Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Ein berühmter Rabe zur Zeit des Tiberius (292 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 27.08.2024 um 00:25 Uhr (
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Plinius d.Ä., Naturalis historia X 60/121-123:
Unter der Regierung des Kaisers Tiberius flog ein junger Rabe von der Brut auf dem Tempel des Castor und Pollux auf die gegenüberliegende Werkstatt eines Schusters, dem er dadurch schon in religiöser Hinsicht empfohlen wurde. Dieser, früh schon an das Sprechen gewöhnt, flog alle Morgen auf die Rednerbühne, dem Marktplatze [forum] zugewendet, grüßte Tiberius, sodann die beiden Prinzen [Caesares] Germanicus und Drusus namentlich, hierauf das vorübergehende römische Volk und flog dann, mehrere Jahre lang um dieser Artigkeit willen bewundert, zur Werkstatt zurück.
Diesen tödtete, sei es nun aus nachbarlicher Eifersucht, oder, wie es wenigstens scheinen sollte, in einer plötzlichen Zornes-Aufwallung der Besitzer des nächsten Schusterladens, weil er ihm mit seinem Unrath die Arbeit beschmutzt hätte.
Das Volk gerieth darüber in solchen Unwillen, daß es denselben erst aus der ganzen Gegend vertrieb, dann gar um das Leben brachte und dann das Leichenbegräbniß des Vogels durch eine zahllose Begleitung feierte, wobei die mit Teppichen belegte Bahre von zwei Aithiopen auf den Schultern unter Vortritt eines Flötenbläsers und mit Kränzen aller Art bis zu dem Scheiterhaufen getragen wurde, welcher ihm rechts an der Appischen Straße bei dem zweiten Meilensteine auf dem sogenannten Rediculischen Felde errichtet worden war.
So verdiente das Kunstgeschick eines Vogels in den Augen des römischen Volkes nicht nur ein Leichenbegräbniß, sondern auch den Tod eines römischen Bürgers in derselben Stadt, in welcher Niemand der Leiche so vieler angesehenen Männer gefolgt war, ja nicht einmal Jemand den Tod des Scipio Aemilianus, der Carthago und Numantia zerstört hatte, gerächt hatte! Dies geschah den 28sten März unter den Consuln Marcus Servilius und Gajus Cestius (1).
(Cajus Plinius Secundus: Naturgeschichte. Übersetzt von Christian Friedrich Lebrecht Strack, überarbeitet und herausgegeben von Max Ernst Dietrich Lebrecht Strack. 3 Bände, Bremen 1853; Nachdruck Darmstadt 1968; Band I, S. 456 f.)
(1) 36 u.Z.