Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Ein Satz über Sisyphos (223 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 16.06.2024 um 00:30 Uhr (
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Der Verleger Jacob Bubis:
[...] Die äußerlichen Paraphernalien, die jeder Mensch ein Leben lang vor sich herschieben muss wie Sisyphos seinen Stein, Sisyphos, der als der hinterlistigste aller Menschen gilt, ja, Sisyphos, Sohn von Aiolos und Enarete, Gründer der Stadt Ephyta, wie Korinth früher hieß, eine Stadt, die Sisyphos zu einem Schlupfwinkel für seine munteren Schandtaten machte, denn mit der ihm eigenen körperlichen Gewandtheit und der intellektuellen Neigung, jede Wendung des Schicksals als Schachaufgabe oder Detektivspiel anzugehen, und mit dieser Lust am Necken und Lachen und Sticheln und Zanken und Hohn und Spott und Ulk und Spaß und List und Tücke und Jux und Schabernack und Affentanz und Witz und Possen verlegte er sich aufs Rauben, das heißt, er erleichterte alle Reisenden, die dort vorbeikamen, um ihre Habe, er beraubte sogar seinen Nachbarn Autolykos, selbst ein Dieb, vielleicht in der unwahrscheinlichen Hoffnung, dass, wer den Räuber beraubte, sich hundert Jahre Straffreiheit erwarb, und entbrannte in Liebe zu dessen Tochter Antikleia, denn Antikleia war sehr schön, eine Tollkirsche, aber diese Antikleia hatte einen offiziellen Verlobten, will sagen: Sie war einem gewissen Laertes, der später berühmt wurde, zur Ehe versprochen, was Sisyphos nicht schreckte, zumal er im Vater des Mädchens, dem Räuber Autolykos, einen Komplizen wusste, dessen Bewunderung für Sisyphos gestiegen war wie die Wertschätzung, die ein ehrlicher und objektiver Künstler einem anderen, höher begabten Künstler entgegenbringt, sagen wir also, dass Autolykos, denn er war ein Ehrenmann, an seinem Wort Laertes gegenüber festhielt, allerdings ohne scheele Blicke oder auch nur zu Hohn und Spott seines künftigen Schwiegersohns die Liebesbezeugungen beobachtete, mit denen Sisyphos seine Tochter überschüttete, die sich am Ende, wie es heißt, mit Laertes vermählte, doch nachdem sich Antikleia Sisyphos ein- oder zweimal, fünf- oder sechsmal, vielleicht auch zehn- oder fünfzehnmal hingegeben hatte, jedes Mal mit Billigung des Autolykos, der wünschte, Sisyphos möge seiner Tochter seinen Samen einpflanzen, damit er einen Enkel bekäme, der so listig wäre wie jener, wurde sie wirklich schwanger, und neun Monate später, als Antikleia bereits Laertes‘ Frau war, gebar sie einen Sohn, der Odysseus oder Ulixes genannt wurde und sich tatsächlich als so listenreich erwies wie sein Vater, welcher sich freilich nie um ihn kümmerte und sein Leben unverändert fortsetzte, ein Leben der Ausschweifungen, Feste und Vergnügungen, in dessen Verlauf er Merope heiratete, schwächstes Licht im Sternbild der Plejaden, darum nämlich, weil sie einen Sterblichen geheiratet hatte, einen verdammten Sterblichen, einen verdammten Wegelagerer, einen verdammten Ganoven, wild nach Ausschweifungen, blind vor Ausschweifungen, eine davon, und beileibe nicht die geringste, die Verführung von Tyro, der Tochter seines Bruders Salmoneus, nicht weil sie ihm gefallen hätte, nicht weil sie besonders sexy gewesen wäre, sondern weil Sisyphos seinen eigenen Bruder hasste und ihm schaden wollte, und aus diesem Grund wurde er nach seinem Tod in der Unterwelt dazu verdammt, einen Felsblock einen Hügel hinaufzurollen, von wo er wieder herunterrollte, von wo Sisyphos ihn wieder hinaufrollte, und so in alle Ewigkeit, eine fürchterliche Strafe, die Sisyphos‘ Verbrechen oder Sünden überstieg und eher ein Racheakt von Zeus war, denn, so wird erzählt, Letzterer kam einmal mit einer Nymphe, die er vergewaltigt hatte, durch Korinth, und Sisyphos, der intelligenter war als die Polizei erlaubt, bekam das spitz, und als später Asopos, der Vater des Mädchens, auf der verzweifelten Suche nach seiner Tochter vorbeikam, erbot sich Sisyphos, als er ihn sah, ihm den Namen des Vergewaltigers zu verraten, wenn Asopos im Gegenzug in der Stadt Korinth eine Quelle entspringen ließe, was beweist, dass Sisyphos kein schlechter Bürger war, oder auch bloß, dass er Durst hatte, jedenfalls ging Asopos darauf ein, es entsprang eine Quelle kristallklaren Wassers, und im Gegenzug verriet Sisyphos den Göttervater, der ihm, fuchsteufelswild, postwendend Thanatos, den Tod, auf den Hals hetzte, der Sisyphos jedoch nicht gewachsen war, denn mit einem genialen Schachzug, der seinem Witz und seiner findigen Intelligenz keine Schande machte, fing und fesselte er Thanatos, eine Meisterleistung, zu der sehr wenige, wirklich sehr wenige das Zeug hatten, und hielt Thanatos lange Zeit gefangen, eine Zeit, während der kein einziger Mensch vom Antlitz der Erde verschwand, ein goldenes Zeitalter, in dem die Menschen, ohne dafür ihr Menschsein abzulegen, frei von der Last des Todes lebten, also frei von der Last der Zeit, denn Zeit war das, was es im Überfluss gab, möglicherweise das, was eine Demokratie auszeichnet, die überschüssige Zeit, der Mehrwert an Zeit, Zeit zum Lesen und Zeit zum Nachdenken, bis Zeus persönlich eingreifen und Thanatos befreien musste, woraufhin Sisyphos starb.
(Roberto Bolaño, 2666. München 2009, S. 996-998)
Daß Sisyphos der Vater des Odysseus sei, ist überliefert bei:
- Aischylos fr. 175 TrGF (Nauck)
- Sophokles, Philoktet V. 1311
- Euripides, Iphigenie in Aulis V. 524
Re: Ein Satz über Sisyphos
Γραικύλος schrieb am 16.06.2024 um 14:09 Uhr (
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Soweit ich es beurteilen kann, hat das alles eine Grundlage in diversen antiken Mythen - hier sprachlich sehr gekonnt in einem einzigen Satz versammelt.