Γραικύλος schrieb am 03.07.2024 um 23:15 Uhr (Zitieren)
Wird es in absehbarer Zeit so sein, daß der Autor verschwindet? Nicht unbedingt weil Menschen die Lust am Schreiben verlieren, sondern weil Künstliche Intelligenz Bücher in jedem gewünschten Stil und mit jedem gewünschten Inhalt auf Bestellung schreiben kann. Warum sollte der Konsument resp. Leser dann noch Bücher kaufen, die 1. Geld kosten und 2. eben nicht perfekt seinen Erwartungen entsprechen?
Du willst einen Kriminalroman im Stil von James Ellroy aus dem Milieu des Anlagebetrugs mit genau drei Toten, einer männlich, zwei weiblich, und ohne daß der Mörder am Ende erwischt wird? Chat-GPT schreibt ihn dir.
Oder einen Liebesroman genau nach deinen Vorstellungen. Oder einen neuen Roman in der Art von Viktor Pelewin. Oder etwas wie William S. Burroughs, aber nicht ganz so brutal. Selbstverständlich auch ein Sachbuch, wenn’s gewünscht wird. Über Kirchenfenster in Südhessen? Kein Problem. Was immer du möchtest.
Wozu braucht es dann noch neue Autoren? Warum sollte ein Verlag ihnen Geld zahlen?
Die einzige Wand dagegen ist, fürchte ich, aus Papier: das Urheberrecht, das es verbietet, bestehende und noch geschützte Werke als Grundlage für das Deep Learning von KI zu benutzen.
Wenn der Autor noch eine Zukunft hat, dann als selbstgenügsamer Hobby-Täter, nicht mehr als Verfasser von verlegten Werken.
Re: Die Zukunft des Buches
Aurora schrieb am 04.07.2024 um 06:01 Uhr (Zitieren)
Ki kann sogar griechisch dichten:
Ὦ φιλτάτη, κάλλος σὸν ὑπέρτατον, ὥσπερ Ἀφροδίτη
λάμπεις, καὶ πάντων ὄμματα πρὸς σὲ τρέπει.
Σῆς φωνῆς μέλιτος γλυκερώτερον· ὡς ὅτε αὔρα
ἠρέμα φύλλοισιν, ψιθυρίζει ἔπη.
Ἐν στήθεσσιν ἐμοῖς καίει πυρὸς ἄσβεστον ἔρως σου,
ὦ ψυχή, ζωῆς πᾶν σὺ ἐμοὶ τὸ φάος.
Hier ist eine deutsche Übersetzung:
O Liebste, deine Schönheit ist unübertroffen, wie Aphrodite
strahlst du, und aller Augen wenden sich dir zu.
Deine Stimme ist süßer als Honig; wie wenn die Brise
sanft durch die Blätter weht, so flüstert sie Worte.
In meiner Brust brennt unauslöschlich das Feuer deiner Liebe,
o Seele, du bist mir das ganze Licht des Lebens.
oder auf Latein:
O mea lux, oculos vincis splendore serenos,
Phoebi; plus radiis fulgida forma nitet.
Dulcior es melle et zephyris; tua verba susurrant
Ut fons, qui tacita labitur inter agros.
Te sine nox animae, tecum mihi ver geniale;
Tu vitae columen, tu mihi solus amor.
Hier ist eine deutsche Übersetzung:
O mein Licht, du übertriffst mit deinem Glanz die heiteren Augen
des Phoebus; strahlender als seine Strahlen leuchtet deine Schönheit.
Süßer bist du als Honig und Zephyrwinde; deine Worte flüstern
wie eine Quelle, die still zwischen den Feldern fließt.
Ohne dich ist es Nacht für meine Seele, mit dir habe ich einen freudigen Frühling;
Du bist die Stütze meines Lebens, du bist meine einzige Liebe.
Die Metrik habe ich nicht überprüft.
Es kommen Fehler vor.
