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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Lord Byron übersetzt Hadrian (683 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 08.08.2024 um 00:03 Uhr (Zitieren)
Hadrian:

Animula vagula blandula,
hospes comesque corporis,
quae nunc abibis in loca
pallidula rigida nudula
nec ut soles dabis iocos.

Lord Byron:

ADRIAN’S ADDRESS TO HIS SOUL WHEN DYING

Ah! gentle, fleeting, wav’ring sprite,
Friend and associate of this clay!
To what unknown region borne,
Wilt thou now wing thy distant flight?
No more with wonted humour gay,
But pallid, cheerless, and forlorn.



Re: Lord Byron übersetzt Hadrian
filix schrieb am 09.08.2024 um 22:32 Uhr (Zitieren)
Ah, little soul, you charming roamer,
the body‘s guest and its companion,
to what a place will you now vanish
so pale, so stiff, completely naked
and never jest again nor dally?
Re: Lord Byron übersetzt Hadrian
Γραικύλος schrieb am 09.08.2024 um 23:07 Uhr (Zitieren)
Von Dir? Es ist schön, weil es nicht so pathetisch daherkommt und dadurch dem Original ähnlich ist. Das mit den Diminutivformen geht halt nicht nachzuahmen.

Hier ist noch eine Version von Alexander Pope:
ADRIANI MORIENTIS AD ANIMAM, TRANSLATED

Ah! fleeting Spirit! Wand’ring fire,
That long hast warm’d my tender breast,
Must thou no more this Frame inspire?
No more a pleasing chearful guest?

Whither, ah whither art thou flying!
To what dark undiscover’d shore?
Thou seem’st all trembling, shiv’ring, dying,
And Wit and Humour are no more?

Re: Lord Byron übersetzt Hadrian
filix schrieb am 10.08.2024 um 00:21 Uhr (Zitieren)
Danke, ja, mein Versuch, neben so viel poetische Opulenz seiner Lordschaft etwas Einfacheres, Intimeres zu setzen. So viele Fallen in fünf Zeilen - ist es überhaupt ein Fragesatz, wie diese Schwebe der Bezüge von pallidula rigida nudula zwischen animula und loca verstehen, von nachahmen nicht zu reden?
Was die Wirkung der uns nicht zur Verfügung stehenden adjektivischen Diminutive zwischen zärtlicher und veralbernder, herabsetzender Verkleinerung betrifft, gibt sie dem Ganzen vielleicht einen deutlich spöttischeren Grundton (wie in der lat. Verssatire, die Diminutive liebte) als man, verliebt in die tändelnde Melancholie solchen Abschieds, übersetzen möchte?
Re: Lord Byron übersetzt Hadrian
filix schrieb am 10.08.2024 um 00:50 Uhr (Zitieren)
Wobei die die Grundbedeutung steigernde Funktion wie bei parvulus und misellus im Vordergrund steht, aber kann die Form die anderen semantischen Aspekte des Diminutivs abschütteln, insbesondere bei Spontanbildungen (nudulus beispielsweise ist offenbar Hapax legomenon), wo eine abschleifende Bedeutungsregulierung durch den allgemeinen Sprachgebrauch nicht greift?
Re: Lord Byron übersetzt Hadrian
Γραικύλος schrieb am 10.08.2024 um 01:23 Uhr (Zitieren)
Ich verstehe das so, daß diese Formen einer harten Sache (1) - dem Sterben - etwas von ihrer beunruhigenden Wirkung nehmen.

(1) rigida ist das einzige Adjektiv in Normalform!
Re: Lord Byron übersetzt Hadrian
filix schrieb am 10.08.2024 um 15:47 Uhr (Zitieren)
Das ungnädige, insbesondere von der nachdichtenden Nachwelt meist ignorierte Urteil des Verfassers der Historia Augusta, welches dort auf die Verse folgt, tales autem nec multos​ meliores fecit et Graecos, hat man aus diesem zu begründen versucht, zuerst wohl Alphons Barb in den 1950ern, der es mit Zaberformeln und Kinderreimen (vor allem über den Diminutivgebrauch) in Verbindung bringt:


A. Kuhn observed a century ago how Russian incantations were transplanted by Lithuanian nursemaids into east-German nurseries simultaneously turning from charms into nursery-rhymes. I could imagine that similarly Gaulish or Spanish nurses in the age of Marcellus Empiricus (which—at least roughly—was also the age in which the Historia Augusta was compiled) brought things like the above charms into the nurseries of Italy. If so, and if Roman children played to sounds like "Albula blandula . . . " or "Animula herbula . . . ", then certain grown-ups must have relished immensely the "poem" of good old emperor Aelius Hadrianus, produced with so undisguised a sneer by a certain "Aelius Spartianus".


