Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Die Tyrannis, ein schönes Grab (400 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 22.07.2024 um 00:00 Uhr (
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1. Isokrates: Archidamos
There is also the case of the tyrant Dionysius, who, when he was besieged by the Carthaginians, seeing not a glimmer of hope for deliverance, but being hard pressed both by the war and by the disaffection of his citizens, was, for his part, on the point of sailing away, when one of his companions made bold to declare that “royalty is a glorious shroud [εἶπεν ὡς καλὸν ἐστιν ἐντάφιον ἡ τυραννίς]”. Ashamed of what he had planned to do, and taking up the war afresh, he destroyed countless hosts of the Carthaginians, strengthened his authority over his subjects, acquired far greater dominion than he had possessed before, ruled with absolute power until his death, and left his son in possession of the same honours and powers as he himself had enjoyed.
[44 f.]
2. Diodorus Siculus: Griechische Weltgeschichte
Vom Zugang zum Binnenland abgeschnitten und im Stich gelassen von seinen Söldnern, versammelte Dionysios seine Freunde zu einer Beratung über die augenblickliche Lage; so vollständig hatte er nämlich jede Hoffnung auf die Behaup-tung seines Gewaltregiments fahren lassen, daß er nicht mehr weiter nach einer Möglichkeit zur Niederwerfung der Syrakusaner suchte, vielmehr einzig nach einer Todesart, die den Untergang seiner Herrschaft nicht völlig unrühmlich erscheinen ließe.
Da erklärte Heloris, einer seiner Freunde, oder, wie einige sagen, sein Stiefvater: „Die Tyrannis ist ein anständiges Leichentuch [καλὸν ἐντάφιον ἐστιν ἡ τυραννίς].“ Sein Schwager Polyxenos hingegen riet, er sollte sein schnellstes Pferd nehmen und auf ihm in das Herrschaftsgebiet der Karthager zu jenen Kampanern reiten, die Himilko zur Bewachung des sizilischen Bezirks zurückgelassen hatte. Doch Philistos, der später seine Geschichte niederschrieb, widersprach Polyxenos und betonte, man solle nicht auf einem galoppierenden Pferd der Tyrannis entsagen, sondern dürfte sie einzig am Bein weggeschleift preisgeben.
Dionysios stimmte ihm zu und beschloß, lieber alles über sich ergehen zu lassen, als die Herrschaft freiwillig zu verlieren. Daher schickte er Gesandte zu den Abtrünnigen und ersuchte sie, ihm die Möglichkeit zum Rückzug aus der Stadt zu gewähren; heimlich aber hatte er schon zuvor Boten an die Kampaner abgefertigt und ihnen die Zahlung unbegrenzter Geldmittel für ihre Unterstützung während der Belagerung zugesagt.
[XIV 8, 4-6]
3. Aelian: Varia Historia
The tyrant Dionysius was besieged by the Carthaginians without any prospect of survival. In his despondency he contemplated flight, but one of his companions called Ellopides came and said to him, “Dionysius, tyranny is a fine shroud [ὦ Διονύσιε, καλὸν ἐντάφιον ἡ τυραννίς].” Shamed by this he recovered his spirits, defeated an army of countless thousands with a small force, and enlarged his territories.
[IV 8]
Re: Die Tyrannis, ein schönes Grab
filix schrieb am 21.08.2024 um 01:38 Uhr (
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Ein Echo des Diktums findet sich in der berühmten Rede Theodoras, Ehefrau des oströmischen Kaisers Justinian (mit ausführlich behandeltem Vorleben als "Schauspielerin" und Nachleben als Heilige), die sich sehr wahrscheinlich der Historiker Prokop (BP I,24,33ff.) ausgedacht hat.
Am Höhepunkt des Nika-Aufstandes im Jahre 532, den blutigsten Unruhen der Spätantike mit bis zu 30000 Toten im Umfeld der machtpolitisch bedeutsamen Zirkusfraktionen, die sich gegen Justinian verbünden, der schon an Aufgabe denkt, lässt er sie gleichsam als Symbol des Ausnahmezustandes das Wort ergreifen:
Ob eine Frau vor Männern kühn auftreten oder vor Zauderern große Worte sprechen darf, lässt meiner Ansicht nach der gegenwärtige Augenblick nicht entscheiden, und niemand weiß, ob man es so oder anders halten soll.
Wo sich nämlich der Staat in äußerster Gefahr befindet, gibt es offensichtlich nur eine wichtige Aufgabe: die drängenden Nöte möglichst gut zu meistern.
Ich bin der Meinung, dass Flucht, mag sie auch Rettung schaffen, gerade im jetzigen Augenblick Nachteile bringt; denn wie ein Mensch, einmal geboren, dem Tode nicht entgehen kann, so muss jedem, der einmal den Kaiserpurpur trug, ein Flüchtlingsdasein unerträglich erscheinen.
Niemals möchte ich daher dieses Purpurkleid verlieren und auch jenen Tag nicht erleben, an dem jene, die vor mir hintreten, mich nicht mehr als Herrin ansprechen werden.
Mein Kaiser, wenn du dich in Sicherheit bringen willst, so macht dies keine Schwierigkeit. Wir verfügen ja über viel Geld, und dort ist das Meer und hier sind die Schiffe. Sieh aber zu, ob nach glücklicher Rettung du nicht am liebsten den Tod fürs Leben eintauschen würdest!
Mir jedenfalls gefällt ein altes Wort, dass das Kaisertum ein schönes Totenkleid ist! (ἐμὲ γάρ τις καὶ παλαιὸς ἀρέσκει λόγος, ὡς καλὸν ἐντάφιον ἡ βασιλεία ἐστί).
[Übersetzung: Otto Veh]
Zur Einordnung der Rede in Prokops Darstellung der Ereignisse und der Anspielung auf Dionysios, den Tyrannen, hat Mischa Meier einen Aufsatz verfasst:
http://www.rhm.uni-koeln.de/147/Meier.pdf
Re: Die Tyrannis, ein schönes Grab
Γραικύλος schrieb am 21.08.2024 um 15:03 Uhr (
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Das ist eine schöne Fundstelle, auf die ich nicht gekommen bin und für die ich danke.
BP, das mußte ich mir als Laie erst raussuchen: Perserkriege.