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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Die Nuraghen-Kultur (405 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 19.10.2024 um 22:42 Uhr (Zitieren)
Schon bei Müller-Karpe habe ich einiges über die bemerkenswerte bronzezeitliche Nuraghen-Kultur auf Sardinien gelesen.

Heute ist auf arte eine 90minütige Dokumentation darüber gesendet worden. Das wohl häufigste Adjektiv war "einzigartig". Das trifft es: die seltsamen Türme und Turmgruppen, die nicht Verteidigungszwecken dienten, das völlige Fehlen von Spuren militärischer Auseinandersetzungen, die enormen architektonischen Anstrengungen auf der Basis von Dorfgemeinschaften, religiöse Kulte ohne erkennbaren Götterglauben, die tausendjährige Dauer usw. Ich kenne nichts Vergleichbares.

"Sardinien - Das Rätsel der Nuraghen-Türme" in der arte-Mediathek bis zum 19.11.2024.
Re: Die Nuraghen-Kultur
Γραικύλος schrieb am 20.10.2024 um 10:38 Uhr (Zitieren)
Das ist ein gutes Beispiel für eine Tradition: Es mag noch so seltsam, willkürlich und ja, einzigartig sein - es wird über lange Zeit beibehalten. "Bei uns macht man das so!"
Re: Die Nuraghen-Kultur
Γραικύλος schrieb am 20.10.2024 um 11:02 Uhr (Zitieren)
Diese Tradition hat sich gehalten, bis die Phönizier die Insel übernommen haben; ab dann haben die Siedlungen einen anderen Charakter.
Bis zum 1. Punischen Krieg gehörte Sardinien zum karthagischen Einflußbereich.

Bemerkenswert finde ich, daß dieser Übergang, dieser Kulturwechsel anscheinend friedlich verlaufen ist. Duie Archäologen haben, was die Nuraghen-Kultur angeht, überhaupt keine Hinweise auf gewalttätige Auseinandersetzungen gefunden.
Re: Die Nuraghen-Kultur
filix schrieb am 20.10.2024 um 11:03 Uhr (Zitieren)
Hatte die Nuraghen-Kultur denn auch eine Art Aufklärung hervorgebracht? Soll heißen: Ist die Bewertung der eigenen Tradition als seltsam, willkürlich eine des Rückblicks, oder hat sich diese Kultur um die unhinterfragte Selbstverständlichkeit gebracht, die die Fortführung zu jenem Akt des Trotzes, der Kontinuität gegen Einsicht glaubt verteidigen zu müssen, macht?
Re: Die Nuraghen-Kultur
filix schrieb am 20.10.2024 um 11:08 Uhr (Zitieren)
Nebenbei - warum hat es eigentlich die Kraggewölbebauweise nie wirklich nach Mitteleuropa und Nordeuropa geschafft? Ist das wirklich nur eine Frage des Materials?
Re: Die Nuraghen-Kultur
Γραικύλος schrieb am 20.10.2024 um 13:57 Uhr (Zitieren)
Die Nuraghen-Kultur war keine Schriftkultur. Selbst die Bedeutung vieler Details ist unklar, das Warum erst recht.

Die Klassifizierung als einzigartig ist eine von Archäologen vorgenommene, die nichts Gleichartiges kennen.
Im Film wurde die Frage angesprochen, ob es rezeptive Beziehungen zu Monumentalbauten der mykenischen Kultur gegeben habe, was dann dadurch ausgeschlossen werden konnte, daß Nuraghen-Türme gefunden wurden, die Jahrhunderte älter sind als die mykenischen Bauten.
Re: Die Nuraghen-Kultur
filix schrieb am 20.10.2024 um 18:13 Uhr (Zitieren)
Ich las 10:38 als spekulative Aussage über eine Kultur, die nicht bloß der Nachwelt ein unterhaltsames Rätsel geworden ist, sondern sich selbst schon, jedoch für die Fortführung mit der erwähnten Denkfigur sich selbst legitimierender Kontinuität plädiert. Also ein wenig so, wie manche heute ihre Teilnahme an Weihnachtsfeierlichkeiten begründen würden.
Re: Die Nuraghen-Kultur
Γραικύλος schrieb am 20.10.2024 um 18:21 Uhr (Zitieren)
Nein, es war mein Staunen. Was eine Nuraghen-Mutter ihrem Nuraghen-Kind auf die Frage: "Mama, warum sind unsere Türme eigentlich immer rund?" geantwortet hat, weiß man nicht.
Re: Die Nuraghen-Kultur
Γραικύλος schrieb am 20.10.2024 um 18:32 Uhr (Zitieren)
Besonders beachtlich fand ich, daß es nichts gibt, was als Darstellung eines Gottes oder als religiöse Kultstätte zu deuten naheläge.
Re: Die Nuraghen-Kultur
filix schrieb am 20.10.2024 um 21:51 Uhr (Zitieren)
Das letzte Drittel circa befasst sich doch sehr wohl mit Spekulationen zu Kulthandlungen, den Brunnenheiligtümern, möglichen Darstellungen von Gottheiten, auch wenn der Widerspruch gleich mitgeliefert wird.

