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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Montaigne über Julian Apostata #3 (249 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 20.12.2023 um 14:31 Uhr (Zitieren)
Montaigne, Essais II 19: Über Gewissensfreiheit:
Was sein militärisches Können anlangt, war er in allem, was einen großen Feldherrn ausmacht, bewundernswert; daher befand er sich auch fast sein ganzes Leben hindurch auf Kriegszügen, die meiste Zeit im heutigen Frankreich gegen die Alemannen und Franken. In der Geschichte ist kaum ein Mann bekannt, der mehr Gefahren die Stirn geboten und häufiger sein Lebens aufs Spiel gesetzt hätte.

Sein Tod gleicht in mancher Hinsicht dem des Epaminondas: Er wurde von einem Pfeil getroffen und versuchte, ihn herauszureißen – was ihm durchaus geglückt wäre, wenn er sich an dessen Schärfe nicht die Hand zerschnitten und so ihren Zugriff geschwächt hätte. Daraufhin befahl er, ihn trotz seines Zustands unverzüglich ins Treffen zurückzutragen, weil er seine Soldaten anfeuern wollte; doch sie durchfochten die Schlacht auch ohne ihn mit größter Tapferkeit, bis die hereinbrechende Nacht die Heere trennte.

Die ungemeine Mißachtung, die seine Haltung zum Leben und zu den menschlichen Dingen bestimmte, verdankte er der Philosophie. Fest glaubte er an die Unsterblichkeit der Seele.
Ansonsten war er irrgläubig durch und durch. Man hat ihn Apostata genannt, weil er unserer Religion abtrünnig geworden sei. Meines Erachtens spricht jedoch mehr für die Auffassung, daß er sie sich nie zur Herzenssache gemacht, sondern aus Gehorsam gegenüber den Gesetzen nur vorgetäuscht hat, bis er das Reich fest in der Hand hielt. Mit seiner eignen Religion aber nahm er es so genau, daß selbst seine Glaubensgenossen über ihn spotteten und sagten, im Fall eines Sieges über die Parther hätte er gewiß den ganzen Rinderbestand der Welt als Dankopfer hinschlachten lassen. Auch war er völlig in die Wahrsagekunst vernarrt und schenkte jedweder Zukunftsdeutung Glauben.

Sterbend sagte er unter anderm, er wisse den Göttern Lob und Dank, daß sie ihn nicht schlagartig dahingerafft, sondern ihm geraume Zeit vorher schon Ort und Stunde seines Endes verkündet hätten (ähnlich wie Marcus Brutus hatte er nämlich eine Vision, die ihn zunächst in Gallien gewarnt hatte und ihm später in Persien wieder erschien, kurz vor seinem Tod), Lob und Dank auch, daß ihm ein sanfter und unmännlicher Tod erspart geblieben sei, der besser zu müßigen und verweichlichten Menschen passe, und ebenso ein sich lang hinziehender und schmerzvoller – kurz, daß sie ihn würdig befunden hätten, auf solch edle Weise zu sterben: mitten im Siegeslauf und in der Blüte seines Ruhms.

Als er sich getroffen fühlte, soll er die Worte ausgestoßen haben: „Du hast gesiegt, Nazarener!“ oder nach andren Quellen „Sei zufrieden, Nazarener!“ Wenn aber meine Zeugen, Christen beide, sie für wahr gehalten hätten, wären sie von ihnen bestimmt erwähnt worden – befanden sie sich doch in seinem Heer und hielten in ihren Berichten über seinen Tod selbst die geringsten Regungen und Äußerungen fest. Auch von gewissen andren Wundern, die bei seinem Verscheiden geschehen sein sollen, ist bei ihnen keine Rede.

Doch worauf ich hinauswill, ist folgendes: Laut Marcellinus hing Julian in seinem Herzen tatsächlich schon lange dem Heidentum an. Weil aber sein ganzes Heer aus Christen bestand, wagte er dies nicht offen zu bekennen. Sobald er sich jedoch stark genug sah, damit hervorzutreten, ließ er die Tempel der Götter wiedereröffnen und versuchte mit allen Mitteln, den Götzendienst durchzusetzen. Und um sein Ziel zu erreichen, beorderte er in Konstantinopel, wo er das Volk wie die Oberhirten der christlichen Kirche gespalten fand, diese in seinen Palast und ermahnte sie eindringlich, die inneren Zwistigkeiten zu dämpfen und jeden ohne Fessel und Furcht seine eigne Religion ausüben zu lassen.

Darauf drang er nämlich deswegen mit so großem Eifer, weil er insgeheim hoffte, daß eine derart unbegrenzte Freiheit die Spaltungsumtriebe und Parteiungen weiter vermehren und das Volk daran hindern werde, sich zusammenzuschließen und durch Einigkeit und völlige Eintracht gegen ihn mächtig zu werden; denn an der Grausamkeit mancher Christen hatte er gesehn, daß es auf Erden kein Tier gibt, das der Mensch derart fürchten müßte wie den Menschen. (So lauten ungefähr seine überlieferten Worte.)

Hierbei ist bedenkenswert, daß Kaiser Julian, um jene inneren Zwistigkeiten in Wirklichkeit zu schüren, sich des gleichen Mittel der Gewissensfreiheit bediente, das unsere Könige gerade erst angewandt haben, um die unsren auszulö-schen. Einerseits kann man natürlich sagen, den Parteien zum Verfechten ihrer Überzeugungen die Zügel schießen zu lassen heiße die Saat der Spaltung verbreiten und ihrem Wachstum gleichsam Vorschub zu leisten, da es dann ja keinerlei Gesetzesschranke und -zwang mehr gebe, ihrem Weiterwuchern Einhalt zu gebieten. Andrerseits aber kann man ebensogut sagen, den Parteien zum Verfechten ihrer Überzeugungen die Zügel schießen zu lassen heiße sie durch solche Lockerung entspannen und besänftigen, heiße den vom Reiz des Besondren, der Neuerung und der erwarteten Widerstände geschärften Stachel entschärfen.

Der Gottesfurcht unsrer Könige zu Ehren möchte ich jedoch eher glauben, daß sie nur, weil sie nicht konnten, was sie wollten, so getan haben, als wollten sie, was sie konnten.

(Michel de Montaigne: Essais. Übersetzt von Hans Stilett. Darmstadt 1999, S. 333-335)
 
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