https://www.jstor.org/stable/1257299

Re: Lord Byron übersetzt Hadrian
filix schrieb am 10.08.2024 um 15:54 Uhr (Zitieren)
Der tröstlich-beruhigende Effekt, den du ansprichst, käme dann aus dieser Regression in die Zauberklänge der Kindheit - nicht minder schön, ist man kein Spartianius.
Re: Lord Byron übersetzt Hadrian
filix schrieb am 10.08.2024 um 15:58 Uhr (Zitieren)
*Spartianus
Re: Lord Byron übersetzt Hadrian
filix schrieb am 10.08.2024 um 16:34 Uhr (Zitieren)
Seelchen, Schnuckelchen, Streunerlein
Körpers Gast und Gefährtin,
wohin wirst du nun schwinden,
bleichsteifes Nackedeichen,
nimmer scherzend wie früher?
Re: Lord Byron übersetzt Hadrian
Γραικύλος schrieb am 11.08.2024 um 13:05 Uhr (Zitieren)
Das kommt dem Klang des Originals nun sehr nahe.
Ich denke immer noch darüber nach, in welchem Sinn es entstanden sein mag. Die Bedrohlichkeit des Sterbevorgangs durch Diminutivformen zu mildern?

Anscheinend wollte Hadrian ja sterben:
Um diese Zeit [136 u.Z.] nahm seine Krankheit ihren An-fang. Der Kaiser hatte vorher schon an Nasenbluten gelitten, nun aber wurde der Blutfluß deutlich stärker. Daher verzweifelte er an seinem weiteren Leben und bestellte den Lucius Commodus, obwohl dieser Mann häufig Blut erbrach, zum Caesar über die Römer. Wegen angeblicher Mißbilligung dieses Schrittes aber ließ er den Servianus und seinen Enkel Fuscus töten, den einen, einen neunzigjährigen Greis, den anderen, einen Jüngling von achtzehn Jahren.

Vor seinem Tode verlangte Servianus Feuer und sagte, während er das Rauchopfer darbrachte: „Daß ich unschuldig bin, wißt ihr, o Götter. Was Hadrian aber betrifft, so erbitte ich nur das eine: Er soll den Wunsch haben zu sterben, aber nicht sterben können [ἵνα ἐπιθυμήσας ἀποθανεῖν μὴ δυνηθῇ]!“ In der Tat zog sich Hadrians Siechtum sehr lange hin, wobei er sich oftmals den Tod wünschte, oft auch Selbstmord begehen wollte [πολλάκις δὲ καὶ ἀποκτανεῖν ἑαυτὸν ἐθελήσας].

Es ist jedenfalls ein Brief von ihm noch vorhanden, der gerade diesen Zustand schildert, wie schrecklich es doch ist, sterben zu wollen und nicht sterben zu können. Den genannten Servianus hatte Hadrian für fähig gehalten, sogar das kaiserliche Amt zu bekleiden. Jedenfalls hatte er einmal bei einem Gastmahl seinen Freunden gesagt, sie möchten ihm doch zehn Persönlichkeiten nennen, die den Alleinherrscher machen könnten, und dann nach kurzer Pause hinzugefügt: „Ich will nur neun wissen; den einen habe ich nämlich bereits, den Servianus.“

(Cassius Dio LXIX 17, 1-3 in der Epitome des Xiphilinos)

Das heißt, sein Problem war ein ganz anderes?
Re: Lord Byron übersetzt Hadrian
filix schrieb am 11.08.2024 um 18:39 Uhr (Zitieren)
Selbst wenn man alle Vorsicht hinsichtlich der Zuverlässigkeit dieser historischen Berichte einschließlich der Frage, ob es sich wirklich um Hadrians Gedicht handelt (fecisse dicitur formuliert der Autor der HA) außer Acht lässt, bietet die geschilderte psychologische Situation eines sich lange hinziehenden Leidensprozesses und eines weniger konstanten als oftmals wiederkehrenden Todeswunsches als biographischer Hintergrund einigen Spielraum.