Re: Die Zukunft des Buches
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 04.07.2024 um 09:47 Uhr (Zitieren)
Wenn etwas perfekt meinen Erwartungen entspricht, ist das beim ersten, zweiten Mal sicherlich beglückend, beim dritten wird es schon langweilig, denn das Geheimnis von Kunst ist, daß und wie Gestaltungsregeln beherrscht, viel mehr aber noch, wie sie an unvorhergesehener Stelle gebrochen werden. Gerade die Enttäuschung meiner Erwartungen*) an den Fortgang einer Geschichte, einer Melodie, einer harmonischen Wendung, an das Ebenmaß des bildlich oder plastisch Dargestellten (z. B. das "Lächeln" der Mona Lisa), das ist es, was den Leser, Hörer, Betrachter fesselt. Ich erinnere nur an den Schönheitsfleck im Antlitz der Hofdame ...
*) Natürlich gibt es auch Menschen, die sich anhand der Baß"figur" eines Techno-Produktes in Trance versetzen können, und da bin ich mir schon seit längerer Zeit nicht sicher, ob dessen Produktion nicht maschinengesteuert ist.
Re: Die Zukunft des Buches
filix schrieb am 04.07.2024 um 13:25 Uhr (Zitieren)
Diese Fokussierung auf Differenz als auszeichnendes Merkmal des gelungenen literarischen Kunstwerks ist nun aber auch geschichtlich gewordene Überzeugung und an ein bestimmtes Publikum, an eine die Plätze am Licht vergebende sozioökonomische Struktur von Distributoren, Rezensenten und Konkurrenten gebunden, die sich schon länger im Umbruch befindet.
Zum Selbstverständnis wahrer Meisterschaft gehörte wenigstens seit dem bürgerlichen Zeitalter auch die Abgrenzung zur den Massengeschmack nach dem Prinzip more of the same (with a little twist here an there sometimes) bedienenden literarischen Produktion.
Nun weicht sich eben auch diese Trennlinie auf und mit ihr die sie konstiturierenden Wertungen, indem die Maschine in das bisher dem menschlichen Gehirn vorbehaltene Kerngebiet so definierter schöpferischer Leistung einzudringen beginnt (nach der kosmologischen, biologischen, psychologischen schlussendlich die ästhetische Kränkung).
Offen ist in meinen Augen, ob die Vorläufer im Verbund mit extratextuellen Daten (so wie die Schrifsteller die Welt in der, über oder gegen die sie schreiben, verarbeiten und nicht bloß Texte), an denen sie lernt, auch verborgen die Gesetze der Brechung, die spezifischen Strategien, die Illusion des großen Ganzen herzustellen, endlich all das, was man vage den sich im Neuen ausdrückenden Geist der Epoche nennen könnte, den einzufangen man Schlüsselwerken nach wie vor zubilligt, enthalten, oder ob nicht einfach neue ästhetische Kriterien entstehen und uns in eine neue Idee des Literarischen leiten.
Die immer wieder vorgetragene Überzeugung, der stochaistische Papagei könne, weil ihm das Humanum fehle, die Erfahrung und Empfindung des sterblichen Individuums in der Welt, nichts menschlicher Literatur Vergleichbares hervorbringen, vergisst, dass dies nur eine Vorstellung von Literatur unter anderen ist, an die wir uns über ein paar Jahrhunderte gewöhnt haben, einschließlich einiger liebgewonnenen Überzeugung wie z.B. der, dass das Leben der Infamen, der Leidenden, der Minoritäten usf., der einst bestenfalls Randfiguren der wahre Spiegel unserer Selbstbestimmung ist, deren Geschichte wir erzählt bekommen wollen und nicht die großer Helden oder Idole oder übermenschlicher Monster, die womöglich leichter sich synthetisieren lassen. Dass der sich defätistisch selbst in den Hobbykeller verbannende Schriftsteller der prototypische Charakter des kommenden Zeitalters wird, bezweifle ich.
