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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Molières Kartoffeln (317 Aufrufe)
Patroklos schrieb am 25.08.2024 um 15:16 Uhr (Zitieren)
Trüffel sind auch etymologisch bemerkenswert. Terrae tuber, verwandt mit tumeo, also schwellen, Ballen, Knoten, Knolle. Vgl. Tuberkulose, schöner jedoch Tartufo. Die echten Trüffel heißen Tuber.
Das „Tar“ am Anfang von „Tartufo“ ist der Rest von „terrae“. Als die unbekannte Erdfrucht nach Europa kam, nannten die einen sie nach dem Ursprungswort „batata bzw. potata“, die anderen „Tartoffel oder Tartüffel“ wegen der formalen Ähnlichkeit mit Trüffel. T wird dann zu K als Dissimilation. Erdapfel.
Molières „Tartuffe ou l‘Hypocrite bzw später L‘Imposteur“ heißt eigentlich „Kartoffel oder der Heuchler bzw der Hochstapler“. Im älteren, auch regionalen Französisch bezeichnet „tartuffe“ noch die Kartoffel. Zugleich schwingt Testikel (anschwellen) mit.
Dass sich aus „tartuffe“ die Bedeutung „Heuchler“ entwickelt, ist nicht der Sprache, sondern dem Charakter geschuldet, darf man vermuten. Tartuffe tritt quasi an die Seite von Hypocrite.
Trüffel gehören zu den fungi, Pilzen. Der sprachliche Stammbaum der fungi ist edel. Σφογγος, im Lateinischen dann per Aphärese zu fungus.
Re: Molières Kartoffeln
filix schrieb am 26.08.2024 um 01:31 Uhr (Zitieren)
Das Französische bringt allerdings schon um 1600 eine cartoufle* hervor, die Beschreibung in Olivier de Serres Théâtre d'Agriculture et Mesnage des Champs (1600) passt auch auf den Erdapfel, der deutsche Übersetzer von Gremonis Piazza Vniversale ** hat 1619 etwas über welcke Kartoffeln zu berichten, hinter denen sich allerdings carcchioffoli secchi verbergen. Das ist zweifelsohne ein anderes, ihm womöglich unbekanntes Gewächs, aber woher hat er das Wort?


Ernst Trappolet (Die Dinge liegen hier nicht eben einfach) schlägt in Die alemannischen Lehnwörter in den Mundarten der französischen Schweiz (Bd. 2 Etymologisches Wörterbuch), S.86 folgende Lösung vor:

Es geht geographisch kaum an, das südschwz. kartofia von den beiden lyonesischen -oflǝ Formen zu trennen. Da nun aber offenbar diese Lyon. Formen, wie vermutlich auch alle übrigen frz. k-Formen, auf cartoufle zurückgehen (bezw. mit ihm zusammenhängen), so gewinnt die Annahme einer Einschleppung aus Lyon an Wahrscheinlichkeit. Eingeschleppt — und nicht spontan auf Schweizergebiet aus *tartofla entstanden — nennen wir die Form, weil ihr der Nährboden, ein *tartofla, fehlt, aus dem allein ein kartofla durch Dissimilation hätte hervorgehen können (vgl. Kluge), denn dank der Anordnung des Atlas können wir mehr oder weniger deutlich beobachten, dass: katiflé auftritt in der Umgebung von tartifl (Savoyern), katroflǝ auftritt in der Umgebung von tatrœfle (Airs), katruX in der Umgebung von tartoX (Saône et Loire).

Angesichts dieser Formenpaare, die für Polygenesis der Dissimilation in verschiedenen frz. Ma. sprechen, scheint es mir höchst unwahrscheinlich, dass, wie Spitzer glaubt (1. c. 158), das frz. cartoufle von 1600 aus dem Deutschen stammen soll, wo wir Kartoffel erst viel später vorfinden. Wenn überhaupt ein historischer Zusammenhang zwischen den beiden Formen besteht, so ist viel eher Kartoffel als ein franz. Lehnwort anzusehen.





* https://www.google.fr/books/edition/Le_Theatre_d_Agriculture_et_Mesnage_des/PwhX8YrB8fMC?hl=de&gbpv=1&pg=PA563

**
https://diglib.hab.de/content.php?dir=edoc/ed000171&distype=optional&xml=tei-introduction.xml&xsl=http://diglib.hab.de/rules/styles/projekte/theatra/tei-introduction2.xsl&metsID=edoc_ed000171_introduction

***
https://www.google.de/books/edition/Piazza_universale/01ZSAAAAcAAJ?hl=de&gbpv=1&pg=PA664
Re: Molières Kartoffeln
filix schrieb am 26.08.2024 um 02:13 Uhr (Zitieren)
Solche etymologische Forensik führt wiederum zur Frage, aus welcher Erde kommt Tartuffe nun genau?