Die durchaus beunruhigende Frage, was mit Seelchen im Tode geschieht, verschwindet erstens nicht zwingend, nur weil es einem manchmal nicht schnell genug gehen kann mit dem Ende, zweitens kann man annehmen, dass, wer so lange siecht, den Suizid mehrfach erwägt, aber letztlich nicht zur Tat schreitet (und von anderen abhängig bleibt, die die Assistenz aus politischen Motiven verweigern), verschiedene emotionale Zyklen durchläuft in der Haltung zum Tod, also auch sentimental-regressive.

Die Wirkung der Diminutive und des, folgt man Barb, an Kinderreime und Zauberformeln erinnernden Sounds dieser fünf Zeilen mit der Sicherheit eines antiken Lesers nachzuvollziehen, scheint mir jedenfalls sehr schwierig. Ich zweifle sogar daran, dass sich alle Ambivalenz für diesen aufgelöst hätte:

Wo verläuft der schmale Grat zwischen zärtlicher Verniedlichung und Spöttelei, zwischen sentimentaler Nähe und karikierender Distanz, ist es am Ende vielleicht nur ein literarisches Spiel des Dilettanten auf vielen Gebieten mit der Vorstellung eines schattenhaften Fortlebens der hier als possierliches Wesen vorgestellten Seele, die im Tode eine fundamentale Eigenschaft ihres Gastgebers zu verlieren droht, für die die Verse selbst Zeugnis ablegen sollen, nämlich des unterhaltsamen Witzes?
Re: Lord Byron übersetzt Hadrian
filix schrieb am 11.08.2024 um 18:43 Uhr (Zitieren)
… nämlich den unterhaltsamen Witz?
Re: Lord Byron übersetzt Hadrian
Γραικύλος schrieb am 11.08.2024 um 23:10 Uhr (Zitieren)
Das schadet dem Gedicht m.E. nicht, daß es in seiner Bedeutung changiert. Vermutlich hätte nicht einmal Hadrian selbst sagen können, warum er das so ausgedrückt hat.

Immerhin sind ja mehrere Gedicht Hadrians überliefert, so daß wir doch von seiner Neigung, sich in dieser Weise auszudrücken, ausgehen können.

Daß es an Kinderreime erinnert, kann ich nachvollziehen, aber an Zauberformeln? Die sind doch kaum einmal ironisch-spielerisch.
Re: Lord Byron übersetzt Hadrian
filix schrieb am 12.08.2024 um 12:35 Uhr (Zitieren)
Barb bringt es u.a. mit medizinischen Abwehr- bzw. Heilzaubern und ihren Abwandlungen und Übergängen in Verbindung :


This kind of crude adaptation is still more evident in another charm,
which Marcellus gives immediately before the one above, with fairly
identical instructions. Now the first line of this charm resembles in a
curious way the first line of the alleged poem of Hadrian

Albula glandula,
Nec doleas, nec noceas,
Nec paranici(a) facias,
Sed liquescas,
Tamquam salis in aqua.


[...] Here we have a charm which seems "zersungen" to a such degree that it is already
more a children's jingle than an incantation.


Das wurde verschiedentlich aufgegriffen, auch von Autoren, die der Auffassung sind, dass die Adjektive der vierten Zeile sich nur auf loca beziehen können - z.B.
https://www.enotes.com/topics/hadrian/criticism/criticism/j-gwyn-griffiths-essay-date-1984


Wie stark das von der HA gezeichnete existenzielle Setting der Entstehung, das Pope und Byron als Überschrift noch mitzuschicken sich veranlasst sehen (ADRIANI MORIENTIS AD ANIMAM & c.), das Verständnis beeinflusst, liegt auf der Hand, es speist m.E. auch das neuzeitliche Bedürfnis, die Frage nach dem Ort des Entschwindens nicht platt und restlos zu beantworten und in der Übertragung nicht allzu "kindisch" zu werden. Dabei ist ein joke about the end of all joking eine sehr ernste Sache.
Re: Lord Byron übersetzt Hadrian
filix schrieb am 12.08.2024 um 14:39 Uhr (Zitieren)
Noch ein Fund, gemacht bei Verfolgung der Frage, ob nicht doch in irgendeiner Varietät der deutschen Sprache sich noch näher herankommen ließe:


Da die deutsche Sprache keine Diminutivformen für Adjektive liefert, so werden einige aus dem Wendischen geborgt, und dann wird dünn zu dünnutschke, klejn zu klejnutschke und klejnke, jung zu jungutschke, wejch zu weichutschke, schwach zu schwachutschke, schmal zu schmalutschke, fein zu feinutschke. Es versteht sich von selbst, daß durch die Verminderung des an sich schon kleinen eigentlich die Kleinheit noch vermehrt wird, so daß klejnke und klejnutschke sehr klein bedeutet


(Bronisch: Mundart in der Niederlausitz in: Neues lausitzisches Magazin: Zeitschrift der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften, Band 39 (1862), S. 134)
Re: Lord Byron übersetzt Hadrian
Γραικύλος schrieb am 12.08.2024 um 16:38 Uhr (Zitieren)
Oja, die erste Zeile des Zauberspruchs läßt das Animula-Gedicht anklingen.

