Γραικύλος schrieb am 10.06.2024 um 15:52 Uhr (Zitieren)
(Hesychios ε 3156)
Re: Sprichwort
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 10.06.2024 um 16:47 Uhr (Zitieren)
Du verkündest dir selbst den Neumond.
Wie soll man das verstehen? Ist das:
- sich selbst das Offensichtliche kundtun?
- sich von anderen und ihren Beobachtungen unabhängig machen oder abkoppeln?
- sich etwas (vielleicht eine offizielle Funktion?) anmaßen?
Re: Sprichwort
Γραικύλος schrieb am 10.06.2024 um 16:54 Uhr (Zitieren)
Ich verstehe es so: Du selbst entscheidest über einen Neuanfang.
Re: Sprichwort
Γραικύλος schrieb am 10.06.2024 um 17:05 Uhr (Zitieren)
Hesychios erwähnt das Sprichwort im Zusammenhang mit einem anderen, das auch dafür verantwortlich ist, daß wir uns hier bei ε befinden:
Und dann folgt das zitierte Sprichwort.
Dies ist also der Kontext.
Re: Sprichwort
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 10.06.2024 um 18:15 Uhr (Zitieren)
Dann spielt bei der Frage, wie das Sprichwort zu verstehen ist, der Hinweis auf die οὐκ εὐγνώστοι (die Unverständigen, die nicht vernünftig urteilen können und deshalb nur nach eigenem Gutdünken über ihr Tun und Lassen entscheiden) aber schon eine Rolle.
Denn der Neumond ist ja kein dem Willen des Einzelnen unterworfenes Faktum, sondern überindividuell und von jedem zu beobachten. Wer also sich selbst den Neumond verkündet, handelt à côté de la plaque, wenn er eine individuelle Entscheidung zu unpassender/unangemessener Zeit trifft.
Jedenfalls soweit dies mein beschränkter Verstand zu erfassen vermag ;-)
Re: Sprichwort
filix schrieb am 10.06.2024 um 19:05 Uhr (Zitieren)
Ein interlunarisches Ausrufungsritual steht immerhin hinter dem Begriff des Kalenders, das ist also wohl nicht nur eine Sache der jedermann zugänglichen Himmelsbeobachtung, sondern ein Akt sozialer Zeitordnung, der hier metaphorisch beansprucht, angemaßt oder verdoppelt wird.
Bei Athenaios gibt es im 8. Buch jedenfalls eine Anekdote über die antiken Schildbürger, die Abderiten, bei denen jeder seinen eigenen Neumondherold habe, von dem er nach Gutdünken Gebrauch mache.
Re: Sprichwort
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 10.06.2024 um 19:51 Uhr (Zitieren)
Genau das, was filix mit so wohlgesetzten Worten inklusive Textbeleg vorbringt, war der Hintergrund meiner Fragen, v. a. der dritten.
Re: Sprichwort
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 10.06.2024 um 19:59 Uhr (Zitieren)
... ohne daß ich gewußt hätte, daß das Ausrufen des neuen Mondes, wie noch im Islam - wo die Beobachtung des Hilal Vorrang vor jeglicher kalendarischer Berechnung hat und vor allem für Beginn und Ende des Ramadan von eminenter Bedeutung ist - bereits in der griechischen Antike Sache eines (bestallten?) Herolds gewesen ist.
Re: Sprichwort
filix schrieb am 11.06.2024 um 13:04 Uhr (Zitieren)
Ich denke, es geht jeweils um das Fehlen einer zwar am Mond orientierten, aber letztlich politisch kontrollierten, für ein Gemeinwesen konstitutiven Zeitordnung, welches im Fall der Abderiten deren Ruf als eigensinnige Dummköpfe bestätigt, die ohne Verständnis für dessen eigentliche Funktion ein Ritual willkürlich imitieren, sodass jeder seinen eigenen Kalender führt. Die Witze im Philogelos über diese Schildbürger der Antike arbeiten sehr oft mit vergleichbarer Illogik, die offenbaren, dass der Abderit gar nicht verstanden hat, was eine Sache ihrem Wesen nach und in all ihren Konsequenzen bedeutet, worauf er sich in Fehlschlüssen und Widersprüchen verheddert.
Ob es sich um ein Sprichwort handelt, wie wir das heute verstehen, und ob dabei dieses in der Übertragung einen positiven Sinn solcher Eigenzeit (wie etwa die individuelle Entscheidung über einen Neuanfang) ausdrückt, scheint mir wenigstens fraglich.
Re: Ein Sprichwort von Hesychios #1
Γραικύλος schrieb am 13.06.2024 um 16:56 Uhr (Zitieren)