Einen Teil des Problems in Verse, die mit der alten Idee des Neugeborenen an der Zeitenschwelle spielen, gebracht finde ich jedenfalls bei Seamus Heaney, sie gelten, denke ich, auch für dieses uncanny valley, das wir gerade durchwandern.
(Seamus Heaney: Bann Valley Eclogue in Elektrisches Licht/Electric Light. Hanser 2002, S.24)
Re: Die Zukunft des Buches
filix schrieb am 04.07.2024 um 13:41 Uhr (Zitieren)
konstituierenden ... stochastische ... Romulus's - Alas, Albert, my kingdom and a horse for an editor.
Re: Die Zukunft des Buches
Γραικύλος schrieb am 04.07.2024 um 14:48 Uhr (Zitieren)
Die Diskussion, was Computer bzw. KI alles können und was nicht, ist ja schon alt, und ich erinnere mich noch gut an Behauptungen von vor 50 oder 20 Jahren, was sie niemals können werde und worüber man heute nur noch lächelt.
Derzeit steht es wohl so, daß bei der Auffoderung, die Eindrücke eines Waldspaziergangs zu beschreiben, die KI nicht auf direkt auf Eindrücke eines Waldspaziergangs zurückgreifen kann, sondern nur auf Texte und Bilder darüber, die sie im Internet gefunden hat und dann allerdings kreativ gestaltet.
Meines Wissens wird an dieser Grenze allerdings gearbeitet, d.h. Versuche werden gemacht, die KI mit einem eigenen Sensorium auszustatten.
Was wird in 10 oder 20 Jahren daraus geworden sein?
Jenseits dieser bekannten Diskussion habe ich hier aber eine andere Frage gestellt: Wer wird künftig noch teure Bücher kaufen, wenn er sich ein eigenes, auf seine Bedürfnisse zugeschnittenes Buch von KI schreiben lassen kann?
Falls diese Bedürfnisse den Wunsch nach sitlistischen Überraschungen und Brüchen einschließen - warum nicht?
Vermutlich wird man bald als "Leser" sogar den Wald riechen können. Interaktive Kinderbücher versorgen ihre kleinen Leser bereits heute mit den zu den Abbildungen gehörenden Geräuschen, etwa dem Gezwitscher eines Vogels.
Das, was jetzt schon geht, 10 oder 20 Jahre weiter gedacht!
***
Hier hingegen hapert es schon beim Wunsch nach einem Editor.
Re: Die Zukunft des Buches
Γραικύλος schrieb am 04.07.2024 um 14:48 Uhr (Zitieren)
alles können --> alles könne
Re: Die Zukunft des Buches
filix schrieb am 04.07.2024 um 15:58 Uhr (Zitieren)
Warum sollte diese seit Wagner zirkulierende Gesamtkunstwerkvorstellung als multisensorisches Erlebnis aus dem Rechner an der Grenze zur Verdopplung der Welt (wer einen Waldspaziergang in seiner totalen Sinnlichkeit will, geht am besten ... in den Wald) die Richtung der Entwicklung der Literatur vorgeben? Das ist doch nur eine Idee unter anderen.
Sie stößt regelmäßig an physiologische Vorbehalte, die mit der Verteidigung der Grenze unserer körperlichen Existenz zu tun haben, und es ist nun einmal eine Eigenschaft von "reinen" Texten, Erfahrungen und Emotionen in einer Weise zur Sprache zu bringen, die man nicht anders erleben kann oder will, ja selbst innere Bilder, wirken, wenn sie vors äußere Auge treten oft schal - zum klassischen Repertoire der Bewertung von gewöhnlichen Illustrationen und Verfilmungen gehört, dass sie hinter der Erfahrung der Lektüre zurückbleiben.
