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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Zur Stratifizierung früher Gesellschaften (269 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 15.09.2024 um 00:08 Uhr (Zitieren)
Die speziellen Klassen von Menschen, die wir vor dem Aufkommen organisierter Hierarchien eindeutig im archäologischen Befund identifizieren können, sind häufig Spezialisten ihres Fachs oder das, was gemeinhin als Schamanen bezeichnet wird, also Individuen, die mit den wichtigen Referenzen ihres persönlichen Status begraben (und später wieder aus der Erde geborgen) wurden. (1)

Das Begräbnis einer gebrechlichen alten Frau mit einigen hundert Schildkrötenpanzern in der Höhle von Hilazon Tachtit in Israel im späten Natufien (2), früh in unserem Experiment mit der Sesshaftigkeit, markiert den Tod eines Individuums von einer gewissen rituellen oder sozialen Bedeutung, aber sie ist allein mit ihren Schildkröten. Es gibt keine anderen Gräber voller Schildkrötenpanzer, keine lange Tradition einer Schildkrötenkönigin und vor allem gibt es keine jungen Schildkrötenprinzessinnen. Das zeigt für Anthropologen die Grenzen zwischen „egalitären“ Gesellschaften, wo alle Kategorien von Menschen mehr oder weniger gleich sind, und stratifizierten Gesellschaften.

In einer „egalitären“ Gesellschaft sind die Statusunterschiede zwischen Individuen oder sogar Kategorien wie männlich und weiblich Unterschiede zu Lebzeiten, die zugeschrieben werden. Sie werden zu Lebzeiten verdient oder verliehen, nicht vor der Geburt. Strukturelle soziale Ungleichheit lässt sich (mit den Vorbehalten und Ausnahmen, die alle Sozialwissenschaftler so lieben) an der Erblichkeit sozialer Positionen erkennen.

In Hilazon Tachtit gibt es vielleicht eine Schildkrötenkönigin, aber keine Schildkrötenprinzessinnen; in dieser Gesellschaft stehen tatsächlich also nicht lauter Schildkröten übereinander. (3)

Egalitär heißt natürlich nie tatsächlich das, was man sich darunter vorstellt. Während vom Konzept her Bob der Jäger und Sammler dieselbe gesellschaftliche Stellung innehatte wie Frank der Jäger und Sammler, sind sich alle einig, dass Frank viel bessere Geschichten erzählt und Bob immer etwas schwierig wird, wenn es um psychoaktive religiöse Rituale geht. In einer „egalitären“ Gesellschaft wird die Wertschätzung, die Frank später im Leben zuteilwird (und vielleicht Extraportionen Honig oder Fleisch, spezielle Perlen, Fuchszähne oder sogar Schildkrötenpanzer), im Wesentlichen meritokratisch verliehen. Nichts davon ist natürlich für Barbara wichtig, die die Geschichte über den Schöpfungsadler oder was auch immer fantastisch erzählen würde, aber bei der Magic-Mushroom-Zeremonie sind für Frauen keine Sprechrollen vorgesehen.

Die Erkenntnis, dass das in Jäger-und-Sammler-Gemeinschaften beobachtete „egalitär“ wahrscheinlich in der Vergangenheit ebenso eine Fehlbenennung war wie heute, hat die Anthropologie viel Zeit gekostet und scheint damit zusammenzufallen, wie knarzend langsam die Welt das Wort „Intersektionalität“ lernt. (4)

(Brenna Hassett: Warum wir sesshaft wurden und uns seither bekriegen, wenn wir nicht gerade an tödlichen Krankheiten sterben. Darmstadt 2018, S. 95-97)

(1) Von diesem Status wird angenommen, dass er rituell ist, wenn wir ihn nicht verstehen: erstes Gesetz der Archäologie. [Anm. B.H.]
(2) Proto-Neolithikum, datiert zwischen 12000 und 9000 v.u.Z.
(3) Anspielung auf eine berühmte Anekdote in der Wissenschaftsgeschichte
(4) Intersektionalität beschreibt die Überschneidung und Gleichzeitigkeit verschiedener Formen von Diskriminierung gegenüber einer Person in der gesellschaftlichen Realität.
 
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