Dialog zwischen Herakles und Atlas #3 (422 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 15.10.2024 um 00:05 Uhr (Zitieren)
(Giacomo Leopardi:)
(Leopardi, Gesänge, Dialoge und andere Lehrstücke. Hrsg. v. Hanno Helbling und Alice Vollenweider. München 1978, S. 283-287)
Re: Dialog zwischen Herakles und Atlas #3
Γραικύλος schrieb am 15.10.2024 um 10:39 Uhr (Zitieren)
An sich trägt Atlas ja das Himmelsgewölbe, wobei er auf der Erde steht.
Da er hier die Erde trägt, frage ich mich, worauf er steht.
Re: Dialog zwischen Herakles und Atlas #3
Andreas schrieb am 15.10.2024 um 15:30 Uhr (Zitieren)
Auf einer Schildkröte!
Ein berühmter Wissenschaftler (manchmal als Bertrand Russell oder William James identifiziert) hielt einmal einen Vortrag über Astronomie. Er beschrieb, wie die Erde um die Sonne kreist und wie die Sonne ihrerseits um das Zentrum einer riesigen Galaxie kreist.
Am Ende des Vortrags stand eine ältere Dame auf und sagte: "Was Sie uns da erzählen, ist alles Unsinn. Die Welt ist in Wirklichkeit eine flache Scheibe, die auf dem Rücken einer riesigen Schildkröte ruht."
Der Wissenschaftler lächelte überlegen und fragte: "Und worauf steht die Schildkröte?"
"Sie sind sehr klug, junger Mann, sehr klug", antwortete die alte Dame. "Aber es sind Schildkröten, den ganzen Weg hinunter!"
("It's turtles all the way down!")
Re: Dialog zwischen Herakles und Atlas #3
Γραικύλος schrieb am 15.10.2024 um 15:41 Uhr (Zitieren)
Ja, das ist das alte Problem. Mir ist nur aufgefallen, daß Leopardi vom Himmelsgewööbe, das Atlas trug, zur Erde wechselt, anscheinend ohne sich dieses Problems, daß Atlas ja auf dieser steht, bewußt zu sein.
Re: Dialog zwischen Herakles und Atlas #3
Bukolos schrieb am 16.10.2024 um 13:21 Uhr (Zitieren)
Wir sollten vielleicht annehmen, dass dem Verfasser gewisse Plausibilitätsprobleme nicht entgangen sind, und diese als Karnevalisierungsphänomen betrachten. Übrigens ist der Erdball in den Händen des Atlas durchaus keine Erfindung Leopardis: Schon Pausanias meinte, in Olympia ein Gemälde gesehen zu haben, das einen Himmel und Erde tragenden Atlas zeigte (5, 11, 5: ἐν δὲ αὐταῖς ἔστι μὲν οὐρανὸν καὶ γῆν Ἄτλας ἀνέχων) und die Suda gibt an, dass dasselbe behauptende Mythenerzählungen existiert haben (α 4368 Adler: Ἄτλας: ὁ μυθευόμενος τὴν γῆν καὶ τὸν οὐρανὸν βαστάζειν).
Nebenbei sei auch an den Atlas auf dem Titelkupfer von Mercators gleichnamiger Kartensammlung erinnert, auch wenn dieser laut Praefatio des Werks nicht den Giganten, sondern, im Anschluss an Diodors (bzw. Euhemeros') Mythenrationalisierung, einen gelehrten König aus Nordafrika darstellen soll.
Weiß man übrigens etwas über den Hund, der den Druck überwacht haben soll?
Re: Dialog zwischen Herakles und Atlas #3
filix schrieb am 16.10.2024 um 13:34 Uhr (Zitieren)
Der Hund spielt m.E. auf den Verleger Hondius (de Hondt) an, bei dem das verlinkte Exemplar in Amsterdam erschienen ist.
Horaz kommt hier übrigens besser weg als in der Fassung von 1834, die im #1-Thread verlinkt wurde:
Re: Dialog zwischen Herakles und Atlas #3
Bukolos schrieb am 16.10.2024 um 13:50 Uhr (Zitieren)
Danke! Das ist nachvollziehbar (wenn auch etwas enttäuschend).
Re: Dialog zwischen Herakles und Atlas #3
Patroklos schrieb am 16.10.2024 um 14:04 Uhr (Zitieren)
Hätte ich Kaufmann geheißen, wäre mir an Mercator sehr gelegen gewesen. Von Hond zu Hondius ist freilich nur ein kurzer Sprung.
Re: Dialog zwischen Herakles und Atlas #3
filix schrieb am 16.10.2024 um 16:03 Uhr (Zitieren)
Etwas spannender ist der allegorische Zoo der damaligen Weltteile - ist das ein Gürteltier neben MEXICANA?
Die Pfote des Hundes ruht auf einer keineswegs eurozentrischen Karte der Welt (die ihren Mittelpunkt im Indischen Ozean hat) umlaufend offenbar die Devise des wachsamen Verlegers: utor, describo, orno, vitupero et opto fideliter - wie übersetzt man das im Kontext sinnfällig? Ich mache mir zunutze (das vorhandene Wissen), stelle dar, schmücke (im Sinn einer ästhetischen Gestaltung), tadle und wähle zuverlässig aus?
Re: Dialog zwischen Herakles und Atlas #3
Bukolos schrieb am 22.10.2024 um 10:46 Uhr (Zitieren)
Es scheint so. Als Wappentier wäre der von Joachim Camerarius dem Jüngeren* 1595 als Sinnbild gepanzerter Tugend emblematisch verherrlichte Armadillo jedenfalls geeignet. Entgegen unseren (bzw. meinen) Erwartungen schließt Camerarius übrigens keineswegs aus, dass die Alten das Tier gekannt haben (animal quoddam veteribus forsitan incognitum).
Wohingegen die Kleiderordnung der Kontinent-Allegorien durchaus Eurozentrismus verrät.
filix schrieb am 26.10.2024 um 12:39 Uhr (Zitieren)
In der Tat, mir scheint die zivilisatorische Differenz zwischen neuer und alter Welt bzw. (mehr oder minder) nackt - bekleidet nicht nur durch Insignien der Macht (Krone und Zepter), die natürlich Europa allein zufallen, verstärkt, sondern auch noch durch Anachronismen differenziert - was Asia, die ein Weihrauchfässchen schwenkt, um den Kontinent als Lieferanten von Wohlgerüchen und Gewürzen darzustellen, am Kopf trägt (eine Art Doppelhennin oder Escoffion) war in Europa um 1600 m.E. nicht mehr en vogue, als trüge sie sozusagen ihre Garderobe auf.