Das gilt also höchstens für einen Teil der Kultur bzw. ihrer Darstellung in der Dokumentation, deren Grunderzählung in meinen Augen von einer zunächst polyzentrischen, egalitären und von Individuation nicht angekränkelten Gesellschaft in Insellage handelt, die sukzessive all das aufgibt, nicht zuletzt ihre Architektur, sich immer weiter öffnet, bis sie am Ende von den Pionieren des Welthandels, den Phöniziern, geschluckt wird.

Die Thesen, die dieses Narrativ mit Fortdauer des Films aufbringt, sind bisweilen doch recht steil - wie die Verehrung der großen Vergangenheit in Form von Miniaturmodellen der aufgegebenen Bauweise etwa.

Zur Frage der Religion an sich gibt es offenbar völlig andere Einschätzungen: Religion had a strong role in Nuragic society, which has led scholars to the hypothesis that the Nuragic civilization was a theocracy. (engl. Wikipedia)

Re: Die Nuraghen-Kultur
filix schrieb am 20.10.2024 um 22:04 Uhr (Zitieren)
Schön ist die nahezu kindliche Freude des Sohns einer Kultur, die Modelle von Brunelleschi & Co und Treppen von Borromini & Co hervorgebracht hat, an der Architektur (und ihrer modellhaften Verdopplung), als sie vor dem rekonstruierten 3D-Modell sitzen, das im Hauptturm eine Wendeltreppe offenbart. Er preist entzückt dabei die Unvergleichlichkeit des Entdeckten, aber es ist mindestens ein Augenblick des Wiedererkennens von etwas sehr Bekanntem im Fernen.
Re: Die Nuraghen-Kultur
Γραικύλος schrieb am 20.10.2024 um 22:22 Uhr (Zitieren)
Der Hinweis auf die Brunnenheiligtümer ist richtig; ich hatte auch bei Kultstätten an etwas zugunsten von Göttern gedacht.

Andere halten diese Kultur für eine Theokratie? Ich verstehe nicht, wie man diese Funde so deuten kann.

Ja, die Begeisterung ist beeindruckend.
Re: Die Nuraghen-Kultur
Γραικύλος schrieb am 20.10.2024 um 22:42 Uhr (Zitieren)
Wenn irgendwo ein Sonnenkult nachweisbar ist, nehme ich an, daß dies die Verehrung eines Gottes ist; bei einem Wasserkult denke ich daran nicht.
Re: Die Nuraghen-Kultur
filix schrieb am 20.10.2024 um 23:50 Uhr (Zitieren)
Die Dokumentation vermeidet es ja am Ende auch geschickt, sich in der Frage nach Gottheiten zu positionieren, sie widmet sich lieber ausführlich der digitalen Animation einer diffusen Kultpraxis (die einen merkwürdig puppentheaterhaften Gebrauch von den, liest man etwas nach, in der Datierung sehr schwankenden Bronzeplastiken, die zum Teil außerhalb Sardiniens u.a. als etruskische Grabbeigaben gefunden wurden, macht, welche hier auch gleich das in ein Andersweltlicht getauchte Personal abgeben, während auf der Tonebene der Ethnokitsch des Numinosen mit Trommeln und tiefen Blasinstrumenten zusätzlich geheimnisvolle Atmosphäre schafft).

