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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
EURO (304 Aufrufe)
filix schrieb am 12.06.2024 um 16:58 Uhr (Zitieren)
Läuft alles nach Plan, wird er am 14. Juli 2024 in Berlin von den Händen der Sieger in den Nachthimmel gestreckt und tausendfach photographiert werden, der silberglänzende Henri-Delaunay-Pokal, die nach dem ersten Generalsekretär der UEFA benannte Gewinntrophäe der Fußball-Europameisterschaft.

Dass dieser vom Sohn des Namensträgers Pierre Delaunay mit entworfene und von der Pariser Goldschmiede Adrien Chobillon gefertigte, 1960 erstmals verliehene, 2008 im Mutterland des Fußballs schließlich einem Redesign unterzogene Siegespreis seiner Gestalt nach irgendetwas mit der griechischen Keramik der Antike zu schaffen hat, ist zwar nicht unbemerkt geblieben, soweit ich sehe, mit einer Ausnahme aber nie Gegenstand besonderer Nachforschung geworden. Dazu ein paar beiläufige Überlegungen:


Der Pokal selbst ist meines Erachtens anders als von Andreas Kopp, Assistant Professor in Classical Art, Faculty of Arts der University of Nottingham, anlässlich der EURO 2020 [1] behauptet, kunstgeschichtlich betrachtet nicht an der im Louvre verwahrten, in Vulci gefundenen Halsamphore, die Euphronios zugeschrieben wird und nur am Hals mit der Darstellung eines Kottabos-Spielers versehen ist, orientiert, sondern klar von der ebendort seit 1875 in der Sammlung befindlichen sogenannte Amphore de Milo beeinflusst [2].



Dafür sprechen, vergleicht man die Trophäe in ihrer ursprünglichen Form, wie sie etwa in der Ausgabe Nr.3 des Football Magazine anno 1960 auf Seite 6 oder auf unzähligen Photos des Finaljubels vor 2008 abgebildet ist, neben der Lippe, den geflochtenen Henkeln, deren Ansatzpunkten und Biegung, insbesondere die Führung der Figurenachse insgesamt und der anders als bei der Euphronios-Amphore vorhandene Fuß, der meines Erachtens so gut wie unverändert übernommen wurde.

Erst die durch einen Londoner Juwelier im Auftrag der UEFA erfolgte Umgestaltung 2008 hat diese Bezüge ein wenig verwischt, der Sockel wurde entfernt, der Fuß konisch verbreitert und mit dem eigentlichen Körper verschmolzen.

Man darf überdies, obwohl darauf am Pokal nicht mehr explizit referiert wird, annehmen, dass die Darstellung des erbitterten Kampfes zwischen den olympischen Göttern und Gaias Nachfahren um die göttliche Vorherrschaft, die Gigantomachie, die die Amphore de Milo ziert, den am Entwurf Beteiligten besser zu einem Wettkampffinale zu passen schien als ein Trinkspiel.

Ersetzt wurde im ursprünglichen Entwurf von 1960 diese martialische Darstellung allerdings durch ein im archäologischen Nationalmuseum zu Athen verwahrtes Basrelief, welches einen Athleten zeigt, der ohne sichtbaren Gegner einen Ball auf dem Oberschenkel balanciert.

Das nachvollziehbare Bedürfnis, auf diese symbolische Weise die Ursprünge des Spiels in die griechische Antike zu verlegen, den kleinsten gemeinsamen Nenner auf den europäische Nationen sich verständigen können, fünfzehn Jahre nachdem sie als Feinde sich unter Zurücklassung von Millionen Toten auf dem Feld der Geschichte trennten, um einander im mehr oder weniger zivilisierten Wettstreit auf Rasen wiederzusehen, ist heute einer differenzierten historischen Betrachtung gewichen, die im επίσκυρος, dem Spiel hinter dem Balljongleur, eine recht brutale Form von Rugby [5] vermutet.

