Re: Wie man einst feststellte, ob Frauen Menschen sind
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 24.06.2024 um 10:23 Uhr (Zitieren)
Aus meiner Sicht ist der Fadentitel als Überschrift über den Gregor-Text eher mißlungen: Es wurde festgestellt, daß Frauen Menschen sind, was unter Beweis gestellt wurde durch die Aussagen der Schrift (als die den betreffenden Herren maßgebliche Quelle). Die Frage, ob sie Menschen seien, ergab sich aus einer Einzelmeinung, in der den Frauen das Menschsein abgesprochen wurde.
Re: Wie man einst feststellte, ob Frauen Menschen sind
Γραικύλος schrieb am 24.06.2024 um 14:00 Uhr (Zitieren)
Aus zwei Gründen habe ich mich für das "ob" entschieden:
1. weil es tatsächlich zwei kontroverse Standpunkte gab,
2. weil die Art der Entscheidungsfindung, das Deutungsmonopol der Heiligen Schrift, mir sehr zweifelhaft erscheint.
Re: Wie man einst feststellte, ob Frauen Menschen sind
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 24.06.2024 um 19:21 Uhr (Zitieren)
Du gibst den konkreten Beleg in dem von Dir angezogenen Gregor-Zitat. Deine Zweifel in allen Ehren, aber die sind für die Interpretation dieses Zitats unerheblich, sie sind überdies ahistorisch, wenn Du schreibst, "wie festgestellt wurde" und die Feststellung eine klare Position inkl. Begründung liefert (ob Dir die Beweisführung anhand der Schriftzeugnisse paßt oder nicht, ist für das Ergebnis, zu dem die Synode gekommen ist, irrelevant.)
Du schreibst eben nicht, "es wurde diskutiert, ob", Dein 'festgestellt, ob' grenzt (für mich) an Tendenz.
Re: Wie man einst feststellte, ob Frauen Menschen sind
filix schrieb am 25.06.2024 um 00:10 Uhr (Zitieren)
Das sieht im Zeitalter legistisch mehrfach verankerter Menschenrechte und den gesellschaftspolitischen Diskurs wesentlich bestimmender Antidiskriminierungsdebatten natürlich aus wie Misogynie in Reinkultur, die Literatur zu der Stelle sieht darin aber eher eine philologisch-linguistische Kontroverse, bedingt durch den Bedeutungswandel von homo im Übergang von der Spätantike zum Frühmittelalter in der Herausbildung der romanischen Sprachen:
Re: Wie man einst feststellte, ob Frauen Menschen sind
Γραικύλος schrieb am 25.06.2024 um 00:34 Uhr (Zitieren)
Ist denn eine solche Verschiebung der Wortbedeutung ein 'neutrales Ereignis' oder nicht vielmehr genau das: ein Trend zur Misogynie?
Re: Wie man einst feststellte, ob Frauen Menschen sind
Γραικύλος schrieb am 25.06.2024 um 00:41 Uhr (Zitieren)
Anders ausgedrückt: Warum fing man in der christlichen Ära an, unter "homo" nur noch den Mann zu verstehen? Und welches Wort mit übergreifender Bedeutung wäre an seine Stelle getreten?
Re: Wie man einst feststellte, ob Frauen Menschen sind
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 25.06.2024 um 11:38 Uhr (Zitieren)
Die Frage nach dem Grund einer sprachlichen Entwicklung ist zwar spannend, aber selten zufriedenstellend beantwortbar.
Warum hat das Deutsche, das Armenische, das Baskische, das Polnische (ein Hort des Katholizismus), das Ungarische - alles Sprachen christlich geprägter Länder - sich den Unterschied* bewahrt, warum das Englische, Neugriechische, die romanischen Sprachen, das Bulgarische nicht, warum aber heißt es im ebenfalls orthodox geprägten Russland Муж/Мужчина (Mann/Mensch), worin ich eine Parallele zum Dt. vermuten möchte?
Aus meiner bescheidenen Sicht ist es eher zweifelhaft, für diesen Sprachwandel die (welche?) christliche Kirche (oder ihr Walten), gar das christliche Gedankengut allgemein, verantwortlich machen zu wollen.
* Wobei dieser Unterschied ja auch aus dem germ. Adjektiv *manniska-, das in ahd. mennisc (um 800), mhd. mennisch ‘menschlich, mannhaft’, asächs. mennisk, aengl. mennisc, anord. mennskr, got. mannisks vorliegt, herstammt und durch dessen Substantivierung entstanden ist. Vgl. https://www.dwds.de/wb/etymwb/Mensch [Hervorhebung meine]
Re: Wie man einst feststellte, ob Frauen Menschen sind
Γραικύλος schrieb am 25.06.2024 um 12:19 Uhr (Zitieren)
Wenn ich es recht sehe, haben die romanischen Sprachen, als der Bedeutungswandel von "homo" eintrat, allesamt kein neues Wort eingeführt, das auch Frauen mit einschloß. Es sei denn, man nimmt die Ableitungen von "humanus" dafür, das freilich mit "homo" zusammenhängt.
(Auf dieser Basis konnte man dann im 18. Jhdt. ohne große Probleme die Menschenrechte als Männerrechte auffassen.)
Re: Wie man einst feststellte, ob Frauen Menschen sind
filix schrieb am 25.06.2024 um 13:05 Uhr (Zitieren)
Ich denke nicht, dass die Anekdote, in der der als Irrläufer gemaßregelte Bischof, der zudem namenlos bleibt, ja nicht einmal geographisch verortet wird, geeignet ist, als Beweis für eine auch nur sprachvermittelte Dehumanisierung der Frau aus dem Geiste des christlichen Menschenbildes zu dienen, wie wir im Zeitalter des verrechtlichten Rousseauismus das verstehen, als Aberkennung ihres ontologischen Status und der damit verbundenen Rechte insgesamt nämlich.
So attraktiv war der Mensch als sterbliche, schwache und natürlich sündige Kreatur doch nicht, als dass männliche Autorität ein Geschlecht durch gänzliche Absprechung der Zugehörigkeit zur Menschheit hätte treffender erniedrigen können als innerhalb dieses Menschenbildes durch die Ansetzung seiner spezifischen Unterlegenheit und die Zuteilung ihm darob vermeintlich zukommender Aufgaben.