Übrigens ist Sardinien auch der Hinterlassenschaften der Nuraghen-Kultur wegen ein Kandidat für Atlantis - https://de.wikipedia.org/wiki/Lokalisierungshypothesen_zu_Atlantis#Sardinien

Re: Die Nuraghen-Kultur
Γραικύλος schrieb am 21.10.2024 um 00:45 Uhr (Zitieren)
Religion had a strong role in Nuragic society, which has led scholars to the hypothesis that the Nuragic civilization was a theocracy.

Irgendeinen Anhaltspunkt dafür nennt der englische Wikipedia-Artikel ja nicht.
Re: Die Nuraghen-Kultur
filix schrieb am 21.10.2024 um 11:35 Uhr (Zitieren)
Der Großteil des englischen Artikels scheint eine Übernahme des weit ausführlicheren italienischen
zur Civiltà nuragica, auch die These von der patriarchalen und theokratischen Gesellschaftsordnung findet sich dort:


Società

Gli archeologi ritengono che la Sardegna nuragica avesse un'organizzazione di tipo cantonale[50]. Tali entità erano probabilmente formate da varie famiglie (clan) che obbedivano ad un capo e vivevano in villaggi[51] composti da capanne circolari con il tetto in paglia, del tutto simili alle attuali pinnettas dei pastori della Sardegna.

Gli arsenali di armi di vario tipo, rinvenute durante gli scavi, lasciano desumere che quella nuragica fosse una società votata alla guerra e oligarchica, strutturata in modo gerarchico e ben organizzata militarmente[52].

In tale struttura patriarcale e teocratica - secondo gli studiosi - aveva un'importanza di rilievo la figura degli eroi fondatori quali Norax, Sardus, Iolaos e Aristeus, mitici condottieri ma allo stesso tempo considerati divinità[53]


Sämtliche Belege des Abschnitts verweisen auf den Nestor der Nuraghen-Forschung Giovanni Lilliu (was kein argumentum ad verecundiam darstellen soll). Der Artikel wirft auch Fragen zur vermeintlichen Friedfertigkeit auf und erwähnt Spekulationen zu Sprache (und am Ende möglicherweise auch Schrift) - Themen, die die Dokumentation mit ihrer Vorliebe für wortlose Illustration des Geheimnisvollen nicht einmal streift.


https://it.wikipedia.org/wiki/Civilt%C3%A0_nuragica#
Re: Die Nuraghen-Kultur
Γραικύλος schrieb am 21.10.2024 um 13:50 Uhr (Zitieren)
Danke für den Hinweis.

Verwiesen wird öfters auf Ps.-Aristoteles und Diodor als antike Quellen; jedoch führen die Anmerkungen dazu nicht zu deren Fundstellen, sondern ebenfalls zu Lilliu.
Kennst Du die Stellen und kannst sie mir angeben?
Re: Die Nuraghen-Kultur
filix schrieb am 21.10.2024 um 16:17 Uhr (Zitieren)
Diodor widmet sich Sardinien in V 15, das Zitat im italienischen Artikel aus Ps-Aristoteles geht wohl auf De mirabilibus auscultationibus 104 zurück.
Re: Die Nuraghen-Kultur
filix schrieb am 21.10.2024 um 21:46 Uhr (Zitieren)
De mirabilibus auscultationibus 100 In der LCL 307 (1936):

In the island of Sardinia they say that there are many fine buildings arranged in the ancient Greek style, and among others domed buildings, carved with many shapes; these are said to have been built by Iolaus the son of Iphicles, when he took the Thespians, descended from Heracles, and sailed to those parts to colonize them, on the grounds that they belonged to him by his kinship with Heracles, because Heracles was master of all the country towards the west. Apparently the island was originally called Ichnussa, because its circumference made a shape like a man's footstep (Greek ἴχνος), and it is said before this time to have been prosperous and fruitful; for the legend was that Aristaeus, who, they say, was the most efficient husbandman in ancient times, ruled them, in a district previously full of many great birds. Now the island no longer bears anything, because the Carthaginians who got possession of it cut down all the fruits useful for food, and prescribed the penalty of death to the inhabitants, if any of them replanted them.
Re: Die Nuraghen-Kultur
Γραικύλος schrieb am 21.10.2024 um 23:48 Uhr (Zitieren)
Das ist es, was ich wissen wollte. Danke.
 
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