Die Suche nach dem antiken Ursprung der Massensportart entwickelte sich weiter zum halbernsten intellektuellen Spiel. In den 1990ern hat Mischa Meier mit Apopudobalia: Antike Sportart, wohl eine antike Form des neuzeitlichen Fußballspiels .. einen, wie wir heute sagen würden, Fake-Artikel in den Neuen Pauly eingeschmuggelt. Schließlich verschwindet auch die Darstellung auf dem Redesign von 2008, die Euro als friedlicher Wettstreit wurde selbst zu einer Tradition der europäischen Nachkriegsordnung, sie hat diese unverdächtige gemeinschaftliche Referenz nicht mehr so dringend nötig.

Stellt man sich die Frage, warum jenseits dieser zeitgeschichtlichen Dimension der Sieger eines auf Rasen ausgetragenen Mannschaftsballsportes, der seinen modernen Ursprung u.a. in den Milieus englischer Public Schools, also entsprechend kostspieligen Privatschulen, hat, die ihn als charakterbildende Ertüchtigung für künftige Funktionseliten des British Empire auffassten, eine Art griechische Vase erhält, muss man einen Blick in die allgemeine Geschichte neuzeitlicher Trophäen und Siegespreisen in der allmählichen Herausbildung dessen, was wir heute als Sport bezeichnen, werfen.

Denn natürlich ist der Euro-Pokal nicht der erste seiner Art, ich vermute, dass die seit dem Ende des 17. Jahrhunderts bestehende Tradition, dem Sieger u.a. von Pferderennen Kelche (das Wort Pokal hält diesen Ursprung ja fest) zu offerieren, im 18. und 19. Jahrhundert von verschiedenen klassizistischen Moden in der Wiederentdeckung und Popularisierung antiker Keramik (wie im Goût grec oder dem Neo-grec) überformt und auf eine Vielzahl sich entwickelnder sportlicher Wettbewerbe ausgedehnt wurde.

Die Verbindlichkeit dieses graecozentrischen Formenrepertoires auf dem Gebiet der Trophäe stößt im 20. Jahrhundert mit der massenmedialen Globalisierung sportlicher Wettbewerbe allmählich an eine Grenze, es treten u.a. diesen Umstand figurativ reflektierende (wie FIFA-WM-Pokal) oder auf abstrakte Skulpturen und Plastiken ausweichende Strategien (gerne Gegenstand des Spottes ob ihrer Hässlichkeit), eine inklusive globale Symbolik des nicht nur sportlichen Triumphes zu schaffen, hinzu. Dieser Stilpluralismus ist längst auch auf der untersten Ebene des kompetitiven Freizeitaports angekommen, wie einen der Blick auf die Webseiten diverser Trophäendiscounter lehrt.



[1] https://www.academia.edu/49221187/The_EURO_2020_trophy_A_Greek_amphora_in_all_but_name

https://greekreporter.com/2021/06/11/ancient-greek-vase-inspired-euro-2020-trophy/

[2] https://collections.louvre.fr/en/ark:/53355/cl010280736

https://www.pinterest.co.uk/pin/467178161326976353/


[3] https://disk.yandex.ru/i/AYVuT3Bwz0Rm4g


[4] https://www.zeit.de/zeit-wissen/2010/02/Lexikon-Unwissenschaft/seite-5

[5] https://en.m.wikipedia.org/wiki/Episkyros
Re: EURO
Γραικύλος schrieb am 13.06.2024 um 00:26 Uhr (Zitieren)
Das mit dem Pokal nehme ich gläubig zur Kenntnis - beurteilen kann ich es nicht.

Aber diesen Scherz-Artikel im DNP "Apopudobalia" gibt es tatsächlich, und selbst ich kann feststellen, daß es die von Meier als Beleg genannten Quellen nicht gibt!
Z.B. Tertullian, De spectaculis 31 f.: Der Text endet bei Kapitel 30.
Kurios.
 
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