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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Einige Nachsätze über Sisyphos (361 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 17.06.2024 um 14:08 Uhr (Zitieren)
An einer späteren Stelle des Romans heißt es:
Archimboldis Antwort überraschte Bubis. Er schrieb, Sisyphos sei, als er tot war, mit Hilfe einer rechtlichen Schliche dem Totenreich entronnen. Noch bevor Zeus Thanatos befreite, bat Sisyphos, der wusste, die erste Amtshandlung des Todes würde darin bestehen, ihn holen zu kommen, seine Frau, das angestammte Bestattungsritual nicht zu vollziehen. Als darum Sisyphos in der Unterwelt eintraf, machte Hades ihm Vorhaltungen, und wie zu erwarten, erhoben die Mächte des Schattenreichs ihr Geschrei zum Himmels- oder Unterweltsgewölbe, rauften sich die Haare und waren beleidigt. Sisyphos erklärte jedoch, die Schuld läge nicht bei ihm, sondern bei seiner Frau, und bat um eine, sagen wir, richterliche Erlaubnis, zur Erdoberfläche zurückkehren und sich rächen zu dürfen.

Hades überlegte: Sisyphos‘ Vorschlag klang vernünftig, und so wurde er gegen Kaution für eine Frist von drei oder vier Tagen auf freien Fuß gesetzt, genug, um gerechte Rache zu nehmen und, wenn auch ein wenig spät, die gebotenen Bestattungsrituale in die Wege zu leiten. Selbstverständlich ließ sich Sisyphos nicht lange bitten, kehrte auf die Erde zurück und lebte glücklich bis ins hohe Alter, schließlich war er nicht umsonst der listigste Mensch des Globus; erst als sein Körper ihm den Dienst versagte, kehrte er ins Totenreich zurück.

Manche meinen, die Strafe mit dem Felsen habe nur den Zweck verfolgt, Sisyphos zu beschäftigen und seinen Verstand daran zu hindern, neue Schlichen zu ersinnen. Aber eines Tages, wenn niemand damit rechnet, wird Sisyphos etwas einfallen, und dann steigt er wieder zur Erde hinauf, schloss Archimboldi seinen Brief.

(Roberto Bolaño: 2666. München 2009, S. 1028 f.)
Re: Einige Nachsätze über Sisyphos
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 17.06.2024 um 14:50 Uhr (Zitieren)
Am Rande: der Schlich (= Trick, Kniff) -(e)s, meist Plural: die Schliche (der Schliche, den Schlichen, die Schliche), vgl. https://www.dwds.de/wb/Schlich
Wie der Übersetzer auf das Feminum kommt, ist rästelhaft.
Re: Einige Nachsätze über Sisyphos
Γραικύλος schrieb am 17.06.2024 um 15:12 Uhr (Zitieren)
Dein Einwand ist berechtigt; um einen Abschreibfehler meinerseits handelt es sich in diesem Falle nicht.
Re: Einige Nachsätze über Sisyphos
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 17.06.2024 um 17:05 Uhr (Zitieren)
Einen Abschreibfehler hatte ich sowieso nicht angenommen, zweimal derselbe Genusfehler bei unterschiedlichen Kasus, so systematische Abschreibfehler sind doch extrem selten ;-)

Darf ich fragen, wer der Übersetzer (m/w/d) ist?
Re: Einige Nachsätze über Sisyphos
Γραικύλος schrieb am 17.06.2024 um 17:20 Uhr (Zitieren)
Christian Hansen.
Re: Einige Nachsätze über Sisyphos
Γραικύλος schrieb am 17.06.2024 um 17:22 Uhr (Zitieren)
Mir war aufgefallen: die Schuld läge --> die Schuld liege.
Re: Einige Nachsätze über Sisyphos
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 17.06.2024 um 17:40 Uhr (Zitieren)
Danke für die Angabe.
Hansen ist in Köln geboren, im Netz findet sich allerdings mit seinem zweiten Vornamen Skovgaard ein Hinweis auf einen dänischen/norwegischen Hintergrund.
Ich möchte jedoch da nichts hineingeheimnissen, und schon gar nicht einem mehrfach preisgekrönten Übersetzer mit Lappalien am Zeuge flicken.

Über den Konj. II bin ich auch ein wenig ins Nachdenken gekommen, mein erster Impuls war wie der Deine. Selbst wenn Konj. I die eigentlich zu setzende Form der indirekten Rede ist, kann man, wie ich glaube, ihn hier (wenn auch als ein wenig lax) durchgehen lassen, da der Bericht insgesamt in der Vergangenheit spielt.
Aber sowas im Zusammenspiel mit dem doppelten Genusfehler, da schaut man natürlich genauer hin ...
Re: Einige Nachsätze über Sisyphos
filix schrieb am 17.06.2024 um 18:53 Uhr (Zitieren)
Lax würde ich das nicht nennen, in präteritalen Erzählkontexten dient das nicht nur der Kohäsion, sondern - wie im Übrigen der aus einer standardsprachlichen Perspektive, die sich um Textsortendifferenzen nicht weiter kümmert, nicht minder regelwidrige Gebrauch des Indikativs am Ende des Zitats - der Verhinderung der Monotonie durch eine Variation der Mittel. Zudem favorisiert die Charakterisierung des Sisyphos als Trickster einen semantischen Aspekt des Konj. II. beim Gebrauch als nicht anders motivierter Indirektheitskonjunktiv, der es dem Berichter ermöglicht, Zweifel am Wahrheitsgehalt des Berichteten zu kommunizieren.
Re: Einige Nachsätze über Sisyphos
Γραικύλος schrieb am 18.06.2024 um 16:52 Uhr (Zitieren)
Dafür spricht, daß es nur an einer Stelle vorkommt, nämlich als Sisyphos eindeutig lügt.

In zwanzig oder dreißig Jahren wird man "läge" gar nicht mehr verstehen, weil sich beim Konjunktiv II endgültig die Version mit "würde (liegen)" durchgesetzt haben wird.

"Schlich/Schliche" bleibt unerklärt.
Re: Einige Nachsätze über Sisyphos
filix schrieb am 19.06.2024 um 00:23 Uhr (Zitieren)
Bei Schliche/Schlichen liegt die irrige Ableitung aus der den Gebrauch des Wortes dominierenden Redewendung jemandem auf die Schliche kommen nahe, wer darin den Plural nicht erkennt, zieht entsprechend falsche Schlüsse.

Für den vollständigen Untergang des Konj.II in seinen schriftsprachlichen Domänen gibt es keine Beweise. Schon bei der Prognose der Verdrängung einzelner Konjunktiv-II-Formen durch die nebenbei ziemlich komplexe Konstruktion würde & Infinitiv ist Vorsicht angebracht. Für läge etwa zeigt das Zeitungskorpus des DWDS eine höhere jährliche Frequenz zwischen 1986 und 2024 als zwischen 1946 und 1986. Da gibt es eindeutig bessere Kandidaten, es steht also nicht zu befürchten, dass in 20 oder 30 Jahren Sisyphos' Erklärung Bolaños künftigen Lesern unverständlich geworden sein wird.
 
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