Γραικύλος schrieb am 19.08.2024 um 00:11 Uhr (Zitieren)
Marc Aurel, Selbstbetrachtungen IV 48:
(Marc Aurel: Wege zu sich selbst. Hrsg. v. Willy Theiler. Zürich 1951, S. 92-95)
Re: Alle schon tot
filix schrieb am 19.08.2024 um 12:47 Uhr (Zitieren)
Ich muss jedes Mal, wenn ich diese Passage lese, leise lachen. Woran das liegt? Vielleicht an dieser paradoxen Mischung aus Verbissenheit, die die Einleitung zeigt, welche sich nicht mit einem Memento begnügt, sondern zu seiner beständigen Wiederholung aufruft wie zu einer ungeliebten Pflicht, einer lästigen Morgenroutine, und den auch in ihrer Reihung aufschlussreichen Exempla, aus denen für mich auch Genugtuung, um nicht zu sagen Häme, spricht, der man sich mit einem gewissen Vergnügen hingibt, die das Entsetzen überwiegt und die Erziehung zur Bescheidenheit angesichts der Vergänglichkeit irgendwie konterkariert.
Re: Alle schon tot
Patroklos schrieb am 19.08.2024 um 14:15 Uhr (Zitieren)
In diesem Zusammenhang sei auf den Fall des Todes durch Verzehrtwerden verwiesen. Sehr gut dokumentiert auf einem Obelisk des Gartenfriedhofs in Hannover und bekannt als „Menschenfressergrab“. Die Inschrift lautet:
HEIN
RICH
ANDRE
AS
JACOB
LUTZ
(1794)
Re: Alle schon tot
Γραικύλος schrieb am 19.08.2024 um 15:24 Uhr (Zitieren)
Ich sehe schon in den einzelnen genannten Personengruppen einen Sinn:
- die Ärzte, das sind diejenigen, von denen man sagt, sie könnten "Leben retten" - können sie nicht, nur den Tod hinausschieben;
- die Astrologen sind diejenigen, die behaupten, den Tod vorhersagen zu können, und dies habe eine hilfreiche Bedeutung - hat es nicht;
- die Philosophen, zu denen er selber gehört, meinen, mit dem Geist das Ewige, Überzeitliche erfassen zu können - aber auch sie müssen als Leib sterben;
- die Helden, die via Ruhm Unsterblichkeit erlangen möchten - aber nur in bezug auf diesen Ruhm;
- die Tyrannen, die in ihrem Hochmut über das Leben anderer verfügen - und doch eines Tages selber dran sind.
Insgesamt: Hüte dich vor der Annahme, du könntest irgendwie "an Schmitzbackes vorbeikommen", dem Tode entgehen!
Das sind alles menschlich-allzumenschliche Annahmen, und man muß darin keine Häme sehen.
Wie sehr, wie oft man sich das vor Augen halten sollte, hängt von der Versuchung dazu ab, die in einem selbst liegt; und die ist bei einem Kaiser, dem man gerne und oft Schmeicheleien ins Ohr flüstert, bestimmt nicht gering.
Re: Alle schon tot
filix schrieb am 19.08.2024 um 21:27 Uhr (Zitieren)
Für die unter insgesamt resümierte Einsicht benötigt kein Sterblicher solche Meditation, schon gar nicht als beständige Übung, ist er kein auf der Insel der Seligen gestrandetes Wolfskind. Dass Speichelleckerei, Herrscherkult und Divinisierung etwas fundamental an diesem existenziellen Wissen ändern und sie daher als beständiges Korrektiv notwendig wäre, finde ich nicht sehr überzeugend - eine so tiefgreifende Kraft stellt die befürchtete Verkaiserung nicht dar, der nie versiegende Strom gegenteiliger Erfahrungen genügt allemal.
Selbst als Ausdruck des motivisch nicht weiter begründeten Widerstands gegen die nicht auf Herrscherpersönlichkeiten beschränkte ganz natürliche Verdrängung des Todes und die von Freud behauptete unbewusste Überzeugung von der eigenen Unsterblichkeit gedeutet kann die Liste der am Tod Gescheiterten dieses Surplus an Genugtuung in meinen Augen nicht abschütteln.
Ihre Reihung scheint mir nicht nur durch den Grad absteigender Ansprüche der Überwindung des Todes bedingt, diese stellen sich auch als Forderungen, ja Zumutungen an den Sterblichen da: der Arzt rückt einem zu Leibe mit seinen Diagnosen und Therapien, der Astrologe mit angenlichem Wissen über die hora incerta, der Philosoph mit seinen Belehrungen über das richtige Sterben, der furchtlose Held als Vorbild, der Tyrann als hochmütiges Zerrbild der Macht. Zu den simpelsten Strategien, derlei zurückzuweisen, zählt der Hinweis, dass ihnen das alles nicht geholfen habe.
Alles flüchtig und wertlos, einbalsamiertes Fleisch und Asche, wie es im Weiteren heißt, und darin steckt eine tiefe Befriedigung über den großen Gleichmacher, d.h. an der Niederlage der anderen, ohne die die ziemlich unvermittelt in agrarische Metaphorik verfallende heitere Fügung ins Ende und Versöhnung mit der Natur, mit der die Passage schließt, in meinen Augen gar nicht gedacht werden kann. Dass dagegen sich beständig etwas in einem wehrt und besagte Forderungen der anderen nicht aufhören, macht die Repetition erforderlich, nicht irgendwelche Vergesslichkeit hinsichtlich der condicio humana.