Mir scheint das nur ein Nebenschauplatz jenseits der Frage, was der literarische Text als Text (d.h. Zeichenketten, die mit dem lesenden Gehirn und allem, was es geformt und zu dem gemacht hat, das es ist, interagieren) kann und wie sich das aus den von der Geschichte aufgetürmten Texten lernen und weiterentwicklen lässt.
Re: Die Zukunft des Buches
Γραικύλος schrieb am 04.07.2024 um 18:56 Uhr (Zitieren)
Wir reden eigentlich über zwei Fragen:
1. Wie wird sich die Literatur entwickeln?
Ich habe keine Ahnung und weiß nur, daß diese Revolution, die derzeit stattfindet, ebenso die Musik, den Film und die bildende Kunst betrifft.
2. Wie wird sich das Berufsbild des Autors verändern?
Und da habe ich den Verdacht, daß der klassische Autor (der Bücher schreibt, welche von einem Verlag gedruckt werden) ein Auslaufmodell ist.
Daß es eine grundsätzliche und unüberschreitbare Grenze zwischen menschlicher und KI-Kreativität gibt, die dem menschlichen Autor als sicheres Refugium bliebe, nehme ich nicht an.
Re: Die Zukunft des Buches
Bukolos schrieb am 04.07.2024 um 19:51 Uhr (Zitieren)
Es sind eher drei Fragen (oder Aspekte einer Frage):
Daran, dass die Zukunft der Literatur sich im auf den Leser zugeschnittenen Privatbuch verflüchtigen werde, hege ich leise Zweifel. Leser vom Typ des Schulmeisterleins Wutz, die die Bücher, die sie lesen wollen, selbst schreiben (ob nun allein oder mit Unterstützung von Claude, Gemini, GPT etc.), waren ja immer schon eher in der Minderheit. An die Frage nach der Zukunft des Buchs im Zeitalter seiner technischen Generierbarkeit ist sicherlich auch die der sozialen Dimension des (Bücher-)Lesens geknüpft. Zum einen entwirft sich der Leser eines Buchs als Teil einer über das Buch syn- wie diachron verbundenen Gruppe (die durchaus klein sein darf) und zieht daraus einen nicht geringen Teil der Motivation, auch Werke, die ihn zunächst überfordern, durchzustehen. Zum anderen ist die Instanz des Autors in post-poststrukturalistischen Zeiten ja längst von den Toten wiederauferstanden, und es fragt sich, ob ein anonymes und proteisches Sprachmodell als Akteur akzeptiert würde. Es wäre sicher keine große Sache, den Felix Krull oder den Mann ohne Eigenschaften im Stil der Autoren durch die KI fertigschreiben zu lassen. Aber wen interessierte das Ergebnis?
Re: Die Zukunft des Buches
filix schrieb am 04.07.2024 um 20:21 Uhr (Zitieren)
Nicht zu vergessen das Ausdrucksbedürfnis einer in einem geschichtlich ungekannten Ausmaß alphabetisierten Zahl von Menschen, die ja auf unzähligen Ebenen sich in ihrer Individualität verwirklichen will, einerseits und die Beschränktheit der kostbaren Ressourcen Aufmerksamkeit andererseits, der Gegenwart gehen eher die Leser aus als Textproduzenten welcher Art immer. Dass diese global kollektiv sich ergeben in die Lektüre konfektionierter Unmengen an Texten schicken, scheint mir unwahrscheinlich - es könnten in hybriden Formen der Zusammenarbeit mit KI mehr denn je versuchen, der Welt schriftlich mitzuteilen, was sie zu sagen haben. Man muss ja nur lesen, was dazu reflektiert wird von literarischen Produzenten - es dominiert die Verheißung eines potenten die Kreativität erweiternden Werkzeugs. Den Untergang des bürgerlichen Erwerbsschriftsteller wird die Literatur ebenso überleben wie das Ende des Hofdichters oder kulturellen Mehrwert generierenden Fürstengünstlings.
Re: Die Zukunft des Buches
filix schrieb am 04.07.2024 um 20:23 Uhr (Zitieren)