grundlegende Positionierungspräferenz schon? Nein, aber es macht klar, dass das abstrakte hierarchische Substanz-Akzidenz-Modell, das sich überdies über zeitliche Abfolge ausdrücken soll (first things first) als unhinterfragte Ausgangsposition der Fragestellung problematisch ist.
Re: President elect
filix schrieb am 09.11.2024 um 14:02 Uhr (Zitieren)
Ein weiteres Problem liegt m.E. in dem engen Fokus auf die Beziehung Nomen - Adjektiv ohne Berücksichtigung der Einbettung der Nominalphrase in sonstige Worstellungsmuster. Es könnte nämlich sein, dass sich Sprachen mit relativ starrem Positionierungsmuster im syntaktischen Gesamtzusammenhang anderer Strategien bedienen, um zu leisten, was andere Sprachen über flexiblere Stellung des Adjektivs erreichen, oder sich andere Vor- bzw. Nachteile ergeben, die nicht minder relevant sind in wirklicher Kommunikation.
Re: President elect
Patroklos schrieb am 09.11.2024 um 15:27 Uhr (Zitieren)
Ein Segen, dass sich die Reihenfolge in der binären Nomenklatur durchgesetzt hat (Rosa multiflora). Und ebenfalls ein Segen, dass Sprachen sich nicht taxonomisch entwickelt haben.
Re: President elect
filix schrieb am 09.11.2024 um 15:58 Uhr (Zitieren)
Using nouns to get to the heart of an adjective (maybe):
(Gertrude Stein)
Re: President elect
filix schrieb am 09.11.2024 um 16:14 Uhr (Zitieren)
Um noch einmal auf den President elect zurückzukommen - lässt sich behaupten, das außer Gebrauch gekommene Adjektiv elect konserviere gewissermaßen auch die zur Zeit seiner (in beiden Stellungen üblichen) Verbreitung ausgeprägte Zweideutigkeit zwischen er- und gewählt, also einer prozedural undurchsichtigen Wahl durch Gott oder das Fatum (wofür heute eher chosen verwendet wird) und einer nach einem von Sterblichen ersonnenen und reproduzierbaren Verfahren getroffenen (nunmehr elected)?
Re: President elect
filix schrieb am 09.11.2024 um 16:45 Uhr (Zitieren)
Zu dieser Zweideutigkeit noch ein hübsches Zitat:
(Jeffrey L. Pasley: First Presidential Contest 1796 and the Founding of American Democracy, University Press of Kansas, 2013, S.193)
Re: President elect
Patroklos schrieb am 09.11.2024 um 16:54 Uhr (Zitieren)
Schönes Zitat!
Elect mit dem Beigeschmack des Religiösen finde ich nicht. Letzteres ist doch allenthalben „chosen“. Immer wieder erstaunlich, dies Wikipedia: https://en.wikipedia.org/wiki/-elect?wprov=sfti1
Re: President elect
filix schrieb am 09.11.2024 um 17:13 Uhr (Zitieren)
Da bin ich mir nicht so sicher, denn in stark am Bibelwort und seiner Auslegung orientierten Milieus gibt der substantivierte Elect of God z.B. allemal einen für die z.T. in die Hunderttausende gehenden Follower interessanten Titel ab:
Patroklos schrieb am 09.11.2024 um 17:29 Uhr (Zitieren)
Hat nicht der jüdische Weltkongress vor Jahren allen übrigen Religionsgemeinschaften untersagt, „chosen“ zu verwenden und „elect“ angeboten? Lizenzfrei.