Tartuffe serait à rapprocher de cartouffe, qui veut dire pomme de terre en auvergnat (cf. l'allemand Kartoffel). D'où il suit que Tartuffe, Auvergnat comme, notez-le bien, M. de Lamoignon, l'une de ses clefs, parle avec l'accent de pays et prononce donc : « Laurent, cherrez ma haire... » (Roger Ikor)



Dieser Verortung dürfte intuitiv schon früher einer seiner größten Darsteller gefolgt sein:


Die sicherlich hervorstechendste Tendenz, die der Heuchlerrolle zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufgeprägt wird, ist schließlich wohl dem legendären Darsteller Lucien Guitry zu verdanken, dessen Moliere-Interpretationen sich ausnahmslos durch ihre Unkonventionalität auszeichnen. Seinerseits zutiefst von der packenden Tragik des Stückes und der bäurischen Identität des Protagonisten überzeugt, erklärt Guitry aus einer persönlichen Vorliebe heraus die Auvergne zum Herkunftsland Tartuffes und verleiht manchen seiner Repliken den charakteristischen Akzent jener Region. (Nicola Denis)

Re: Molières Kartoffeln
Patroklos schrieb am 26.08.2024 um 09:01 Uhr (Zitieren)
Die Kartoffel wird früher scheinheilig:
Étymol. et Hist. a) 1609 péj. (A. Fusy, Le Mastigophore, p. 62: Tu n'es qu'une [sic] tartuffe, qu'un butor, qu'un hapelourde); b) 1665 Tartuphe « hypocrite » (Robinet, in Les Continuateurs de Loret, t. 1, p. 378 ds Fonds Barbier: N'as-tu point de ces bons Artuphes (C'est qu'il vouloit dire Tartuphes) Qui font tant de bruit depuis peu, Et comme on dit sont tout à Dieu, Exceptez en le corps et l'âme); id. tartuffe (De Rochemont, Observations sur une comédie de Molière, intitulée Le Festin de Pierre, pp. 10-11). Empr. à l'ital.tartufo, att. dans un sens péj. (peut-être « trompeur, imposteur », cf. FEW t. 13, 1, p. 126b) dep. 1606 (G. Della Porta, Lo Astrologo, IV, 7 d'apr. M. Diot ds St. neophilol. t. 48, p. 221, où dans « Sei un tartufo », le mot est un qualificatif attribué à un personnage traité ant. de cavallo, bue, asino), issu p. métaph. de tartufo « truffe », du lat. pop. *terrae tufer « id. » où *tufer représente la forme osco-ombrienne du lat. tuber. Cf. ital. truffa « truffe », puis « plaisanterie » et « tromperie » (DEI), et fr. truffe* qui subit la même évol. en a. et m. fr. (FEW t. 13, 2, p. 385a). Au vu de l'attest. 1609 supra, Molière n'a pas inventé le nom de Tartuffe, mais c'est sa comédie (représentée pour la 1refois en 1664) qui est à l'orig. de la diffusion du mot dans la lang. cour. Fréq. abs. littér.: 55. (CNRTL)
Der semantische Übergang bleibt unklar.
Re: Molières Kartoffeln
filix schrieb am 26.08.2024 um 13:06 Uhr (Zitieren)
An diesem Übergang haben sich in den letzten hundert Jahren einige versucht, ein gemeinfreies Beispiel:

In Bezug auf Molière ist das historische Problem, das der Name Tartuffe aufwirft, gelöst, und es bleibt noch etwas über den Ursprung und die semantische Entwicklung des Wortes an sich zu sagen.

Tartuffe-tartufle ist eine Art Dublette von truffe. Truffe verhält sich zu tartuffe > wie truffle (das im Niederländischen als truffel, im Deutschen als Trüffel existierte und weiterlebt) zu tartufle (das seinerseits das deutsche Kartoffel (,Kartoffel') hervorgebracht hat). Die allgemein anerkannte Etymologie von truffe-truffle ist tuber, die von tartuffe-tartufle, terrae-tuber). Truffe (trufle) hatte früher, woran E. Despois und P. Mesnard mit Recht erinnern, die Bedeutung „Täuschung, Spott“; truffer bedeutete „täuschen, sich verspotten“. Dies erscheint zunächst ungewöhnlich:

Der Trüffel, diese unförmige Pflanze, die äußerlich keinen Glanz hat, aber dennoch eine begehrte Delikatesse ist, sollte, so scheint es, eher die Vorstellung von einer Sache wecken, die mehr realen Wert als äußeren Schein hat, also gerade das Gegenteil von Täuschung“. Aber der Trüffel, ein unterirdischer Pilz, wurde, wie es scheint, in die Verachtung einbezogen, mit der der Volksgeist alle Pilze behandelt. Génin hat im Zusammenhang mit Tartuffe zu Recht darauf hingewiesen, dass schon bei Plautus fungus die Bedeutung von „Dummkopf“ hat +). Es ist daher verständlich, dass truffe (trufle) die Bedeutung von „etwas von geringem Wert, das als wertvoll angesehen wird“ und dann von „Täuschung“ angenommen hat. Es stimmt, dass ein sehr erfahrener Romanist, Herr F. Bonnarde, truffe als das Verbalsubstantiv von truffer erklärt; aber diese Theorie verschiebt die Schwierigkeit nur; denn woher kommt dann truffer (,,betrügen“)? Die Lösung, die einem zuerst in den Sinn kommt, nämlich dass das Verb vom Substantiv truffe im Sinne von ,,Hohn, Täuschung“ abgeleitet ist, ist, wenn man es richtig betrachtet, die vernünftige Lösung.

Dies führt uns zu der Annahme, dass tartuffe (tartufle), eine Art Dublette von truffe, auch die Bedeutung von ,,Täuschung" hatte und dass diese Bedeutung zu der Bedeutung von ,,trompeur, charlatan“ (Betrügerm Scharlatan) führte, die in der Passage von Antoine Fuzy wahrscheinlich ist.

Die semantische Entwicklung von tartuffe wäre dann analog zu happelourde, das A. Fuzy ebenfalls verwendet; dieses Wort (ich zitiere das Dictionnaire von Darmesteter, Hatzfeld und Thomas) bedeutet im eigentlichen Sinne ,,falscher Stein, den man als Edelstein ausgibt", dann im übertragenen Sinne ,,Person, die nur den Anschein erweckt“.

In dieser Theorie gibt es ein „fehlendes Glied“: Ich konnte kein Beispiel für tartuffe (tartufle) im Sinne von „Täuschung“ finden. Es ist jedoch wahrscheinlich, dass wir früher oder später eines finden werden - an diesem Tag wird die Geschichte des von Molière unsterblich gemachten Wortes endgültig geklärt sein.


(G. Busken Huet: Tartuffe - Original in https://archive.org/details/neophilologus_1921_6/page/144/mode/2up )

Da kommen viele Fragen auf, abgesehen vom fehlenden Glied in der Kette und der sehr vagen Theorie der Dubletten, nicht zuletzt: warum muss unbedingt bewiesen werden, dass der Name des Protagonisten ihn unmissverständlich als Betrüger ausweist? Genügt es nicht, dass der bäuerliche Protagonist vielleicht aus der Auvergne stammt, eine schlaue Erdfrucht, die an einen Pilz erinnert, lange bevor die zu teuersten Delikatessen wurden? Andererseits, die Kartoffel, zunächst ein Eindringling von zwiespältigem Ruf - giftig und gottlos:

Nützlicher war eine andere Gabe Amerikas an Europa: die Kartoffel, die, trotz ihres verhältnismäzsig geringen Nährwertes, die wichtigste Speise für die ärmeren Volksklassen, zumal der germanischen Nationen, geworden ist. Die Pflanze, die ihre Heimat auf der Westküste Südamerikas hat und dort zuerst in Kultur genommen ist, ward 1584 durch den genialen Seemann, Politiker und Schriftsteller Sir Walter Raleigh nach Irland und England gebracht.

Allein es dauerte ein volles Jahrhundert, ehe sie sich dort Bürgerrecht erwarb; selbst die Empfehlung der hochangesehenen Londoner Akademie der Wissenschaften (1663) vermochte das allenthalben gegen sie herrschende Vorurteil nicht zu besiegen. Auch im Auslande konnte sie sich keine Anerkennung verschaffen. Es nützte wenig, dafs sie 1616 in Paris auf der königlichen Tafel erschien. Hielt man sie doch in manchen französischen Provinzen für giftig, während sie in Deutschland als Teufelskraut galt und die dortigen Bauern der gottlosen Neuerung widerstrebten.

Erst mit dem Beginne des 18. Jahrhunderts verbreitete sich ihr Anbau als Nutzpflanze zunächst in England; erst seit 1750 in Schottland, dann in Irland. In den deutschen Gebieten mussten die Regierungen durch wiederholte Verordnungen, ja mit nackter Gewalt den Landleuten den Kartoffelbau aufzwingen, der sich erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts langsam ausdehnte. Hier lernte um 1770 der Franzose Parmentier den Nutzen der Kartoffel kennen und verbreitete sie darauf in seinem Vaterlande. (Pflugk-Harttung )
Re: Molières Kartoffeln
Patroklos schrieb am 26.08.2024 um 13:43 Uhr (Zitieren)
Besten Dank! Es bleibt ein Rätsel.
Zur ethnischen Abwertung der Deutschen als Kartoffeln (Ethnophaulismus), unter anderem, hier eine hübsche Übersicht.
https://de.wikipedia.org/wiki/Ethnophaulismen_f%C3%BCr_Deutsche?wprov=sfti1#
 
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