Ein "joke about the end of all joking" eine sehr ernste Sache? Eine Synthese von Ernst und Scherz, sozusagen der Gegensatz dialektisch auf einer höhere Ebene aufgehoben.

Ist die Möglichkeit, Adjektive in Diminutivformen zu verwandeln, auch anderen slawischen Sprachen eigen? Das hülfe natürlich im Deutschen nicht, würde aber die Eigentümlichkeit des Wendischen in einen Zusammenhang bringen.
Re: Lord Byron übersetzt Hadrian
filix schrieb am 13.08.2024 um 00:34 Uhr (Zitieren)
Unter den westslawischen Sprachen, zu denen Sorbisch (Wendisch) zählt, besitzt z.B. Polnisch komplexe Diminutivbildung auch bei Adjektiven mit intensivierender, aber auch abschwächender Semantik (mały -> malutki wie parvus -> parvulus, nowy -> nowiutki = neu -> brandneu, ciepły -> ciepławy warm - >lauwarm usf.), ob so auch andere semantische Leistungen des Diminutivs (Expressivität: Zuneigung, Vertrautheit, Spott, Verachtung …) transportiert werden können, weiß ich nicht. Das ist, um noch einmal darauf zurückzukommen, bei Hadrians Versen ein springender Punkt, bei der zweiten Übersetzung oben bin ich in dieser Frage schlicht intuitiv verfahren. Es könnte aber sein, dass z.B. pallidula und nudula nur intensivierend zu verstehen sind (z.B. aschfahl, splitternackt), um zwar einen deutlichen Kontrast zur ersten Zeile aufzubauen (reizende, anziehende Flatterhaftigkeit gegen abschreckende fahle Leblosigkeit), ohne aber selbst zusätzliche expressive Dimension zu besitzen (wie etwa Nackedeichen).
Re: Lord Byron übersetzt Hadrian
Γραικύλος schrieb am 13.08.2024 um 13:13 Uhr (Zitieren)
Danke für die Information. Daß man das auch als intensivierend verstehen könnte, daran habe ich noch nicht gedacht.
Re: Lord Byron übersetzt Hadrian
filix schrieb am 14.08.2024 um 14:14 Uhr (Zitieren)
Walter Petersen reiht in Latin Diminution of Adjectives (Classical Philology, Oct., 1916, Vol. 11 -https://www.jstor.org/stable/pdf/261326.pdf) pallidula, nudula und vagula unter Beispiele für den Ausdruck von endearment prompted by pity or sympathy neben animula miserula propiter abiit und dergleichen.

Es ist aber klar, dass die Abschätzung, ob und welche expressive Bedeutung vorliegt, nur kontextuell in Abhängigkeit von ihrem Bezugsobjekt und seiner Darstellung getroffen werden kann. Für die Annahme, dass die Adjektive Diminutive der vierten Zeile sich auf loca beziehen, wirft das zusätzliche Fragen auf, denn die Gegend scheint nicht unmittelbar ein geeignetes Objekt für Expressivität zu sein.

Da die Basis der Bildungen zudem weder Kleinheit noch Schwäche impliziert, ist selbst die semantische Funktion des Suffixes nicht mehr so leicht abzuschätzen, offensichtlich hängen Abschwächung und Intensivierung stark von der Grundbedeutung ab. grandiculus/i] beispielsweise heißt nicht sehr groß sondern ziemlich, eher groß. Andernfalls, so Petersen, [i]the diminutive suffix adds merely the notion small to the primitive adjective.

Auch in Catulls namque mei nuper Lethaeo in gurgite fratris pallidulum manans alluit unda pedem gewinnt pallidulus seine emotive Qualität letztlich aus dem Bezug zum toten Bruder, dessen blassen Fuß die Fluten der Lethe hier umspülen.
Re: Lord Byron übersetzt Hadrian
filix schrieb am 14.08.2024 um 14:17 Uhr (Zitieren)
* dass die adjektivischen Diminutive …
 
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