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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Montaigne über Julian Apostata #1 (257 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 18.12.2023 um 15:40 Uhr (Zitieren)
Montaigne, Essais II 19: Über Gewissensfreiheit:
[...] Fest steht, daß schon in jenen alten Zeiten, da unsere Religion durch Gesetzeskraft maßgeblichen Einfluß zu erlangen begann, der Glaubenseifer viele ihrer Anhänger gegen jede Art von heidnischen Büchern wüten ließ, deren Verlust die Gelehrten von heute noch zutiefst bedauern. Meiner Meinung nach haben diese Ausschreitungen der Literatur und Wissenschaft mehr Schaden zugefügt als alle Brandschatzungen der Barbaren.

Ein treffendes Beispiel dafür ist Cornelius Tacitus, denn obwohl auf ausdrücklichen Befehl des Kaisers Tacitus (1), eines Verwandten von ihm, alle Büchereien der Welt mit seinen Werken ausgestattet worden waren, ist doch kein einziges vollständiges Exemplar den eifrigen Nachstellungen derer entgangen, die wegen fünf, sechs nebensächlichen Sätzen gegen unsre Religion ihre Zerstörung betrieben. Auch pflegten diese Leute allen Kaisern, die es mit uns Christen hielten, von vornherein unberechtigtes Lob zu spenden, die Taten jener aber, die uns feind waren, in Bausch und Bogen zu verdammen – wie leicht an Kaiser Julian, genannt Apostata, zu sehen ist.

In Wirklichkeit war das nämlich ein ungewöhnlicher, ein wahrhaft großer Mann: einer, der seine Seele in lebendiger Aufgeschlossenheit mit den Lehren der Philosophie vollgesogen hatte, die er zur Richtschnur all seines Tuns erklärte; so gibt es denn auch keine Tugend, von der er nicht höchst denkwürdige Beispiele hinterlassen hätte.
Von seiner durch sein ganzes Leben klar bezeugten Keuschheit ist zum Beispiel folgender Fall überliefert, der an einen ähnlichen Charakterzug Alexanders und Scipios erinnert: Keine einzige der vielen schönen Frauen, die gefangengenommen worden waren, wollte er auch nur ansehn, da er in der Blüte seiner Jahre stand. (Als er von den Parthern getötet wurde, war er erst einunddreißig Jahre alt.)

Seinen Gerechtigkeitssinn zeigt die Tatsache, daß er sich die Mühe nahm, streitende Parteien selber anzuhörn; und obgleich er sich aus Neugierde bei denen, die sich an ihn wandten, nach ihrer Religion erkundigte, warf er doch seine Ablehnung der unsern niemals in die Waagschale. Er verfaßte persönlich viele gute Gesetze und kürzte einen Großteil der Abgaben und Steuern, die seine Vorgänger erhoben hatten.

(1) reg. 275-276
Re: Montaigne über Julian Apostata #1
Johannes schrieb am 19.12.2023 um 14:02 Uhr (Zitieren)
Fest steht, daß schon in jenen alten Zeiten, da unsere Religion durch Gesetzeskraft maßgeblichen Einfluß zu erlangen begann, der Glaubenseifer viele ihrer Anhänger gegen jede Art von heidnischen Büchern wüten ließ, deren Verlust die Gelehrten von heute noch zutiefst bedauern.

Dazu gibt es ein neueres Buch:
Catherine Nixey
Heiliger Zorn: Wie die frühen Christen die Antike zerstörten
Mit zahlreichen farbigen Abbildungen, DVA 2019

https://de.wikipedia.org/wiki/Catherine_Nixey
Re: Montaigne über Julian Apostata #1
Γραικύλος schrieb am 19.12.2023 um 14:30 Uhr (Zitieren)
Von diesem Buch war hier schon öfters die Rede, z.B.:
https://www.albertmartin.de/altgriechisch/forum/?view=6201
https://www.albertmartin.de/altgriechisch/forum/?view=9167#4

Ich kann es empfehlen.
 
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